Wie lang können Frauen wirklich warten, um Kinder zu bekommen?

Frauen wird Panik gemacht, dass sie früh Kinder bekommen müssen. Eine "Atlantic"-Autorin stellt in Frage, ob Fruchtbarkeit vielleicht länger anhält, als wir denken.

Daten über Fruchtbarkeit weitestgehend veraltet

Die Autorin Jean Twenge von der amerikanischen Zeitschrift "The Atlantic" stellt diese von Medien und Ärzten propagierte These allerdings in Frage. "Als psychologische Wissenschaftlerin, die selber schon oft in wissenschaflichen Zeitschriften publiziert hatte, wusste ich, dass die Berichterstattung in Mainstream-Medien den Ergebnissen oft nicht ganz gerecht wird". Sie recherchierte das Thema selbst noch einmal nach und hatte eine überraschende Erkenntnis: "Die meist zitierte Studie zu diesem Thema basiert auf einem Artikel der 2004 im Journal "Human Reproduction" veröffentlicht wurde. Was hier selten erwähnt wird: Die Daten basieren auf französischen Geburtsstatistiken aus den Jahren 1670 bis 1830." Die Aussage also, dass eine von drei Frauen, die zwischen dem Alter von 35 und 39 Jahren versucht, schwanger zu werden, kinderlos bleibt, ist nicht wirklich auf die Gegenwart übertragbar.

Wenig eindeutige Studien

"Überraschend wenige, gute gemachte Studien über weibliches Alter und natürliche Fruchbarkeit beinhalten Daten von Frauen die im 20. Jahrhundert geboren sind. Und diejenigen, die es gibt, zeichnen ein wesentlich positiveres Bild: Eine Studie, die 2004 im Journal "Obstetrics & Gynecology publiziert wurde, untersuchte die Wahrscheinlichkeit von 770 europäischen Frauen, schwanger zu werden. Wenn sie zwei Mal in der Woche Sex hatten, wurden 82 Prozent der Frauen zwischen 35 und 39 innerhalb eines Jahres schwanger, bei 27 bis 34-jährigen waren es 86 Prozent. Die Fruchtbarkeit von Frauen Ende 20 und Anfang 30 war ziemlich gleichwertig, was an sich schon eine Neugikeit ist.

Rückgang an Fruchtbarkeit mit Alter wird dramatisch überschätzt

Eine andere Studie, die an der Boston University ausgewertet wurde, folgte 2820 dänischen Frauen, die versuchten, schwanger zu werden. Von den Frauen, die während ihrer fruchtbaren Tage Sex hatten, wurden 78 Prozent der 35-40-jährigen innerhalb eines Jahres schwanger, bei den 20-34-jährigen waren es 84 Prozent. Eine andere Studie, die von Anne Steiner an der University of North Carolina durchgeführt wurde, zeigte, dass 80 Prozent von weißen, normalgewichtigen Frauen zwischen 38 und 39 innerhalb von 6 Monaten schwanger wurde. "Laut unseren Daten sinkt die Wahrscheinlichkeit bis zum 40. Geburtstag nicht stark ab", so Anne Steiner gegenüber "The Atlantic".

Das sind nur wenige Studien mit einer limitierten Stichprobe, aber warum gibt es so wenig vertrauensvolle Daten über weibliche Fruchtbarkeit? Frauen zu finden, die gerade versuchen, schwanger zu werden, ist schwierig. Das Zeitfenster, bis sie schwanger sind, ist kurz und viele bekommen Kinder in ihren Zwanzigern und verhüten danach hormonell oder lassen sich sterilisieren. Außerdem könnte es sein, dass Frauen über 35, die versuchen schwanger zu werden, weniger fruchtbark sind als durchschnittliche 35-jährige Frauen, die vielleicht versehentlich schon früher schwanger wurden oder sehr schnell, nachdem sie es angenfangen haben, es zu versuchen. Diejenigen, die mit über 35 noch kein Kind haben, sind statistisch gesehen weniger fruchtbar.

Künstliche Befruchtung nicht mit natürlicher Empfängnis vergleichbar

Ein weiteres Problem ist, dass fälschlicherweise oft die Fruchtbarkeitsraten von künstlicher Befruchtung verallgemeinert werden. Bei künstlicher Befruchtung muss man mehrere Eier entnehmen und jüngere Körper reagieren besser auf die Medikamente. Die Erfolgsraten von künstlicher Befruchtung sind statistisch wesentlich leichter zu erfassen und sinken tatsächlich signifikant mit dem Alter. Dasselbe lässt sich aber nicht für natürliche Empfängnis sagen.

Weibliches Alter nicht ausschlaggebend

Tatsächlich überschätzen wir den Rückgang an Fruchtbarkeit mit dem Alter dramatisch. Die meisten Empfängnisschwierigkeiten haben nichts mit dem Alter der Frau zu tun, meistens sind das Problem blockierte Eileiter oder Endometriose, und die diesbezüglichen Raten sind altersunabhängig. Rund die Hälfte aller Fälle von Empfängnisschwierigkeiten gehen auf den Mann zurück, und Forschungsergebnisse suggerieren, dass die mit dem Alter schlimmer werden.

... und was ist mit Defekten?

Natürlich sind auch Geburtsdefekte eine Sorge die Frauen mit zunehmendem Alter haben. Die Wahrscheinlichkeit für Down Syndrom steigt, und viele der unbemerkten, ganz frühen Fehlgeburten sind auf solche Anomalien zurückzuführen. Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich ein Kind mit einer chromosomalen Auffälligkeit zu gebären, ist auch in fortgeschrittenem Alter relativ gering: 99 Prozent aller Föten sind bei 35-jährigen Frauen normal, und 97 Prozent bei 40-jährigen Frauen. Mit 45 sinkt die Zahl auf 87 Prozent.

Also wie lang kann man sich jetzt Zeit lassen mit Babys?

Insgesamt lassen sich keine absolut eindeutigen Zahlen nennen, wann man spätestens Kinder bekommen sollte, aber eines scheint die Recherche von Jean Twenge jedenfalls zu zeigen: "Baby Panik" oder Panik vor der tickenden biologischen Uhr ist mit 30 nicht notwendig. Frauenkörper sind aufgrund der besseren medizinischen Versorgung und Ernährung heute wesentlich länger fruchtbar, und bis zum 40. Lebensjahr ist der Rückgang an Fruchtbarkeit im absolut marginalen Bereich.

 

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