Wie kommt Feminismus auch in entlegene Gebiete?

Gewalt, Armut, Hunger und Vertreibung: Die Region um den Tschadsee ist bereits im zehnten Jahr einer humanitären Krise. Gladys Archange ist Länderdirektorin von CARE im Tschad und erklärt, warum die Krise für Frauen und Mädchen besonders bedrohlich ist – und wie Feminismus auch in entlegensten Gebieten ankommt.

Gladys

Zehn Jahre Gewalt, Armut, Hunger, Vertreibung und der sinkende Wasserspiegel des Tschadsees haben dazu geführt, dass heute fast zehn Millionen Menschen auf der Flucht sind. Etwa 657.000 Vetriebene leben im Tschad. Im an den Tschadsee angrenzenden Nordosten Nigerias ist Armut nach wie vor Realität. Dazu kommt die sich verschärfende Ernährungskrise: In Kamerun, Nigeria und im Tschad fehlt fast 3,4 Millionen Menschen der regelmäßige Zugang zu Nahrung.

Nur: Öffentliches Bewusstsein gibt es dafür kaum. Die Krise um den Tschadsee gehört zu den Top 10 der vergessenen humanitären Krisen – also jene Krisengebiete, über die weltweit am wenigsten berichtet wird. (>>> Wir berichteten hier über den „Suffering in Silence“-Report von CARE)

Krise für Frauen besonders bedrohlich

Für Mädchen und Frauen ist die Krise besonders gefährlich. Schwangerschaft und Geburt können in der Tschadsee-Region lebensbedrohlich sein: 45 Prozent aller Todesfälle von Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren sind darauf zurückzuführen. Die Verheiratung von minderjährigen Mädchen ist weit verbreitet und sexualisierte Gewalt, sowie die Bedrohung durch Menschenhandel und andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt sind aufgrund des bewaffneten Konflikts Realität.

Die Hilfsorganisation CARE hat in den vergangenen zehn Jahren 1,2 Millionen in der Region mit Hilfsmittel versorgt, das sind etwa elf Prozent der betroffenen Bevölkerung. Das Ziel sei dabei laut Gladys Archange, Länderdirektorin von CARE im Tschad: "Den Menschen jene Mittel zu geben, damit sie sich selbst helfen können." Wie kann das gelingen?

WIENERIN: Du meintest, es wäre wichtig, Frauen jene Mittel zu geben, die sie brauchen, um sich selbst aus ihrer Situation heraus zu helfen. Trotzdem kann man als Individuum kaum gesellschaftliche Ungleichheiten bekämpfen. Wie bewusst sind den Frauen im Tschad die strukturellen Probleme hinter der Krise?

Gladys Archange: Sehr bewusst, weil sie genau dieses strukturelle Ungleichheit jeden Tag zu spüren bekommen. Wir versuchen daher zusätzlich auch mit jenen Personen zu arbeiten, die in den Communities eine gewisse Machtposition inne haben. Auch ein religiöser Führer oder ein Oberhaupt einer kleinen Community in einem entlegenen Gebiet muss verstehen: Frauenrechte sind Menschenrechte. Sie müssen verstehen, dass Frauen eine aktive Rolle in einer Gesellschaft übernehmen können, sollen und müssen.

Das ist natürlich für uns von CARE nicht immer einfach, denn wir leben hier nun mal in einer patriarchalen Gesellschaft. Alle Entscheidungen werden von Männern getroffen. Im Tschad kann etwa auch nur ein Mann die Entscheidung treffen, dass seine Frau einen Kaiserschnitt bekommen darf. Auf ganz vielen Adoptionspapieren finden sich deshalb Erzählungen, wie Frauen zu Tode geblutet sind, weil sie zu lange auf die Einwilligung ihres Ehemannes zu einem Kaiserschnitt warten mussten. Das Patriarchat ...

... tötet also?

Absolut. Alles - alle Machtpositionen, alle Entscheidungsträger, alle Zugänge zu Veränderung - ist von Männern besetzt. Natürlich sind auch im Tschad vor dem Gesetz alle gleich, aber das ist nicht die Realität.

Neben dem Kampf gegen die Ernährungskrise und humanitäre Hilfe ist also auch die Bewusstseinsarbeit ein essentieller Bestandteil deiner Arbeit - kann man das so sagen?

Ja. Das ist als Hilfsorganisation keine einfache Aufgabe, aber wir wollen Menschenrechte für alle. Dazu gehört auch: Bewusstsein schaffen dafür, dass Frauen in Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden. Das ist noch ein langer Weg, aber ich bin mir sicher, dass wir ankommen werden. Mit Babysteps.

Langsam sehen wir im Tschad auch schon kleine Erfolge: Immer mehr Frauen haben eigene kleine Geschäfte, verdienen ihr eigenes Geld. Dadurch können sie sich Bildung leisten. Wir versuchen zudem insbesondere Frauen Lesen und Schreiben beizubringen, damit sie die Zeugnisse ihrer Kinder lesen und verstehen, ihren Namen schreiben und Kontakte in ihrem Telefon eigenständig auswählen können. Immer mehr Männer merken so auch, dass Frauen eine zunehmend größere Rolle in der Gesellschaft spielen - und dass das gut ist. Die Mentalität verändert sich.

Auch ein religiöser Führer oder ein Oberhaupt einer kleinen Community in einem entlegenen Gebiet muss verstehen: Frauenrechte sind Menschenrechte.

von Gladys Archange, CARE

Vor dem Gesetz sind alle gleich. Trotzdem sterben bis heute Frauen durch Ungleichheiten, wie du schon gesagt hast. Woran liegt das?

Auf dem Papier herrscht Geschlechtergleichheit. In der Realität kommt das Gewicht von kulturellen Denkmustern dazu - und dieses Gewicht ist enorm schwer. Die Regierung schreibt sich auch Geschlechtergleichheit auf die Fahnen, aber in der Realität ist es noch ein langer Weg bis dorthin.

Wie empfindest du das Arbeiten mit kleinen Communities in entlegenen Gebieten: Wird dir als Frau dort zugehört?

Sagen wir es so: Es ist nicht immer einfach. Ich versuche dann immer, irgendwie die Aufmerksamkeit der Männer zu bekommen, indem ich mich als Beispiel für ihre Töchter präsentiere. Ich frage sie: "Wollen Sie, dass Ihre Tochter später eine mächtige, wichtige Person in der Gesellschaft wird und eigene Entscheidungen treffen kann?" Darauf antworten die meisten mit Ja. Ich erkläre dann weiter: Wenn sie das tatsächlich wollen, müssen sie demnach kulturell verankerte Denkmuster aufbrechen.

Wie kann geschlechterspezifische Gewalt bekämpft werden, wenn die Frau einen so deutlich geringeren Stellenwert hat als der Mann? Haben betroffene Frauen deiner Erfahrung nach das Gefühl, sie würden die Gewalt nun mal verdienen, weil sie Frauen sind?

Ja. Das ist leider häufig der Fall. Bevor wir die Gewalt bekämpfen können, müssen die Frauen im Tschad erstmal verstehen, dass manche Taten Formen von sexualisierter Gewalt sind und dass das nicht normal sein sollte. Dazu braucht es sowohl bei Männern als auch bei Frauen Bewusstseinsarbeit. Und hier spreche ich nicht nur von den entlegenen Gebieten. Selbst wenn ich mit sehr gebildeten Männern spreche, merke ich: Es ist schwierig für sie zu verstehen, dass Frauen als gleichwertig angesehen werden. Sie sind davon überzeugt, dass Männer wichtiger, besser sind - und Frauen eine niedrigere Position einnehmen.

Es dauert also noch eine Weile bis das Patriarchat verschwindet, aber wir arbeiten daran, dass künftig jede Frau, jedes Mädchen alles sein kann, was sie sein möchte. Denn das ist ihr Recht.

 

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