Wie kann Inklusion in Unternehmen gelingen?

Die Corona-Krise hat Missstände verdeutlicht und die Situation für Menschen mit Behinderung unter anderem im Bereich der Arbeit verschärft. Was wir alle beitragen können, um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in und außerhalb der Arbeitswelt voranzutreiben.

Warum Unternehmen endlich an Inklusion und Barrierefreiheit denken müssen

Mehr und mehr Unternehmen verstehen, dass sie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung tragen. So ist etwa das Thema Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren weiter in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt und hat auch in Unternehmen mehr Beachtung gefunden. Auch für Themen wie Vielfalt und Inklusion stieg nach und nach das Bewusstsein – seit mit Anfang der Corona-Pandemie in Unternehmen Kurzarbeit und Stellenabbau zur Tagesordnung gehören und Firmen Angst haben, die Krise finanziell nicht zu überstehen, ist das Engagement für diese Bereiche jedoch in den Hintergrund gerückt.

Dabei wäre wohl gerade in Zeiten wie diesen die Förderung von Frauen, Personen mit Migrationsbiografie und Menschen mit Behinderung besonders wichtig, um soziale Ungleichheiten nicht zu verstärken und Unternehmen auf Krisenzeiten vorzubereiten.

Tatsächlich hat sich die Situation für Menschen mit Behinderung in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert, insbesondere was Arbeitssituation und Jobsuche betrifft. Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl machte vor wenigen Monaten darauf aufmerksam, dass die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung nach wie vor nicht den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention entspricht. In viel zu vielen Fällen sei sie sogar "äußerst prekär".

Auch UNO-Generalsekretär Antonio Guterres gab anlässlich des Tages der Menschen mit Behinderung zu bedenken, dass sich bereits existierende Ungleichheiten noch vertieft hätten. Seine Forderung: "Während sich die Welt von der Pandemie erholt, müssen wir sicherstellen, dass die Ziele und Rechte von Menschen mit Behinderungen bei dem Ausbau einer inklusiven, zugänglichen und nachhaltigen Welt nach COVID-19 miteinbezogen und berücksichtigt werden".

Doch wie genau kann das gehen? Wie können Unternehmen Inklusion sinnvoll umsetzen und was kann jede*r von uns zu einer inklusiveren (Arbeits-)welt beitragen? Über diese und weiter Fragen haben wir mit Dr.Robbie Francis Watene gesprochen. Sie ist eine führende Aktivistin für Behindertenrechte aus Neuseeland. Mit "The Lucy Foundation" gründete sie ein internationales Social Business, das Inklusion und Vielfalt in der globalen Kaffeeindustrie fördert. Sie setzt sich dafür ein, dass Kaffeeproduzent*innen mit Behinderungen einen fairen Lohn erhalten und verändert so die globale Kaffeeindustrie. Watene außerdem im Monitoring-Ausschuss für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Neuseeland und promovierte in Friedens- und Konfliktforschung. Für ihren Einsatz wurde sie mit dem diesjährigen Her Abilities Award von Licht für die Welt ausgezeichnet.

WIENERIN: Was hat dich inspiriert, die Lucy Leg Foundation zu gründen und dich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einzusetzen?

Robbie Watene

Dr. Robbie Watene: Ich habe Friedens- und Konfliktforschung studiert und im Zuge dessen verschiedene Länder bereist, um internationale Beziehungen und Konflikte zu erforschen. Im Zuge eines Praktikums bei einer Menschenrechtsorganisation reisten wir nach Mexiko und besuchten eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Meine Aufgabe war es, die Gräueltaten gegenüber den Menschen, die sich dort aufhielten, zu dokumentieren. Ich muss sagen, diese Erfahrung öffnete mir die Augen: Ca. 300 Menschen, auf engstem Raum eingesperrt, psychischer und körperlicher Missbrauch, sie bekamen irgendwelche Medikamente, um ruhig gestellt zu werden …

Mir wurde klar: Ich habe die Möglichkeit, diesen Ort wieder zu verlassen und in mein "bequemes" Leben zurückzukehren. Diese Menschen hatten das nicht. Meine Erfahrung mit Behinderung war wirklich privilegiert, ich habe verstanden, dass ich ein Leben voller Möglichkeiten habe. Es gibt eine neuseeländische Sängerin, Brooke Fraiser, in einem ihrer Lieder singt sie: "Now that i have seen, i am responsible" ("Jetzt, wo ich es gesehen habe, bin ich verantwortlich"). Das beschreibt es ganz gut.

Erst, wenn auch wir am "Entscheidungstisch" sitzen, kann sich auch tatsächlich etwas ändern – andernfalls ist es Tokenism.

von Robbie Watene

Was macht die Lucy Foundation und inwiefern unterscheidet sie sich von anderen Unternehmen?

Die Lucy Foundation arbeitet mit lokalen Gemeinden zusammen, um Bildung, Beschäftigung und Inklusion von Menschen mit Behinderungen durch wirtschaftlich und ethisch nachhaltigen Handel zu fördern. Gerade in Mexiko sind Armut und Arbeitslosigkeit unter Personen mit Behinderung sehr hoch, weshalb wir uns entschieden haben, die Kaffee-Produktion hierhin zu verlegen.

Was unser Business besonders macht ist, dass Menschen mit Behinderung in jeden Schritt der Wertschöpfungskette miteinbezogen werden, denn nur so kann sichergestellt werden, dass ihre Bedürfnisse auch wirklich gehört werden. Bei uns spielen beispielweise Flexibilität und Vertrauen in die Mitarbeiter*innen eine große Rolle – das war vor allem während der Corona-Lockdowns wichtig. Durch die flexiblen Arbeitsstrukturen konnten Mitarbeiter*innen auch von zuhause arbeiten (Bohnen aussortieren, etc.) und konnten ihre Arbeit auch während der Krise fortsetzen. Bei starren Arbeitsstrukturen ist das nicht möglich. Viele Menschen mit Behinderung haben ihre Arbeitsstellen verloren. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass Menschen mit Behinderung immer noch oft als weniger produktiv oder weniger gewinnbringend wahrgenommen werden. Dabei wird übersehen, wie viele positive Eigenschaften Vielfalt für Unternehmen haben kann; was Moral, Arbeitsklima, gute Beziehungen langfristig ausmachen können. All das wird in unserem kapitalistischen System nicht mit dem gleichen Wert betrachtet.

Woher kommt der Name deiner Foundation?

Ich wurde mit einer Krankheit namens Phokomelie geboren. Das bedeutet, dass sich die Knochen in der unteren Hälfte meines Körpers vor der Geburt nicht richtig entwickelt haben. Ich wurde also ohne linkes Bein und mit einigen fehlenden Knochen im rechten Bein geboren. So lernte ich als kleines Mädchen das Gehen mit einer Beinprothese, wir nannten sie mein "Lucy Leg", weil ich zu dieser Zeit "Prothese" oder "künstliche Gliedmaße" nicht aussprechen konnte.

Als Kind hatte ich noch nicht wirklich ein Konzept vom "Anderssein" – ich denke, viele Kinder tun das nicht. Man versteht sich einfach miteinander, spielt zusammen. "Lucy" war ein Teil von mir und hat meine Kindheit nicht wesentlich beeinflusst. Erst in der Pubertät, als ich begann, mich mehr mit anderen zu vergleichen, begann für mich eine Phase des Versteckens. Ich fing an, Kleidung zu tragen, die mein "Lucy"-Bein nicht zeigen würde, ich wollte Leuten nichts davon erzählen. Ich empfand ein starkes Gefühl der Ungerechtigkeit und Scham.

Das ging ein paar Jahre so, irgendwann - ich weiß nicht mehr genau, was der Auslöser war - reichte es mir aber und ich traf die Entscheidung, mich nicht mehr zu verstecken und schaffte es, mich wieder mit "Lucy" anzufreunden. Mein "Lucy Leg" begleitet mich also schon mein ganzes Leben, weshalb ich es als Namen für unser Unternehmen ausgewählt habe.

The Lucy Foundation

Es liegt in der Verantwortung der Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass meine Rechte verwirklicht werden – genauso wie die aller anderen Menschen.

von Robbie Watene

Was sind erste Schritte, die Firmen tätigen können, um ihr Unternehmen integrativ zu gestalten?

Der Slogan der internationalen Disability Rights Community lautet: "Nothing about us without us", was so viel bedeutet wie, alles, was Menschen mit Behinderung betrifft, muss auch mit ihnen gemeinsam entschieden werden. Wer sein Unternehmen inklusiver gestalten möchte, sollte sich erkundigen, was Menschen, die Teil einer Minderheit sind - in diesem Fall also Menschen mit Behinderung - brauchen.

Es ist ein erster Schritt, Mitarbeiter*innen mit Behinderung einzustellen, aber es muss auch darüber hinaus gehen. Diese Menschen müssen auch in Frührungspositionen gelangen, gefördert und ermutigt werden, sich beruflich weiterzuentwickeln. Erst, wenn auch wir am "Entscheidungstisch" sitzen, kann sich auch tatsächlich etwas ändern – andernfalls ist es Tokenism*. Diversity-Trainings oder Renovierungsarbeiten für mehr Barrierefreiheit müssen von Menschen, die selbst davon betroffen sind, geleitet werden.

*Lediglich symbolische Anstrengungen, Menschen einer marginalisierten Gruppe in Beruf, Politik, etc .gleichzustellen.

Ich ermutige die Menschen, über ihr Verständnis von Behinderung nachzudenken und ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen.

von Robbie Watene

Der Fortschritt in Sachen Inklusion kann keinesfalls nur an Menschen mit Behinderung selbst hängen. Was kann jede*r von uns zu einem inklusiveren Miteinander beitragen?

Wir alle können darauf achten, wer drinnen und wer draußen ist. Bei jeder Organisation, in jedem Unternehmen, bei jeder Veranstaltung. Wir alle sollten uns fragen: Wer ist anwesend? In den meisten Fällen werden Menschen mit Behinderung nicht oder kaum vertreten sein, dabei machen sie die größte Minderheit aus. Anschließend können wir uns fragen, woran das liegt. Organisiert jemand etwa ein Event, das angeblich für alle gedacht ist und es tauchen nur Männer auf, wird man sich Gedanken machen, warum das so ist.

Das Zweite ist, darüber nachzudenken, wie ich als Individuum Behinderung wahrnehme. Es gibt sogenannte "disability models", die helfen, die eigene Sichtweise besser zu verstehen. Da gibt es zum Beispiel das moralische Modell, das Behinderung als Strafe einer höheren Instanz, etwa von Gott versteht oder das vorherrschende Wohltätigkeitsmodell, wobei Menschen, die nicht der Disability Community angehören, glauben, das "Leid" von Menschen mit Behinderung lindern zu müssen, was oftmals in der Abwertung dieser Menschen mündet. Dann gibt es das medizinische Modell, wonach eine Behinderung etwas ist, das mit ärztlicher Hilfe geheilt werden muss. Wir kennen außerdem das rechtsbasierte Modell, das die Verantwortung der Gesellschaft untersucht, die Rechte aller Menschen einschließlich der Rechte von Menschen mit Behinderung umzusetzen. Soll heißen: Es liegt in der Verantwortung der Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass meine Rechte verwirklicht werden – genauso wie die aller anderen Menschen.

Ich ermutige die Menschen, über ihr Verständnis von Behinderung nachzudenken und ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen, weil diese Einfluss darauf haben, wie sie mit Menschen der Disability Community interagieren. Letztendlich hat jede*r ein kleines bisschen Einfluss darauf, welche Chancen wir in dieser Gesellschaft haben.

 

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