Wie ich eine zweite Familie fand

WIENERIN-Redakteurin Tamara war mit 15 Jahren als Austauschschülerin in den USA. Und kam mit der größten Bereicherung überhaupt zurück: Einer zweiten Familie. - WERBUNG -

Irgendwann hatte ich einmal in einem Interview in der InStyle gelesen, dass Gwyneth Paltrow mit 15 Jahren als Austauschschülerin in Spanien war. Im Magazin war sie in einer glamourösen Fotostrecke in einem spanischen Landhaus abgebildet, und die Spanier auf den Bildern wurden im Text ihre „zweite Familie“ genannt, mit der sie bis zum Zeitpunkt des Interviews innigen Kontakt hatte. Diese idyllischen Bilder lösten ziemlich romantische Gefühle in mir aus. Dass Gwyneth Paltrow und ihre elitär anmutende Fotostrecke nicht unbedingt vor Identifikationspotenzial strotzen, hielt mein verträumtes Teenager-Ich nicht davon ab, mir detaillierte Szenarien auszudenken, wie auch ich in ein neues Land gehen und innige Beziehungen knüpfen würde. Wie ich fremdsprachige Vokabel verwechseln, und meine Familie dann herzlich lachen und Kühlschrank, Staubsauger und Co mit Post-Its beschriften würde. Wir würden gemeinsame Abenteuer erleben, immer mehr zusammen wachsen und 20 Jahre später würde ich sie weinend anrufen, wenn ich mein erstes Kind in den Armen halte. (Die Vorstellungskraft junger Mädchen geht manchmal etwas weit).

Ein Traum mit Zweifel

Als ich dann in der Schule zufällig das erste Mal mit der Organisation AFS, die Schüleraustausche organisiert, konfrontiert wurde, war es nicht mehr lang hin mit der Entscheidung. Ich wollte weg. Neues wagen, und mit Menschen aus einer ganz anderen Kultur Beziehungen knüpfen. Klar überkamen mich ein paar Zweifel: Niemand ist so perfekt wie Gwyneth Paltrow und meine Eltern empfinden mich anscheinend nicht immer als solch freudestrahlende Gesellschaft, wie ich das von mir selber glaube. Angeblich habe ich doch tatsächlich ein paar Ecken und Kanten, und mein grantiger Blick gehört wohl dazu. Realistischerweise kann doch nicht alles so glatt gehen. Wie soll ich einfach mit einer fremden Familie leben? Selbst meine eigene findet mich manchmal schrecklich! DIESER ARTIKEL MUSS DOCH ERSTUNKEN UND ERLOGEN GEWESEN SEIN?!

Familie Velasco wartet

Trotz aller Zweifel bin ich also in ein Flugzeug gestiegen, und so weit und lange wie noch nie von meiner Familie weggefahren, um mit einer anderen zu leben. Und zwar in einer Kleinstadt in Ohio, wo die Familie Velasco mich unglaublich herzlich in ihr Heim aufgenommen hat. Patricia und Fred kamen ursprünglich aus Mexiko, und lebten nun mit ihrer 12- und ihrer 15-jährigen Tochter in Ohio, wo Patricia als Anwältin arbeitete. Damals hab ich ihre Arbeit noch gar nicht so richtig verstanden, erst heute kann ich richtig schätzen, was sie für Frauen tut, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Die Familie bekam nichts dafür, dass sie mich aufnahm. Die Organisation AFS wird zu einem Großteil von Freiwilligen getragen und alle machen mit, weil sie an die gleiche Mission glauben: eine friedlichere Welt, getragen von Einfühlungsvermögen und interkulturellem Verständnis. Diesen Gedanken in die Welt hinaus zu tragen, empfinde ich heute als wichtiger denn je.

Ein großer Gedanke fängt im Kleinen an

Und dieser Gedanke fängt eben im Kleinen an. Er beginnt mit einem Bett, das man einem fremden Jugendlichen zur Verfügung stellt und hört mit den neuen Augen auf, mit denen man auf einmal seine eigene Kultur sieht. Er beinhaltet einen Familienausflug, bei dem man sich auf einmal komplett zusammengehörig fühlt, obwohl man erst seit zwei Monaten zusammen wohnt und den Moment, wo man sich dabei ertappt, eine Angewohnheit geändert zu haben, die man zuvor noch nie hinterfragt hat. Zu diesem Erlebnis gehört der Stolz, den man empfindet, wenn das neue Kind auf einmal flüssig die eigene Sprache spricht und die Begeisterung für neue Geschmäcker, wenn einem neue Gerichte beigebracht werden, die man dann in seine Alltagsküche integriert. Dazu gehört Geschwisterliebe, von der man nicht dachte, dass sie so viel größer als jegliche kulturelle Differenzen sein könnte.

Zusammenwachsen ist hart und schön

Ich habe meine Familie seit dem oft gefragt, warum sie sich damals dazu entschieden haben, eine Gastschülerin aufzunehmen. Denn glauben Sie mir, unser Zusammenleben war nicht immer wie ein romantischer Zusammenschnitt idyllischer Familienszenen in güldenem Sonnenuntergangslicht zu einem Bloc Party-Song. Diese Momente gab es - zur Genüge sogar, aber manchmal hab ich auch geweint vor Heimweh, war genervt, wenn meine Schwester ihre Sachen wieder in meine Badezimmerlade steckte und rollte mit den Augen, wenn ich den Geschirrspüler einräumen sollte. Ihre Antwort war immer dieselbe: Weil diese neue Persönlichkeit, die neue Familienzusammenstellung und die neue kulturelle Erfahrung die Familie so viel mehr bereicherte, als Konflikte um Geschirrspüler sie jemals hätten belasten können.

Weil auch Vermissen schön sein kann

Und ganz ehrlich: Wahrscheinlich werden Fred und Patricia tatsächlich zu den ersten Menschen gehören, die ich anrufe, wenn ich mein erstes Kind bekomme. Ihre ältere Tochter Carolina gehört bis heute zu meinen besten Freundinnen. Und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich wohl selbst meine Familie für einen Gastschüler oder eine Gastschülerin öffnen. Weil ich möchte, dass meine Kinder lernen, dass unsere Sichtweise nicht die einzige ist. Weil ich an mich und meine Familie den Anspruch habe, niemals die Fähigkeit zu verlieren, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen. Und wegen dem Liebhaben. Weil eine Person mehr zum Liebhaben halt extra schön ist. Auch wenn man sie danach wieder vermisst. Dank meiner Erfahrung mit AFS vermisse ich mittlerweile ganz schön viele Menschen auf der ganzen Welt, aber ich vermisse sie lieber über die Distanz, als in meinem Leben.


Familien, die sich vorstellen können, einen Gastschüler oder eine Gastschülerin für drei Monate, ein Semester oder ein Jahr in ihrer Familie aufnehmen, können sich bei AFS melden. Alle Infos dazu gibt es hier.

 

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