Wie ich als Frau bewertet werde, wenn ich das Thema Mutterschaft beleuchte

Eine Frau ist erst dann vollwertig, wenn sie Mutter ist? Wie stark diese Norm nach wie vor wirkt, zeigt sich anschaulich im Kontext der Reproduktionsmedizin.

Eine Frau ist erst dann vollwertig, wenn sie Mutter ist. Wie stark diese Norm nach wie vor wirkt, zeigt sich anschaulich im Kontext der Reproduktionsmedizin.

Ohne eigene Kinder verpasse man Existenzielles, nur mit ihnen könne man ein sinnvolles, glückliches Leben führen. Die moderne, von vielen begrüßte Fertilitätsmedizin forciert konservative Modelle: die Frau als Mutter eines genetisch eigenen Kindes und die Kleinfamilie. Auch bei sogenannten „modernen“ Familien sehen die Fotos kleinbürgerlich aus: zwei Elternteile und ein Kind, egal wie viele Beteiligte es sonst noch gab. Eizellenspenderinnen, Samenspender und Leihmütter bleiben unsichtbar, ebenso das Geschäft. Das könnte ja die Idylle trüben.

Nicht jeder Kinderwunsch muss erfüllt werden

Sich als Journalistin mit dem Thema zu beschäftigen kann bedeuten, dass man in aller Öffentlichkeit eine sehr private Frage gestellt bekommt: Haben Sie Kinder? In unserer Offenbarungskultur ist es kaum noch vorstellbar, dass man sein Privatleben privat halten möchte und sich diesem Thema professionell nähert, und nicht weil man eine persönliche Geschichte aufarbeiten will. Zorn erntete ich, als ich hinterfragte, ob denn jeder Kinderwunsch - egal in welcher Lebenssituation, in welcher Lebensphase - erfüllt werden muss. In welcher Welt ich denn lebe, das Natürlichste auf der Welt zu hinterfragen? Nun, in einer Konsumwelt, wo das Machbarkeitsdenken und der Optimierungswahndominieren, wo Wünsche eine heilige Kuh sind, die man besser nicht schlachtet. Öfters hörte ich, es gebe doch „ein Recht auf ein Kind“. Nun ist das keine menschenrechtliche Forderung, sondern ein Slogan des Konsum- und Besitzdenkens. Es gibt das Recht auf Familiengründung, doch es gilt nicht absolut und kann durch andere Rechte wie etwa Kinderrechte limitiert sein. Einen Kinderwunsch zu haben ist natürlich nicht kritikwürdig, jedoch oftmals die Art der Umsetzung. Wünsche müssen anscheinend um jeden Preis und mit allen Mitteln erfüllt werden, notfalls indem man andere, die auf das Geld angewiesen sind, benutzt. Dass ein Wunsch an sich bedeutet, dass er auch nicht in Erfüllung gehen kann, wird nicht mehr akzeptiert. Kein Wunder: Viele Mediziner treten auf wie Magier und suggerieren, dass heutzutage alles möglich sei. Doch die eher niedrige Geburtenrate bei künstlicher Befruchtung zeigt, dass das nicht der Fall ist.

Feministische Kritik

Interessanterweise haben liberale Großstadtmenschen, die sonst wenig mit „Natur“ am Hut haben, bei diesem Thema plötzlich großes Verständnis für einen „natürlichen Fortpflanzungstrieb“, dem man folgen müsse. Dass Kinderwünsche auch kulturell verstärkt oder eingedämmt werden, dass sie aufgrund der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf in eine Lebenszeit mit abnehmender natürlicher Fruchtbarkeit verschoben werden, wird ignoriert. Kritik an den Auswüchsen der Fertilitätsmedizin, die Kommerzialisierung des Frauenkörpers bei Leihmutterschaft oder Eizellenspende schieben viele in den Herrgottswinkel. Ich sei bei Erzkatholiken besser aufgehoben, bekam ich zu hören. Es ist offenbar nicht vorstellbar, dass Kritik auch aus einer kinderrechtlichen und feministischen Sicht formuliert werden kann.

Nicht nur Mutter, nicht nur Karrierefrau

Frauen, die keine Kinder haben wollen, müssen sich besonders warm anziehen. Angeblich haben sie die freie Wahl, doch in Wirklichkeit reagieren viele schroff. Sicher, es gibt heute viele Optionen für eine Frau: Mutterschaft, Kinderlosigkeit, Karriere oder auch nicht. Doch wird Mutterschaft überbewertet, natürlich in Kombination mit einem erfolgreichen Berufsleben. Nur einen Konzern zu führen, Ministerin zu sein oder hochgelobte Künstlerin – das reicht nicht, aber auch nicht, nur Mutter zu sein. Prominente, kinderlose Frauen müssen mit Fragen rechnen wie: „Haben Sie es bereut, keine Kinder zu haben?“, kinderlosen Männern passiert das nicht. Frauen müssen sich rechtfertigen, zunehmend auch, wenn die Kinderlosigkeit ungewollt ist. Man muss nicht bei seinem unfruchtbaren Ehemann bleiben, wenn es im Internet vor vermeintlichen Traummännern oder Samenspendern nur so wimmelt. Frau muss nicht traurig sein, sondern kann eine Eizellspende in Anspruch nehmen. Denn wenn man will, dann kann man auch, so die Überzeugung vieler. Frauen schultern jahrelange Belastungen von Seele und Körper, investieren viel Geld, um den Makel, keine Kinder zu haben, zu beseitigen. Das Ideal wäre aber die selbstbestimmte Frau, mit oder ohne Kinder, die auch die Wichtigkeit von Grenzen kennt.

 

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