Wie Heidi Klum eine Generation junger Frauen zerstört hat

Das Finale der ProSieben-Show "Germany's next Topmodel" am 12. Mai naht. Nach elf Staffeln hat Heidi Klums Sendung aber vor allem eins "geschafft": tausende junge Mädchen und Frauen krank zu machen.

„Wow, wie cool! Ich will auch Model werden!“ Diesen Satz haben sicher schon viele junge Mädchen und Frauen von sich gegeben - oder zumindest gedacht. Denn sie alle schauen Sendungen wie Germany’s Next Topmodel (GNTM) und sehen dabei vor allem eins: makellose Gesichter, lange Beine, dünne Schenkel und den großen Traum, im Mittelpunkt zu stehen und mit alldem Geld zu verdienen. Die „Mädchen“, wie sie von Heidi verniedlichend genannt werden, leben den absoluten Prinzessinnentraum.

Mehr Schein statt Sein


Was sie nicht sehen, sind zermürbende Castings, das erdrückende Gefühl, ständig bewertet zu werden, Essstörungen, und auch sexuelle Belästigungen, denen Frauen im gar nicht so glamourösen Modelbusiness täglich ausgesetzt sind. Genau diese Realität hat das Model Sara Ziff in ihrem Dokumentarfilm „Picture Me“, der vor einigen Jahren veröffentlicht wurde, mit versteckter Kamera festgehalten. Geschichten von 14-Jährigen, die bei einem Casting schon mal strippen oder Fotografen in den Schritt greifen müssen, um im Geschäft zu bleiben, sind keine Seltenheit. Sara Ziff thematisierte aber vor allem eins: das Model-Dasein kann sehr einsam sein und krank machen. Alles dreht sich um Geld – und Macht. Wenig überraschend ist daher, dass in einem System, in dem Männer die Macht haben und Frauen mit ihren Körpern Geld verdienen, Missbrauch vorprogrammiert ist. Und das ist eine Schattenseite der glänzenden Medaille, die Sendungen wie GNTM leider nicht zeigen.

Heidi's Horror Picture Show


Nicht zum ersten Mal wird Kritik an Heidis Model-Show laut. 2013 stürmten Femen-Aktivistinnen auf die Bühne, mit den Worten: "Heidi Horror Picture Show". Die Sendung würde vermitteln, dass Schönheit wichtiger sei als Bildung.

Die Kampagne pinkstinks hat letztes Jahr ganz Berlin mit Plakaten zugeklebt, auf denen die Theaterpädagogin Blanca Fernandez zu sehen ist. Mit den Worten: „Ich bin ein Vorbild.“ Und nicht Heidi Klum. Der Hashtag #keinbildfürheidi thematisiert weiterhin die problematischen Elemente der Sendung.

Und davon gibt es viele. Doch die sieht man vor allem dann, wenn man sich hinausbewegt, und sich zum Beispiel die erschreckende Statistik über Essstörungen in Österreich ansieht. Die Zahl der Betroffenen hat sich in 20 Jahren verzehnfacht. 90 bis 97 Prozent der Betroffenen sind Mädchen bzw. junge Frauen. Die Betroffenheit von Essstörungen bei Mädchen beginnt laut Frauengesundheitsbericht ab elf Jahren, steigt dann weiter an und erreicht ihren Höhepunkt bei 16-Jährigen – wohl eine der Hauptzielgruppen von „Germany’s Next Topmodel“.

"Warum seh' ich nicht so aus?"


Dr. Maya Götz vom Bayrischen Rundfunk veröffentlichte 2015 eine Studie, gemeinsam mit der Essstörungstherapie-Organisation ANAD, über den Fernsehkonsum junger Mädchen und Frauen, die unter Magersucht leiden. Zwei Drittel der Patientinnen hatten ausgesagt, dass „Germany’s next Topmodel“ einen großen bis sehr großen Einfluss auf die Entstehung ihrer Essstörung gehabt hätte. Das Buch ist online verfügbar. Darin steht auch: „Keine Fernsehsendung allein löst eine psychosomatische Essstörung aus. Dafür sind die Gründe und Zusammenhänge, wie es zu dieser schwerwiegenden Erkrankung kommt, viel zu komplex. Aber Fernsehsendungen können ihren Anteil an der Entwicklung von Essstörungen haben.“

Und eine Sendung, die seit einem Jahrzehnt Quotenerfolge feiert, hat da ohne Zweifel eine besonders große Verantwortung. „99,998 % der Frauen haben nicht den Körper eines Laufstegmodels und können ihn auch niemals erreichen. Diese ohnehin schon absoluten Ausnahmeerscheinungen werden dann durch Bildbearbeitung noch weiter ins immer Irrealere verändert“, schreiben die Autorinnen weiter. Und treffen es damit eigentlich auf den Punkt: junge Frauen jagen einem Ideal hinterher, das nicht existiert, das aufpoliert wird, um verkauft zu werden, und das vor allem eins bedienen soll: den männlichen Blick.

Die Botschaft: Alles ist möglich, wenn du dich zusammenreißt


Und wer jetzt sagt: „Die machen da doch freiwillig mit“, schiebt die Verantwortung ganz weit weg. Die Frage ist nämlich vielmehr, warum es so eine Show überhaupt geben muss, und in welchem Kontext und wie diese jungen Frauen bei der Show teilnehmen. Denn von Mitentscheidung oder gar Selbstbestimmung ist GNTM weit entfernt. Wenn die „Mädchen“ beim großen Spießrutenlauf der Erniedrigungen und Klassifizierungen scheitern, dann kommt bei den jungen Frauen zuhause vor den Fernsehbildschirmen nur eins an: du bist nicht gut genug. Denn zufrieden darf in einer Welt, die von einem absurden perfektionistischen Körperkult geprägt ist, niemand sein. Schließlich wird genau damit Geld gemacht.

Junge Frauen werden in der Schönheits- und Modeindustrie diszipliniert, gefügig gemacht, auf ihre niederen Ränge verwiesen - und dabei wird ihnen der Mythos der Selbstbestimmung vorgegaukelt. Dass sie „alles“ (in diesem Fall: einen perfekten Körper) erreichen können, wenn sie doch nur genug dafür tun. Und dafür alles ablegen sollen, was sie ausmacht, damit sie zu einer Abziehschablone werden können - genau zugeschnitten auf ein bestimmtes Marktsegment. Die Negativbotschaft dahinter: wenn sie das „große Ziel“ nicht erreichen, sind sie einfach selber schuld. Und nicht etwa ein System, das ihnen einredet, wie sie auszusehen haben, sich zu verhalten haben, zu leben haben. Das Frauenbild, das von Sendungen wie GNTM vermittelt wird, ist fatal, verlogen und macht junge Mädchen und Frauen einfach nur krank.

 

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