Wie gehe ich mit Narzisst*innen im Arbeitsumfeld um?

Was tun, wenn der*die eigene Chef*in Narzisst*in ist – und Kündigen keine Option ist? Narzissmus-Experte Dr. Pablo Hagemeyer hat die Antwort.

Wie gehe ich mit Narzisst*innen im Arbeitsumfeld um?

Wie ihr am besten mit narzisstischen Beziehungspartner*innen umgeht bzw. wie ihr erkennt, ob ihr vielleicht selbst narzisstisch veranlagt seid, haben wir euch bereits hier und hier verraten.

Doch was, wenn es der*die eigene Chef*in oder ein*e enge*r Kolleg*in ist, der*die euch durch sein*ihr narzisstisches Wesen den Alltag erschwert?

"Narzissmus-Doc" Dr. Pablo Hagemeyer ("Die perfiden Spiele der Narzissten", z.B. bei Thalia um 18,50€), selbst bekennender Narzisst sowie Psychiater & Psychotherapeut erklärt, dass bei Narzisst*innen die Suche nach Bestätigung und Anerkennung im Mittelpunkt steht. "Ein*e Narzisst*in nimmt sich selbst in einer übertriebenen Weise wahr, hat gerne Menschen um sich herum, die ihm diese Bestätigung liefern und braucht regelmäßig Erfolge, die seinen*ihren Selbstwert polieren. Missbraucht jemand ständig andere dafür, selbst besser, toller, großartiger dazustehen, kann es sein, dass sich ein narzisstisches Motiv dahinter verbirgt", so der Experte.

Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was wir tun können, wenn wir Narzisst*innen im Arbeitsumfeld begegnen.

WIENERIN: Woran erkenne ich Narzissmus im Arbeitsumfeld?

Dr. Pablo Hagemeyer: Es könnte sich um Narzissmus handeln, wenn Vorgesetzte oder Arbeitskolleg*innen immer nur ihre eigenen Interessen verfolgen und sich wenig empathisch zeigen. Vielleicht manipulieren sie andere, nutzen Informationen aus, um jemand anders schlechter dastehen zu lassen, damit sie selbst mehr glänzen. Klauen anderen Projekte oder schieben anderen die Schuld zu, während sie sich schadlos halten. Irgendwie schaffen sie es immer, sich aus der Misere rauszumanövrieren.

Was würden Sie im Umgang mit solchen Menschen raten?

Vorsichtig sein und so gut es geht, Distanz wahren. Sich nicht in Abhängigkeiten begeben und sich – sofern es möglich ist - auch nicht manipulieren oder benutzen lassen bzw. das immer sofort aufklären. Man sollte nicht naiv sein. Nicht ahnungslos in irgendwelche Geschichten reinrauschen, Dinge kampflos zugestehen oder taktisch unklug entscheiden. Man sollte sich bewusst sein, dass die Person ein doppeltes Spiel spielt, dass sie ihre eigenen Interessen verfolgt, auch wenn sie vordergründig charmant ist.

Warum ist es so wichtig, schnell zu reagieren?

Weil sich sonst rasch das Narrativ etabliert, die Person in Frage sei der "tolle Typ" oder die "tolle Tante", der*die alles im Griff hat. Je stärker sich so ein narzisstisches Narrativ etabliert, desto schwieriger ist es, das wieder abzuschütteln bzw. aufzulösen. Letztendlich zerstören diese Menschen auch Unternehmenswerte, weil sie sich gegen Zusammenarbeit, Teamgeist, etc. richten und nur egoistisch entscheiden. Das hat natürlich auch wirtschaftlich negative Konsequenzen für Unternehmen. Die Schäden, die daraus entstehen, sind oft deshalb so immens, weil die Personen oft viel zu lange "spielen" dürfen und keine*r es schafft, frühzeitig, also am Anfang dieser Entwicklung einzuschreiten – schon gar nicht, wenn sie in Führungspositionen festsitzen.

Deswegen: Bei Menschen, die sich selbstbezogen, egoistisch, unempathisch verhalten, kurzsichtig Entscheidungen treffen, kritikempfindlich oder -resistent sind, früh genug einschreiten und sie, sofern es geht, nicht aufsteigen lassen. Das klingt unmenschlich, ist aber eher ein Schutz. Oft haben diese Personen natürlich auch positive Eigenschaften wie etwa Durchsetzungskraft, Präsenz, Furchtlosigkeit oder Motivation – diese sollte man den schwierigen Eigenschaften gegenüberstellen und abwägen, welche Gefahr die Person für das Arbeitsumfeld hat.

 

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