Wie gefährlich sind Selbstdiagnose-Videos auf TikTok und Co.?

Bipolarität, Autismus, ADHS – auf TikTok sind Selbstdiagnosen von teils schweren psychischen Problemen gerade ein Trend. Psychologin Helen Müllner hat für uns die Videos analysiert.

Medikamente auf gelben Hintergrund

Schon einmal die eigenen Krankheitssymptome gegoogelt? Wer das getan hat, musste wahrscheinlich erschreckt feststellen, dass fast alle diese Anzeichen zu irgendeiner Art von Krebs führen können. Schlussfolgerungen, die aufgrund solch ­einer Selbstdiagnose gezogen werden, sind meist viel zu voreilig und ersetzen nicht den Besuch bei Expert*innen.

Für die jüngere Generation hat sich aber die beliebte Social-Media-Plattform TikTok zur Informations­quelle des Vertrauens entwickelt: Trends wie die sogenannten "Put your finger down"-Challenges bieten eine "psychologische Diagnose" in nur 15 Sekunden. In diesen Kurz­videos wird eine Reihe von Symptomen für Erkrankungen wie Autismus, Bipolarität und Narzissmus genannt und die Zuseher*innen werden gebeten, mit ihren Fingern die Symptome, die auf sie zutreffen, mitzuzählen – und schon könne man sagen, ob man etwa ADHS oder ein Kindheits­trauma hat, und es mit seinen Freund*innen teilen. Wir haben der Psychologin ein paar der beliebtesten Challenges mitsamt den kursierenden Symptomen vorgelegt und sie um ihre Meinung gebeten:

Autismus

Laut TikTok-Challenges bist du autistisch, wenn unter anderem folgende Punkte auf dich zutreffen:

TikTok-Diagnose:

"Wenn du wählerisch mit deinem Essen bist"
"Wenn du eine sehr hohe oder sehr niedrige Schmerztoleranz hast"
"Wenn du Probleme damit hast, Augenkontakt zu halten"
"Wenn du viel über ein Nischenthema weißt"

Expert*innen Meinung:

Die Diagnosekriterien für Autismus befinden sich auf einem breiten Spektrum, weswegen man auch eher von der "Autismus-Spektrum-Störung" spricht. Grundsätzlich können die genannten Dinge laut Psychologin Müllner allesamt Hinweise darauf sein, denn viele Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung beschreiben diese Phänomene. Diagnostiziert wird allerdings nur, wenn die zwei Hauptsymptomkriterien, nämlich Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie stereotype Verhaltensweisen und Interessen, bereits seit der frühen Kindheit vorhanden sind. "Eine Autismus-Spektrum-Störung ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die von Geburt an da ist. Deswegen möchte ich sie eigentlich auch nicht ‚Erkrankung‘ nennen, weil sie eine lebenslange andere Art der Wahrnehmung ist", so Müllner.

ADHS

Wenn folgende Symptome auf dich zutreffen, leidest du laut TikTok-Videos unter ADHS.

TikTok-Diagnose:

"Wenn du leicht abgelenkt wirst."
"Wenn du unordentlich bist."
"Wenn du regelmäßig deine Wertsachen verlegst."
"Wenn du dich schwer ­konzentrieren kannst."
"Wenn du oft Räume betrittst und vergisst, was du darin wollten."


Expert*innen Meinung:

"Die großen Diagnosekriterien für ADHS sind Unaufmerksamkeit, Konzentrations­probleme und Vergesslichkeit sowie Hyperaktivi­tät, geringe Frustrations­toleranz und Impulskontrollprobleme. Auch sie müssen für eine Dia­gnose bereits ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr vorhanden sein", sagt Psychologin Müllner. Denn genauso wie Autismus ist auch ADHS eine neurologische Entwicklungsstörung, was bedeutet, dass bestimmte Gehirnareale von Geburt an anders verbunden sind. "All die genannten Dinge können Hinweise sein, aber entscheidend ist, seit wann, in welcher Ausprägung und ob sie in allen Lebensbereichen vorkommen. Es kann auch sein, dass man sich nur in der Arbeit so verhält, weil sie keine Freude macht."

Bipolarität

Wenn folgende Symptome auf dich zutreffen, hast du laut TikTok vermutlich eine Bipolare Störung.

TikTok-Diagnose:

"Wenn du mehrere Tage wach bleibst, ohne müde zu werden."
"Wenn du mit dir selbst sprichst"
"Wenn du dich an einem Tag motiviert und am anderen depressiv fühlst"
"Wenn du viele Projekte beginnst, aber nicht beendest"

Expert*innen Meinung:

Müllner: "Alle genannten Dinge können Hinweise auf Bipolarität sein. Es gibt dabei Phasen, in denen man sehr depressiv ist, aber auch manische Phasen, in denen man eine Hochstimmung hat und beginnt, selbstschädigende Verhaltensweisen zu zeigen; Drogen zu nehmen, viele Sexualpartner zu haben, nicht zu verhüten und sich in finanzielle Schwierigkeiten zu begeben. Menschen mit Bipolarer Störung ist es biochemisch nicht mehr möglich, zu schlafen, und das wird gefährlich, weil wir nach ein paar Tagen zu Halluzinationen neigen. Aber grundsätzlich kann alles, was hier steht, auch ein psychisch gesunder Mensch zeigen."

Diagnose

Ob Selbstdiagnosen per TikTok-Anleitung der richtige Weg sind, um auf psychische Erkrankungen aufmerksam zu machen, hält Müllner für fraglich. Bei besagten Trends rät die Psychologin eher zur Vorsicht: "Die ‚Put your finger down‘-Challenges können durchaus ein erstes Screening sein. Für Diagnosen sind sie jedoch nicht valide, vor allem nicht als Selbstzweck. Einer Diagnose sollte ­immer eine Maßnahme zur Behandlung ­folgen."

 

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