Wie gefährlich ist Ihre Sonnencreme?

Immer wieder verunsichern Meldungen, dass in Sonnenpflege hormonaktive Substanzen als UV-Filter enthalten sein sollen, die der Gesundheit schaden. Was ist an der Sache dran? Und kann man (Kosmetik-)Studien überhaupt trauen? Beauty-Chefin Martina Parker hat mal kritisch hingeblickt.

Chemische Lichtschutzfilter sind eigentlich eine tolle Erfindung: Sie nehmen die UV-Strahlung auf und wandeln sie ganz einfach in Wärme um, bevor diese die Haut schädigen kann.

Allerdings - und das ist weniger toll - taucht immer wieder die Behauptung auf, dass einige der gebräuchlichsten UV-Filter ähnlich wie das weibliche Hormon Östrogen wirken sollen. Heißt: Es besteht die Gefahr, dass durch die hormonaktiven Stoffe Stoffwechselprozesse gestört werden, was auch Auswirkungen auf Sexualverhalten und Fruchtbarkeit haben kann.

Besonders oft wird in diesem Zusammenhang eine Schweizer Studie der Firma Greentox zitiert, für die man Ratten mit dem Sonnenschutzfilter 4-Methylbenzylidene Camphor (kurz: 4-MBC) fütterte. Die männlichen Nachkommen wurden daraufhin mit verkleinerten Hoden geboren. Sprich: Es kam zu einer „Verweiblichung" von männlichen Lebewesen.

Sinnfrage

Nun sind die armen Versuchsratten doch sehr viel kleiner als ich, und auf die Idee, meine Sonnenmilch zu trinken, bin ich auch noch nie gekommen. Weshalb die Frage aufpoppt, ob solche Studien überhaupt auf den Menschen übertragbar sind oder nur grausam und sinnlos?

Ich erreiche Dr. Margret Schlumpf, die Leiterin eben jener Studie, in ihrem Schweizer Büro bei Greentox. „Der Versuch, bei dem die Ratten mit dem Filter gefüttert wurden, war nur der Anfang", erklärt sie mir. Mittlerweile sei zweifelsfrei bewiesen, dass zahlreiche Filter - darunter auch 4-MBC - die Hautbarriere durchdringen können und im Fettgewebe und in der Muttermilch nachweisbar sind. Margret Schlumpf ortete einen Zusammenhang zwischen den künstlichen Hormonen in der Umwelt und der Tatsache, dass immer mehr Menschen Probleme mit ihrer Fruchtbarkeit haben. „Wir gehen viel zu lasch mit dieser Problematik um! Den Augenblick, hier einen Riegel vorzuschieben, haben wir leider längst verpasst. Jetzt können wir nur dafür sorgen, dass es nicht noch schlimmer wird."

Und künstliche Östrogene docken nicht nur an menschlichen Rezeptoren an, sondern auch an denen von Fischen. Kritiker zeigen auf, dass die hormonelle Belastung durch Sonnencremes angeblich bereits so schlimm ist, dass in manchen Badegebieten nur mehr Zwitter-Fische zur Welt kommen.

Theorien

„Es ist allerdings sehr schwer, in so einem nicht geschlossenen Ökosystem alle Einflüsse von Ursache und Wirkung ausfindig zu machen", erklärt mir Kosmetikwissenschaftlerin Gesa-Maike Muhr. Schließlich seien auch manche Pestizide, die in Gewässer gelangen, hormonaktiv. Und dann gibt es auch noch die Theorie, dass Verwenderinnen der Antibabypille die Gewässer hormonell belasten, wenn sie ins Wasser urinieren ...

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In der Kosmetik verweist man gern auf Studienresultate. So erkennen Sie, ob diese auch vertrauenswürdig sind.

DIE QUELLE. Seriöse Studien werden häufig von Forschungsinstituten in Zusammenarbeit mit einer Universität oder FH gemacht. Mehr Misstrauen ist angebracht, wenn eine Firma oder eine Interessensgruppe die Auftraggeber sind.

DIE PUBLIKATION. Man kann davon ausgehen, dass eine Studie etwas taugt, wenn die Ergebnisse in seriösen, themennahen Fachzeitschriften publiziert und von Experten kommentiert wurden.

DIE AUSSAGEKRAFT. Um Zufallsergebnisse auszuschließen, muss die Anzahl der Fälle / Personen / Versuchstiere groß genug sein, um repräsentativ zu sein. Es muss immer eine Vergleichsgruppe geben. Ideal ist eine Doppel-Blindstudie. Die Ergebnisse müssen statistisch korrekt ausgewertet werden.

Fakt ist: Wir sind in unserem Lebensraum von hunderten hormonaktiven Substanzen umgeben, die unseren körpereigenen Hormonhaushalt durcheinanderbringen können - von Weichmachern im Plastik über Konservierungsstoffe in Essen und Kosmetika und Duftstoffe in Wasch- und Reinigungsmitteln bis hin zu besagten UV-Filtern. Die ersten bekannten hormonaktiven Stoffe waren übrigens Flammschutzmittel in Fernsehergehäusen und Computern, die in die Luft abgegeben wurden, wenn sich die Geräte erwärmten und von den Usern eingeatmet wurden.

Ob der Tatsache, dass ich täglich acht Stunden vor einem Computer sitze, Sonnencremes aber im Großen und Ganzen nur 14 Tage im Jahr im Sommerurlaub verwende, fürchte ich mich gerade noch mehr vor den Spätfolgen meines Arbeitsplatzes als vor jenen meiner Sonnencreme. Dennoch stellt sich die Frage: Wie viele hormonaktive Stoffe sind zu viel? Und warum ist das alles überhaupt erlaubt?

Grenzwertig

Hersteller von Kosmetika weisen darauf hin, dass ihre Produkte umfangreichen Prüfungen unterzogen werden, um überhaupt am Markt zugelassen zu werden. Allerdings konzentriert sich die gegenwärtige Risikobewertung der EU auf die Grenzwerte für einzelne Stoffe. Der Cocktail-Effekt, der entsteht, wenn in einem Produkt verschiedene Filter und Konservierungsmittel aufeinandertreffen, wird nicht berücksichtigt. Auch die oben erwähnten zusätzlichen Pseudohormonbelastungen werden nicht hinzugerechnet.

Sollte man ob all der offenen Fragen also einen Bogen um Sonnenpflege machen? Nein. Denn ganz auf Lichtschutzfilter zu verzichten, ist sicher keine (gute) Lösung. Die Sonne brennt aggressiv, Melanome sind im Vormarsch. In Österreich erkranken jährlich etwa 1.100 Menschen an Hautkrebs, und die Dunkelziffer dürfte noch mehr als das Doppelte betragen, denn Patienten, die beim niedergelassenen Hautarzt behandelt werden, fallen hierzulande aus den Erhebungsdaten einfach heraus.

Schau genau

Zudem: Während man sich vor hormonaktiven Weichmachern und Pestiziden im Alltag kaum schützen kann, hat man bei der Sonnenkosmetik bezüglich der Inhaltsstoffe zumindest die Wahl. UV-Filter sind wie alle Inhaltsstoffe auf der Verpackung angegeben. Man kann also verdächtige Kandidaten meiden. Vor allem Schwangere und stillende Mütter sollten umstrittene Wirkstoffe vorsorglich umgehen, da sie die Entwicklung des Fötus beeinflussen oder beim Stillen weitergegeben werden können.

Im Tierversuch wurde wiederholt eine hormonartige Wirkung nachgewiesen für: Octyl-Methoxycinnamate, 4-Methylbenzylidene Camphor, Benzophenone -1, - 2 und -3 sowie Ethylhexyl Methoxycinnamate (OMC). Leider sind die Bezeichnungen kompliziert und schwer zu merken. Tipp: Mit einem kostenlosen Service auf der Webseite oder mit der App sorgt Codecheck.info hier für mehr Transparenz und Durchblick.

Alternativen

Bei den chemischen Filtern heißen die besseren Alternativen z. B. Bis-Ethylhexyloxyphenol Methoxyphenyl Triazine (BEMT), Methylene Bis-Benzotriazolyl Tetramethylbutylphenol (MBBT) sowie Butylmethoxy-Dibenzoylmethan. Allerdings muss einem klar sein, dass auch diese Chemikalien spätestens beim Duschen in die Umwelt gelangen und dort ihre Spuren hinterlassen.

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Einen Freibrief in Sachen hormonelle Wirkung plus Umweltverträglichkeit haben alle physikalischen Filter wie Zink- oder Titandioxid, die das Sonnenlicht nicht absorbieren, sondern reflektieren. Ihr Nachteil: In traditionellen Texturen schmieren und weißeln sie und man schwitzt damit stärker. Moderner sind Nano-Partikel von Titandioxid oder Zinkoxid, die wesentlich angenehmer aufzutragen sind. Allerdings schützen diese kleineren Partikel auch schlechter gegen UV-A-Strahlen, sodass ein mineralischer Filter allein oft nicht mehr ausreicht, um gegen alle Lichtspektren des Sonnenlichts zu schützen.


Dieses Dilemma ist auch Luise Köfer von der steirischen Naturkosmetikmarke Vinoble bekannt. Im Jänner 2015 will die Grazer Unternehmerin nicht-hormonaktive Sonnenprodukte herausbringen. Einziger Wermutstropfen: Die Filter, die sie verwendet, sind extrem teuer und treiben den Verkaufspreis der Sonnencreme auf rund 60 Euro pro Tube.


Maß & Ziel

Generell heißt es beim Thema Sonnenschutz: Hausverstand einschalten und alles mit Maß und Ziel angehen. So soll man natürlich nicht stundenlang in der Sonne brutzeln. Man muss sich aber auch nicht wie manche Hollywoodstars jeden Morgen aus Angst vor lichtbedingter Hautalterung von Kopf bis Fuß mit Faktor 50 eincremen.


Ich persönlich habe für mich zum Thema Sonnenschutz - auch im Hinblick auf die Umwelt - beschlossen: so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Ich werde mich vor der Sonne schützen, wenn es notwendig ist. Wobei zum Schutz auch die richtige Kleidung viel beiträgt. Mein Tipp: Die Haut langsam an die Sonne gewöhnen, Hut aufsetzen, luftige Kleidung tragen und im Schatten von großen Bäumen in einem Buch schmökern. Schon kommt man mit wesentlich weniger Chemie aus und kann den Sommer mit gutem Gewissen und Gefühl genießen.


Faktbox (65b9d39)

 

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