Wie fühlt sich eine Angststörung an?

Allein in Europa leiden über 60 Millionen Menschen an Angststörungen. Das macht es vor Depressionen zur häufigsten psychischen Erkrankung. Wir haben bei einer Betroffenen nachgefragt, wie es sich anfühlt, wenn die Angst einen im Griff hat und das Leben bestimmt. Ein Erfahrungsbericht.

Angststörung

Manchmal wache ich schreiend auf. An meiner Wange kleben trockene Tränen, der Kopf fühlt sich leer an, ausgehöhlt. Da sind nur diese Bilder, alte Erinnerungen, die mein inneres Auge bombardieren. Aufhören, murmle ich dann meistens vor mich hin, wenn ich realisiere, dass ich hier ohnehin nichts ausrichten kann. Es hat sich längst über mich gestülpt, das Gefängnis, das einem die eigenen Gedanken bauen: Die Angst, der niemand entkommen kann.

Ich sitze mit ihr in einer Zelle fest, in der mir das Wasser bis zum Hals steht. Denn irgendwie hat mein Unterbewusstsein es geschafft, an diesen dunklen Ort in meinem Inneren eine Leitung zu legen, aus der Bilder fließen, mit denen ich noch immer nicht umgehen kann.

Heimgesucht von der Vergangenheit

In letzter Zeit sind es unfassbar viele. Auch die Flashbacks legen sich über mich, aber anders. Wie ein Vorhang fallen sie vor mir herunter, Szenen aus meiner Vergangenheit. Vor mir rattert die Projektion einer alten Filmrolle in schlechter Bildqualität. Ich kann die Farben dahinter, die der echten Welt, und die Stimmen, noch erkennen. Aber die Umrisse verschwimmen langsam und die Töne vermengen sich; das Leben ist nur noch ein Hintergrundgeräusch. Aufhören, murmle ich dann meistens vor mich hin. An der Bushaltestelle, im Supermarkt, sogar während Gesprächen.

An guten Tagen zieht der Vorhang auf. Applaus gibt es keinen für einen Erfolg, den niemand sieht, und der nie lange währt. An schlechten Tagen habe ich das Gefühl, hinter diesem Vorhang in meinen Gedanken zu ertrinken. Hört das irgendwann auf?

Vermutlich. Immerhin war die Angst früher auch selbst eingesperrt. Ich wusste, was sie auslöst, welche Orte ich meiden muss, welche Gesprächsthemen, welche Menschen, um nicht ständig an meine Kindheit erinnert zu werden und nicht wieder in meinem Trauma gefangen zu sein. Das hat so lange gut funktioniert, bis jemand in mein Leben kam, der das Schauspiel meiner Kindheit nahezu perfekt imitierte, Worte wiederholte, mich mit derselben Leere ansah. Aufhören, murmelte ich vor mich hin.

Trigger = Angst

Aber da war es schon zu spät. Triggern nennen Psycholog*innen den Vorgang, bei dem aktuelle Ereignisse und Wahrnehmungen alte Erinnerungen ins Gedächtnis rufen. Angst nenne ich den Zustand, in dem ich mich seitdem befinde. Ich war so abgelenkt, dass ich übersehen habe, dass die Bilder zu viel wurden, nicht mehr in meine Zelle passten. Die Leitung lief weiter und weiter, die Wände fielen, das Wasser stieg. Seitdem liegt ein schimmernder Film schlechter Erinnerungen über meiner Welt. Irgendwann stand ich mit beiden Beinen knöcheltief in meiner Kindheit. Irgendwann bin ich schreiend aufgewacht.

Die Angst vor der Angst ist schlimmer als die Angst selbst.

Der letzte Tropfen

Ich hatte keinen Hunger mehr, ich konnte nicht mehr denken. Es gab nur noch einen einzigen Grundsatz in meinem Kopf: Es darf nichts Unerwartetes mehr passieren, keine Worte, keine Blicke, keine Berührungen mehr, die noch mehr Erinnerungen hervorrufen. Was mich davor beschützen sollte, war die Angst. Sie hat ihre Arbeit gut und mich kaputt gemacht. Ich habe aufgehört, die Nachrichten meiner Freunde zu lesen. Ich habe aufgehört, meine Freunde zu treffen. Ich laufe Umwege, um ganzen Straßenblöcken auszuweichen. Ich muss vorsichtig sein.

Weil mein Gehirn alle Szenen aus meiner Kindheit abspielt, kann so gut wie alles die Angst auslösen – weil alle Gerüche präsent sind, jedes Gespräch, jede Bewegung. Und die Angst vor der Angst ist schlimmer als die Angst selbst. Nur: Noch mehr Erinnerungen ertrage ich nicht. Es darf nichts mehr Unerwartetes passieren, denke ich, aufhören, murmle ich, und weiß: Den absoluten Stillstand, den ich jetzt brauche, gibt es nicht in dieser Welt.

Feuerwerk im Kopf

Also weine ich einfach, wenn ich unerwartete Nachrichten bekomme, auch wenn ihr Inhalt gar nicht schlimm ist. Mein Wecker läutet eine Stunde früher, damit ich genug Zeit habe, ruhig zu atmen, bevor ich aufstehen muss. Zur Arbeit nehme ich nur Wege, auf denen ich niemandem begegnen kann, um den Gedanken nicht noch mehr Zündfeuer zu geben. Ich esse Junkfood, um meinen Körper von Zucker und Fett abhängig zu machen, damit zumindest der weiter essen will, wenn schon das Gehirn nur Krampfreize in meine Magengegend sendet. Die Energie für dieses Spektakel scheint ihm nie auszugehen, obwohl ich mittlerweile nicht mal mehr Kaffee trinke. Es soll aufhören, dieses Feuerwerk in meinem Kopf.

In guten Nächten schlafe ich fünf Stunden, ich schreie nicht, wenn ich aufwache, ich habe noch nicht sofort Bilder im Kopf. Dann tapse ich auf Zehenspitzen durch meinen Tag, um nicht knietief in Erinnerungen zu landen. Der Boden ist Lava: So lautet die Regel, die meine Gedanken aufgestellt haben. An guten Tagen verbrenne ich mich nur selten.

Ich gegen die Erinnerungen

In schlechten Nächten wache ich alle zwei Stunden auf, die Tränen auf den Wangen sind noch feucht. Die Bilder verfolgen mich bis in meine Träume. Es macht keinen Unterschied, ob ich aufstehe oder nicht, die Erinnerungen, das Wasser, die Lava, sind mir längst über den ganzen Körper gelaufen. Ich setze meine Sonnenbrille auf, damit niemand die Wunden sieht. Wie lange ich sie noch verstecken kann, weiß ich nicht. Wann jemand vor meiner Tür steht und mich zur Rede stellt, weiß ich nicht. Mein Handy ist schon sehr lange ausgeschaltet.

Aber vielleicht bin ich dann endlich stärker als die Erinnerungen, die in diesem Leben an jeder Ecke lauern. Vielleicht geht die Angst irgendwann zurück in dieses Gefängnis, das ihr einst meine Gedanken gebaut haben.

 

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