Wie fühlt es sich an, wenn man unter Posttraumatischen Belastungsstörungen leidet?

Eine unserer Kolleginnen hat vor einigen Jahren mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) gekämpft und versucht in Worte zu fassen, wie sich das anfühlt.

PTSD

Es gibt gewisse Gefühle, die kann man schwer erklären und in Worte fassen. Dazu gehören auch psychische Krankheiten. Ich will für euch heute versuchen, in Worte zu fassen, wie sich PTSD (PTBS) anfühlt. PTSD also eine Posttraumatische Belastungsstörung tritt als verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Erlebnis auf.

Aus dem Fernsehen und aus Büchern kennt man das Problem von Kriegs-Veteranen, die dort furchtbare Dinge gesehen haben. Aber es kann auch nach anderen Situationen auftreten. Was ich erst lernen musste, deshalb schreibe ich es gleich vorweg: Es ist kein Grund, sich zu schämen, wenn man damit kämpft, obwohl man nichts so Großes wie einen Krieg erlebt hat. Jede Psyche ist anders.

Welcher Erinnerung vertraue ich?

Bei mir äußerte sich PTSD (PTSB), nachdem ich von einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt zurückkam. Immer wieder wachte ich in der Nacht schweißgebadet wegen Albträumen von Situationen auf, die wirklich passiert waren. Die schlimmsten Momente der letzten Monate erlebte ich so immer und immer wieder. Auch wenn ich bewusst kurze Zeit wach blieb ging es danach mit denselben Träumen weiter. Ich konnte den Erinnerungen nicht entkommen.

Albträume kennt wahrscheinlich jede*r. Diese hatten aber eine Färbung, wirkten viel realer als die Albträume, die ich bis dahin kannte. Und sie kamen nicht nur in der Nacht. Manchmal übernahmen Erinnerungen tagsüber einfach mein Gehirn, machten es unmöglich für mich, an etwas anderes zu denken. Sie drängten sich einfach vor alle anderen Gedanken und spielten die Szenen immer wieder ab. Dabei legten sie sich über die Gesichter der Menschen, mit denen ich redete, füllten die leeren Word-Seiten auf meinem Computer in der Arbeit, spiegelten sich in der Windschutzscheibe des Autos.

Und als wäre das nicht schlimm genug, begannen sie sich mit der Zeit zu verändern. Ich konnte meinen Erinnerungen nicht mehr vertrauen und über kurz oder lang war ich mir nicht mehr sicher, was wirklich passiert war. War ich schuld an dem, was mir widerfahren war? Was hatte ich wirklich gesagt und gemacht? Und welche Situation hatte mein Gehirn nur erzeugt?

Wieder andere Erinnerungen blockte mein Gehirn komplett ab. Sogar wenn ich versuchte, diese abzurufen blieb dort nur ein schwarzer Fleck. Kein Anschluss unter dieser Nummer. All das war noch kein Grund für mich, mir Hilfe zu holen. "Wird sich legen", redete ich mir ein.

Panikattacke Nr. 1 von vielen

Dann hatte ich meine erste Panikattacke. Meine Erlebnisse im Ausland waren an Kinder geknüpft. Monate später saß ich sicher in meinem Büro im 4. Stock und hatte das Fenster zur Straße offen und plötzlich begann ein kleines Kind zu schreien. Alles in meinem Körper erstarrte.

Ich fühlte mich, als könne ich nicht mehr atmen. Ich wollte mich am liebsten unter dem Tisch verkriechen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Alles in meinem Inneren war in Panik. Es fühlte sich an, als würde ein kleines Wesen panisch schreiend in meinem Hirn herumlaufen und alle anderen Funktionen lahmlegen. Kein Gedanke war möglich. Wie verrückt begann ich zu schwitzen und nahm mein gesamtes Umfeld nur durch einen Tunnelblick wahr.

Übrig blieb nur das Geräusch des schreienden Kindes und damit schlugen wie Flutwellen alle Erinnerungen gleichzeitig, überlappend auf mich ein. Keine wurde zu Ende abgespielt, wurde sie bereits von der nächsten verdrängt. Auf meiner Brust war ein Druck, der es mir unmöglich machte, vernünftig zu atmen. Ich glaubte, zu ersticken, dabei erreichte genug Luft meine Lungen. Irgendwann hörte das Kind auf zu schreien und mein Körper beruhigte sich langsam. Zurück blieb ich mit der Frage, was zum Teufel gerade passiert war.

Hülle ohne Kern

Ich sprach mit niemandem darüber. Seit ich nach Hause gekommen war, hatte mich eine seltsame Taubheit überfallen. Ich fühlte mich leer, wie eine Hülle ohne Füllung. Ein Schokoosterhase, in den man als Kind beißt und dann bemerkt, dass es nur eine dünne Schicht ist und nichts dahinter.

Ich fühlte mich wie eine Lüge in meiner Gesamtheit. All die Menschen, die mit mir sprachen, hatten keine Ahnung, dass die Person, die sie kannten, nicht mehr da war. So fühlte es sich an. Ich fühlte mich wie ein 'Fraud', jede Minute jedes Tages. Wenn ich in den Spiegel sah, erkannte ich mein Spiegelbild nicht. Ich war mir selbst so fremd. Erinnerungen an meine Jugend oder Urlaube fühlten sich an, als gehörten sie jemand anders.

Meine Gedanken kreisten dauerhaft darum, was ich falsch gemacht hatte, dass mir so etwas passiert war. Wenn die Erinnerungen mich nicht überfielen, rief ich sie absichtlich ab und spielte sie immer wieder ab, in der Hoffnung, das Ende irgendwie verändern zu können.

Ein Jahr voll Panikattacken, Taubheit und Flashbacks

Nach fast einem Jahr voll Albträumen, Panikattacken und Taubheit sah ich ein, dass ich Hilfe brauchte. Es war gleichzeitig der Moment, in dem sich das Blatt wendete. Dieser Tag ist inzwischen vier Jahre her. Mittlerweile kommen die Gedanken meistens nur noch, wenn ich sie einlade. Meine letzte Panikattacke liegt einige Jahre zurück. Ich habe aufgehört mich zu fragen, was ich anders machen hätte können. Und ich fühle wieder. Die Gesamtheit möglicher Emotionen: Liebe, Wut, Trauer, Verlust, Vermissen, Ärger.

Zu behaupten, ich bin wieder die, die ich davor war, wäre eine Lüge. Auch wenn ich alle Puzzlestücke wieder gefunden habe, bin ich neu zusammengesetzt. Aber ich habe gelernt, das zu akzeptieren. Es gibt immer noch Momente, die schwieriger sind und wo Erinnerungen sich aufdrängen, die eigentlich nicht willkommen sind. Für mich werden diese ausgelöst, wenn die ersten Weihnachtslichter aufgehängt werden, ich eine Gruppe kleiner Kinder vor mir habe oder die Temperaturen das erste Mal unter Null fallen. Ich weiß das, bin darauf vorbereitet und bin an diesen Tagen etwas geduldiger mit mir selbst.

Wenn du mit etwas ähnlichem kämpfst, kann ich dir nur empfehlen, Hilfe zu holen. Es wird nicht von alleine besser. Glaub mir. Ich habe versucht, es auszusitzen, aber es ging nicht. Denn mit jedem Monat, das ich wartete, wurde ich unsicherer, welchen Erinnerungen ich trauen konnte, welche Situationen eine Panikattacke auslösen würden und habe die Version, die von mir übrig war, mehr und mehr gehasst. Das muss nicht sein.

 

Aktuell