Wie fühlt es sich an, mit genderfluider Mode unterwegs zu sein?

Von neugierigen Blicken über nachgeworfene Bierdosen hat David Eckinger verschiedene Erfahrungen gemacht. Mit uns spricht er darüber, wie es ist, sich genderfluid zu kleiden und wieso es dringend mehr Toleranz braucht.

Genderfluide Mode

David Eckinger, auf Instagram SUSHE genannt, ist Make-up-Trainer für die Marken MAC und Bobbie Brown. Er hat bereits vor fast einem Jahrzehnt gemerkt, dass die Kleidung in der Männerabteilung nicht seine Ansprüche an Mode abdeckt und kauft seither genderfluid sowohl in der Männer- und Damenabteilung ein. Mit uns spricht er über die Herausforderungen damit und was er sich von der Modebranche wünschen würde.

WIENERIN: Wie definierst du deinen Kleidungsstil?

David Eckinger: Berufsbedingt trage ich viel schwarz und eher business casual mit einem Gen Z-Einfluss. Ich kaufe in beiden Abteilungen ein. Jeweils die Grenzgänger, also bei den Frauen nicht die typisch femininen Stücke, bei den Männern nicht die typisch männlichen Teile. Insgesamt shoppe ich sehr viel online.

Wie alt warst du, als du gemerkt hast, dass du nicht nur die Kleidung in der Männerabteilung tragen möchtest?

Ich war damals ungefähr 17. Aber ich hatte sehr viel Homophobie internalisiert und ich habe lange stark darauf geachtet, dass die Kleidung, die ich trage, eh nicht schwul ausschaut. Ich wollte kein Klischee sein und ich habe schon früh mitbekommen, was es bedeuten würde, wenn ich offen schwul bin. Ich hab versucht nicht anzuecken. Erst in der Pubertät und als ich begonnen habe bei MAC zu arbeiten, habe ich mich getraut das mehr auszuleben und die Reaktionen in meinem Umfeld waren voll okay. Damals wohnte ich noch zuhause und ich habe mir viele Gedanken gemacht, was meine Mutter wohl beim Wäsche waschen denkt, wenn ich sage, das ist aus der Frauenabteilung. Aber sie fand das nie komisch.

Was würdest du dir von der Modeindustrie wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass wir es nicht einfach in zwei Kategorien labeln oder es eine dritte Kategorie gibt, die einfach Unisex ist. Mein Lieblings-Online-Shop ASOS hat verschiedene Marken, die Kleidung Unisex oder an beiden Geschlechtern zeigen. Das hilft mir beim Einkaufen sehr. Denn wen ich es am weiblichen Modell sehe, kann ich schwer einschätzen, wie es an mir wirkt, wie die Größe oder die Schnitte ausfallen und das ist dann schwierig. Insgesamt braucht es einfach mehr Repräsentation von unterschiedlichen Körperformen.

Was bedeutet es für dich, wenn mehr Stars wie Harry Styles genderfluide Mode tragen und repräsentieren?

Einerseits finde ich es superschön und ich merke, dass das dadurch diese Geschlechterrollen immer mehr aufgebrochen werden. Aber diese prominenten Persönlichkeiten haben es auch leichter und leben in einem sehr geschützten Umfeld, was wir normale Menschen nicht tun. Harry Styles wird deshalb vermutlich nicht auf der Straße angegriffen oder muss sich täglich dafür rechtfertigen. Insgesamt kommt es mir vor, die Gesellschaft tut sich damit leichter, wenn jemand eindeutig gelesen werden kann. Also es klar ein Mann oder eine Frau ist, die mit diesen Grenzen spielen. Aber trotzdem braucht es natürlich solche Vorreiter, die Grenzen aufbrechen, die nicht zwingend in der Community sind.

Ist dir das schon passiert, dass du dafür angegriffen wurdest?

Wenn ich mit Freund*innen abends weggehe und jeder von uns trägt, worin er sich wohlfühlt, dann ist das immer eine Überwindung, weil es viele Kommentare und Blicke gibt. Einmal wurden uns Bierdosen nachgeworfen, aber zum Glück ist noch nie mehr passiert. Aber der Alltag ist für mich definitiv eine größere Herausforderung als für andere Menschen. Klogehen zum Beispiel, wenn andere Menschen dich nicht klar einem Geschlecht zuordnen können, ist immer schwierig. Männer fühlen sich durch meine weibliche Seite manchmal eingeschüchtert oder angegriffen und Frauen fühlen sich durch meine Männliche in ihrem Safe Space beschnitten. Auch beim Fliegen ist das immer ein Thema, wenn es zum Beispiel um die Sicherheitskontrolle geht und man abgetastet werden muss oder Ähnliches.

Was sind die größten Fehlannahmen, die Leute machen, wenn sie dich in deiner Kleidung sehen?

Dass ich bewusst provozieren oder auffallen möchte. Ich ziehe mich so an, weil ich so bin und ich habe mir fast mein ganzes Leben gewünscht, dass ich nicht so bin. Ich mache das nicht, weil es so lustig ist oder ich schräg sein will. Es macht keinen Spaß, wenn man in der anderen Abteilung einkauft und Leute glauben, man macht es aus irgendeiner Perversion heraus oder wegen etwas Anrüchigem. Und dass Genderfluid wirklich bedeutet: Manchmal fühle ich mich männlicher, manchmal fühle ich mich weiblicher. Deswegen fühle ich mich auch mit beiden Pronomen wohl. Mir ist es wichtig, so zu leben, wie ich bin und mit der Resonanz umzugehen. Aber es gibt Tage, wo das schwieriger ist und wo man sich fragt, warum man das durchmachen muss. Und manchmal habe ich immer noch den Gedanken im Kopf, dass ich anders und falsch bin. Schon als Kind im Fasching hab ich mir eher die femininen Kostüme ausgesucht und Erwachsene haben das immer ins Lächerliche gezogen. Und es ist ein hässliches Gefühl, wenn man merkt, dass Erwachsene einen Lächerlich finden. Dabei möchte ich einfach nur so sein können, wie ich bin.

 

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