Wie fühlt es sich an, dauernd das Abenteuer zu jagen?

Für ihre Dokumentarfilme reist Birgit Peters um die Welt. Ein Gespräch über ihren Beruf, die Natur und nachhaltiges Reisen.

Abenteuer jagen Birgit Peters

Eine Frau, die mit Schwimmflossen und Taucherbrille einem Hai ins Auge sieht, die sich im afrikanischen Busch unter Stammesmitglieder mischt oder Elefantenherden filmt – wenn man sich die Fotos auf der Homepage von Birgit Peters ansieht, bekommt man das Bild einer Abenteurerin, die schon die entlegensten Winkel der Erde bereist hat. Peters ist Naturfilmerin und unter anderem für Produktionen von Universum, Expeditionen ins Tierreich, für Erlebnis Erde oderTerra Mater vor und hinter der Kamera gestanden. Seit 17 Jahren arbeitet sie in einem Bereich, der als Männerdomäne gilt, und verbringt viele Wochen im Jahr in der Wildnis. In den letzten Jahren hat sie aber auch das sukzessive Verschwinden der "letzten Paradiese" beobachtet.

Frau Peters, was macht für Sie einen guten Naturfilm aus?

Birgit Peters: Eine packende Geschichte und starke Bilder. Und natürlich ein Protagonist, zu dem man eine Verbindung aufbaut. Wenn wir auf eine bedrohte Tierart hinweisen wollen, dann machen wir das nicht über den erhobenen Zeigefinger, sondern durch eine Geschichte, durch die einem das Tier ans Herz wächst. Damit ist schon mal ein Zugang geschaffen.

Was waren denn so Geschichten, die ­Ihnen stark im Gedächtnis ­geblieben sind?

Wir haben mal eine Gruppe von Wüstenelefanten in der Namib begleitet. Man merkt, wie man über die Wochen von der ­Herde akzeptiert wird, und auch, dass es wie bei den Menschen unterschiedliche Charaktere gibt: den nervigen Onkel, den gechillten Bruder, die hyper­aktive kleine Schwester. So etwas bleibt einem in Erinnerung. Wir sind mit dem dortigen Forscher in Kontakt geblieben – irgendwann hat er uns geschrieben, dass die Leitkuh und ein zweites Tier Wilderern zum Opfer gefallen sind. So etwas trifft einen dann schon sehr.

Wie sind Sie ursprünglich zum Beruf der Naturfilmerin gekommen?

Die Begeisterung für die Natur war schon immer da. Ich bin in ­einer Familie von Förstern und Naturliebhabern aufgewachsen. Kurz vor meiner Abschluss­prüfung in ­Journalistik 2005 hatte ich beim Tauchen in Südafrika eine Begegnung mit einem Weißen Hai. Das war die Initialzündung – diese Größe, dieses Archaische, wo du das Gefühl hast: "Wahnsinn, diese Wesen sind seit Millionen von Jahren im Meer und perfekt an ihre Umgebung angepasst. Irgendwie so erhaben." Ich habe noch von dort aus bei einer Produktionsfirma für Naturfilme angerufen und mich nach einer Ausbildung erkundigt.

Der Beruf ist immer noch sehr stark eine Männerdomäne. Spürt man das als Frau?

Heute sind die Teams zunehmend gemischter; als ich angefangen habe, hatte ich kaum Kolleginnen. Ich war eine junge Regisseurin mit Anfang zwanzig, eingebettet in ein reines Männerteam, und sollte denen sagen: „Ich stelle mir das soundso vor.“ Das war noch mal doppelt so schwer.

Gibt es auch in manchen Ländern Schwierigkeiten, wenn eine Frau auftaucht und drehen möchte?

Anfangs haben Leute oft automatisch geglaubt, dass ich die Assistentin bin, und nur mit dem Kameramann geredet. Da musste man sich schon durchsetzen. Aber generell sind es oft eher interkulturelle Themen: In manchen Ländern ist es wichtig, dass man gemeinsam sieben Tassen Tee am Lager­feuer trinkt, bevor es zur Sache geht. Das ist für mich als ungeduldiger Mensch schwierig (lacht).

Wenn man so viel gesehen hat wie Sie – kann man diese Faszination noch finden, wenn man in Österreich ist?

Absolut. Ich kann mich genauso für einen Ameisenhaufen begeistern, wenn ich länger davor­sitze und beobachte, was sich alles tut. Oder für einen Bach – wenn ich dasitze und schaue, was es da alles etwa an Käferlarven gibt.

Sie reisen beruflich um die Welt. Gibt es noch wirklich unberührte Orte?

Ich befürchte, rasant weniger. Egal, wo man ist, wenn man nach ein paar Jahren ein zweites Mal hinkommt, fällt einem auf, wie schnell sich alles verändert, zugebaut wird, wie der Artenschwund vor sich geht. Wo es früher auf Borneo Dschungel und Urwälder gab, gibt es jetzt nur noch Monokulturen. Oder Komodo, wo sich die Warane zwischen Plastik­bechern und Müll ihren Weg bahnen – das ist schon erschreckend.

Wie sollte gutes Reisen aussehen?

Ich glaube, es geht schon mal damit los, dass man sich besinnt: Was möchte ich wirklich erleben? Und dass man nicht jedes dritte Wochenende irgendwo anders hinjettet, nur weil es einen Billigflug gibt.

Glauben Sie, dass Naturfilme zu mehr Bewusstsein beim Thema Nachhaltigkeit beitragen können?

Ich glaube schon. Mit dem Film Ivory Game kam es zum Ende des legalen Elfenbeinhandels in China. Bei Sea of Shadows ging es um das Aussterben des kleinsten Wals der Welt, des Schweinswals, auch Vaquita genannt. Da sind die führenden Köpfe des Wildererkartells verhaftet worden. Ich selbst habe einen Dreiteiler betreut, wo es um die „letzten Paradiese“ ging. Da habe ich durch die Dreharbeiten mitgekriegt, wie schrecklich Dinge wie Delfin­shows und Elefantenreiten sind. Ich glaube, dass man damit Bewusstsein erzeugen kann, dass es nicht gut ist, wenn man im Urlaub eine Runde auf dem Elefanten reitet, da die Tiere leiden.

Ihre neueste Terra Mater-Produktion dreht sich um das Mittelmeer. Worum geht es da?

Jeder kennt das Mittelmeer, war schon mal dort – wir zeigen die unbekannte Seite. Auf 4.000 Kilometern zwischen Europa, Asien und Afrika gibt eine unglaubliche natürliche Vielfalt. Man sieht auch anhand unserer Protagonisten, welche Struggles die Tiere auf ihren Wanderungen haben, auch die Bedrohungen durch Schiffsverkehr und kommerziellen Fischfang.

 

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