Wie Frauen die Start-up-Kultur verändern

Frauen sind in der österreichischen Start-Up-Szene immer noch eine Seltenheit. Aber die, die es versuchen, sind verdammt erfolgreich. Und machen einiges anders. Wir sprachen mit Start-up-Gründerinnen und stellten fest, was sie besser machen als ihre männlichen Kollegen.

Über 150 Mitarbeiter wuseln durch die Gänge des Headquarters von Outfittery in Berlin. Vor zwei Jahren waren es noch 100. Und vor vier Jahren nur zwei. Damals saßen die Vorarlbergerin Julia Bösch und ihre Kollegin Anna Alex in ihrem Berliner Wohnzimmer vor ihren Laptops, umgeben von Päckchen mit Kleidung. Sie hatten gerade ein neues Online-Portal gestartet, über das sie Männern Styling-Beratung gaben und das Gewand direkt nach Hause schickten. Heute gehen ihre Pakete an über 100.000 Kunden in den verschiedensten Ländern. Willkommen in der Welt der Start-ups. Was ein Start-up von einer klassischen Firmengründung unterscheidet, sind zwei Merkmale: Es hat eine innovative Geschäftsidee. Und es ist auf schnelles Wachstum ausgerichtet. Start-ups sind mittlerweile ein echter Boom geworden. Mit Szene-Partys, Magazinen und Fernsehsendungen, die wie große Castingshows aufgezogen sind. Nur eines fehlt in der Rechnung: die Gründerinnen. Denn trotz des Hypes werden hierzulande nur zwölf Prozent der Start-ups von Frauen angetrieben. Und das, obwohl die durchaus gut damit fahren. Ganz provokant gefragt: Sind Österreicherinnen also Start-up-Muffel?

Männerclub 2.0.

„Ein Start-up zu gründen ist heute ein bisschen wie eine Rockband zu haben“, erklärt Selma Prodanović, Österreichs bekanntester Business Angel und Kennerin der heimischen Szene. Es ist eine Welt der vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden jungen Männer. Eine Welt, in der man vielleicht schon morgen der nächste Steve Jobs oder Mark Zuckerberg sein könnte. „Auf einmal ist es für einen 25-Jährigen denkbar, dass er ein Milliardenunternehmen aufbauen kann“, so Prodanović. „Solche Vorbilder gab es für Frauen einfach noch nicht.“ Kein Wunder also, dass sich weibliche Start-ups oft in Nischen zurückziehen, die von Männern gerne ignoriert werden.

Business-Angel Selma Prodanović: "Ein Start-up zu gründen ist heute wie eine Rockmand zu haben."

Business-Angel Selma Prodanović:
"Ein Start-up zu gründen ist heute wie eine Rockmand zu haben."

Frauenkram

Eine solche „Frauen-Nische“ beackert Beate Wachter. Die MBA-Absolventin hat vor einem Jahr das Portal Beauteo gegründet, das mittlerweile IamBeauty.at heißt. Mit wenigen Klicks können Frauen unterschiedliche Beauty-Angebote gebündelt buchen. „Männer und vor allem Investoren erkennen oft nicht das Potenzial der Beauty-Industrie“, sagt Wachter, die in diesem Bereich ihre Chance sieht. Mode, Beauty, Wellness – in der Start-up-Welt genauso wie in der „alten“ Wirtschaftswelt eine Frauendomäne. Aber sind da die Männer schuld, mit ihrem Alphamännchen-Gehabe?

Selma Prodanović würde das so nicht sagen: „Welche Firmen Frauen gründen, hat ganz einfach damit zu tun, womit sie sich auskennen. Und das sollte auch die Basis für jedes Unternehmen sein“, sagt die Expertin. Wenn Frauen also Apps zu Themen wie Beauty oder Schwangerschaft auf den Markt bringen, geht es nicht unbedingt um Nischensuche oder Verdrängung, sondern einfach um Problemlösung – das ist genau der Ansatz, der im Idealfall hinter einem erfolgreichen Start-up steht. Und wenn sie weniger Technik-Start-ups hervorbringen, liegt das daran, dass die Frauen in den Hörsälen der Technik-Unis eine Minderheit sind. „Daran gilt es erst mal zu arbeiten“, so Prodanović.

IamBeauty-Gründerin Beate Wachter sieht im Beauty-Bereich ihre Chance.

Risikoscheue Frauen?

Trotzdem gibt es einige Vorurteile, die sich über Frauen in der Business-Welt hartnäckig halten: Etwa ihre geringere Risikobereitschaft. Oder dass sie andere Lebensprioritäten hätten. „Ja, es stimmt beides“, bestätigt Selma Prodanović. „Aber das ist auch gut so. Risiken gewissenhaft einzuschätzen ist eine Qualität, die man unterstützen sollte.“ Die hohe Risikobereitschaft hätte uns ja gerade in die Krise reingeritten, fügt sie mit ironischem Blick hinzu. Auch die Tatsache, dass Frauen ihre Familie und ihre Kinder wichtig sind, sei nichts Schlechtes. Frauen gründen nicht unbedingt mit der Motivation, Milliardäre oder Superstars zu werden, sondern weil sie von einer Idee überzeugt sind.

Ein Zugang, den auch die Villacherin Agnes Fojan teilt. Die 34-Jährige hat jahrelang im Tourismus gearbeitet. Seit einem Dreivierteljahr wird sie von einer eigenen Vision angetrieben: Mit Holidays on Wheels bietet sie Aktivreisen für Menschen im Rollstuhl an. Als Unternehmertochter hat sie diese Art von Selbstständigkeit von zu Hause gekannt und lange abgelehnt: ausufernde Arbeitszeiten, viel Verantwortung, Mitarbeiter und Kunden, denen man auch im Urlaub antworten muss. Das alles hat sie heute erst recht. Aber es kommt ihr sinnvoll vor: „Du arbeitest sieben Tage die Woche. Aber wenn dich die Idee wirklich gepackt hat, wird Zeit komplett egal.“ Trotzdem ist ihr ­Lebensziel nicht, der neue Mark ­Zuckerberg zu werden.

Agnes Foyan gründete Holidays on Wheels um Menschen mit Gehbehinderung Urlaubsreisen zu vermitteln.

Erfolg neu definieren

An den Start-ups lässt sich auch eine Entwicklung der Gesellschaft nachzeichnen, ist Selma Prodanović überzeugt: „Die Krise von 2008/09 hat dazu geführt, dass wir andere Lösungen suchen mussten. Das alte System dieser großen Corporate-Welt musste sich einfach verändern.“ Für sie wird der Trend weg von der Jagd nach dem großen Geld hin zur Jagd nach dem Sinn weitergehen. Und es gibt einiges, was dafür spricht, dass Frauen in der Start-up-Szene noch aufholen werden.

„Ich glaube, dass noch sehr viele Frauen erst in einer 40-plus-Phase ihre Unternehmen starten werden“, sagt Prodanović. „Wenn die Kinder schon aus dem jüngsten Alter raus sind und man sich mehr zutraut. Aber auch, wenn sie keinen passenden Job mehr finden und nicht mehr bereit sind, einfach irgendwas zu machen.“ Das gilt für Frauen ebenso wie für immer mehr Männer, ist Prodanović überzeugt. „Die eine oder andere wird auch ein großes Business daraus machen, aber es ist nicht unbedingt das Ziel Nummer eins.“

Lesen Sie hier, die Erfolgstipps unserer Start-up-Gründerinnen.

 

Aktuell