Wie es wirklich ist, die Welt so intensiv wahrzunehmen

Alle, die es nicht betrifft, können nur erahnen, was Hochsensible den ganzen Tag über so wahrnehmen. Um es ein bisschen besser nachvollziehen zu können, haben wir die hochsensible Shandiz Ahi einen Tag lang in der Stadt begleitet – und uns genau beschreiben lassen, was sie spürt. Hier der Bericht dieser (Nach-)Empfindungsreise.

Ich treffe mich mit Shandiz an einem Vormittag vor dem Wiener Stephansdom. Sofort erzählt sie mir von einem Erlebnis in der U-Bahn, aus der sie gerade kommt. Denn schließlich will ich ja wissen, was sie sieht, hört, riecht, spürt, wenn sie unterwegs ist. Da war eine Dame, die unfassbar genervt war, und Shandiz glaubt, dass es ihr wohl schon lange nicht gut gehe. Ob mir das auch aufgefallen wäre? Keine Ahnung.

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Wir sitzen in einem Café und unterhalten uns über ihre Hochsensibilität. Ich ertappe mich dabei, aufmerksamer hinzuhören, was rund um uns passiert. Langsam kann ich besser nachempfinden, wie es Shandiz hier herinnen geht.

Da ist lautes (oder für mich halbwegs normal lautes) Tassengeklapper, Leute reden durcheinander, die Tür geht ständig auf und zu, das Telefon läutet. Während ich mich also auch mehr aufs Rundherum konzentriere, macht sie genau das Gegenteil. Sie fokussiert sich auf unser Gespräch und versucht, das Drumherum aktiv ein Stück weit auszublenden: „Ich habe wirklich lernen müssen, auch mal zuzumachen, denn wenn man immer alles um einen herum wahrnimmt, dann kann das verdammt anstrengend werden. An Tagen, wo es mir richtig gut geht, ich mich selber gut fühle, fällt es mir natürlich auch leichter, offen zu bleiben.“

Auf der Straße ist es für sie schwierig, zu spüren, wie
es anderen vielleicht gerade geht. Aber bei Menschen, die
ihr nahestehen, erkennt sie das sofort. „Bei einem Abendessen mit 20 Leuten spüre ich genau, wem’s nicht gut geht. Manche Leute machen in schwierigen Zeiten deshalb einen Bogen um mich, weil sie vielleicht nicht drauf angesprochen werden wollen. Andere wieder kommen dann verstärkt auf mich zu, weil sie wissen, dass ich mehr mitkriege und sie wirklich sehe.“ Das mit dem Sehen ist eine Formulierung, die Shandiz oft verwendet.

Sie sieht mehr, automatischer als andere und vor allem schneller


Wir sind inzwischen in einem großen Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt und beobachten eine Verkäuferin. Eine normale Verkäuferin, die Pullover sortiert. Aus meiner Sicht. Shandiz sieht eine Frau, die gedankenversunken ist. Sie fragt sie etwas und erzählt mir, dass sich ihr Gefühl bestätigt hat: „In dem Moment, wo ich sie angesprochen habe, hat sie sich ein bisschen geöffnet und war sehr höflich. Aber ich glaube, sie will heute lieber in Ruhe gelassen werden, vielleicht muss sie irgendwas Großes entscheiden, sie ist sehr nachdenklich.“

Shandiz betont, dass das natürlich Mutmaßungen sind, sich solche Ahnungen im Bekanntenkreis aber einfach immer und immer wieder bestätigt haben. Besser nachvollziehen als das Gemütszustand-Erspüren kann ich, was sie im Supermarkt empfindet, in den wir auch noch gehen. Gleich beim Eingang erriecht sie die Essecke im hinteren Teil, die ich gerade weder sehe noch rieche. Auch dass die Dame, die an ihr vorbeigeht, Herzklopfen hat, nimmt sie sofort wahr. Ich nicht. Den Brotduft kriegen wir beide mit.

„Ich weiß nicht, ob das nicht eine Gabe ist, die wir alle haben, wir sind doch voller Instinkte und sehen nur nicht richtig hin“, sagt Shandiz. Hm, ich denke darüber nach: Vielleicht, aber ich müsste mich, anders als sie, ganz stark auf die einzelnen Reize konzentrieren, das wäre anstrengend!

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Shandiz erzählt, wie sich ein Tag für sie anfühlt!

Die Journalistin Shandiz Ahi entdeckte ihre Hochsensibilität vor etwa zwei Jahren, weil sie sich in einem Zeitungsartikel darüber wiederfand. Bis dahin hatte sie immer gedacht, sie sei einfach „anders“, überempfindlich und kompliziert.

Mein Leben als Hochsensible

"Ich sehe, fühle, schmecke und erlebe mehr, als mir manchmal lieb ist. Geräusche, Bilder, Farben und Gefühle – in der Kunst, Liebe und Musik kann das schön sein, doch auch Schmerz und Trauer gehen mir unter die Haut wie wenigen anderen.

Das war schon als kleines Kind so. Erwachsene sagten, ich hätte eine „blühende Fantasie“, ich wäre „anders“, „langsamer“. Das wurde oft als Nachteil gesehen, und tatsächlich war es nicht immer einfach, Anschluss zu finden, außer bei den Underdogs. Empathie und soziale Intelligenz wurden mir immer schon bescheinigt.

Aber dass es einen Namen dafür gibt, war mir lange nicht bewusst: Befindlichkeiten von Menschen sog ich auf wie ein Schwamm und (er)lebte sie mit – manchmal so intensiv, dass es mir schwerfiel, mich davon abzugrenzen. Das machte mich oft so dünnhäutig, dass ich mich vor der
Reaktion der Menschen regelrecht fürchtete.

Heute weiß ich, dass ich mich von Zeit zu Zeit ausklinken
muss, um meine Batterien aufzuladen und mich selbst
zu spüren. Als Mutter zweier Kinder, die laut und energisch
sind und die die ganze Bandbreite an Gefühlsausbrüchen
in einen Tag packen, fällt es mir nicht immer leicht,
meine innere Mitte zu bewahren, mich auf etwas zu fokussieren und alles mit Leichtigkeit (schnell) zu erledigen. Dabei fühlte ich mich lange Zeit überfordert und gereizt. Jetzt weiß ich, dass meine Antennen auch Gabe sind:

Es ist schön, von Obdachlosen oder Flüchtlingen umarmt
zu werden, weil einen in diesem Moment etwas verbindet, das nicht mit Worten zu erklären ist. Es ist wie ein Vorhang, der fällt, weil man den anderen in seiner Gesamtheit sieht – und auch all das Schöne an und in ihm zu sehen vermag. Und die Erkenntnis, etwas entdeckt
zu haben, das vor mir noch keiner bemerkte, die
macht mich immer wieder sehr glücklich."

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