Wie erzieht man Mädchen zu selbstbewussten Frauen?

Mädchen traut man nichts zu, also trauen sie sich nichts zu. Das ist kein Stehsatz der 1950er, sondern der Tenor einer aktuellen Harvard-Studie. WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas, selbst Mutter zweier Mädchen, über den Ausweg aus der „Prinzessinnen-Falle“.

Aufgepasst, liebe Mädchen, Frauen und spätere Mütter von Mädchen! Was eine aktuelle Studie der Elite-Uni Harvard jetzt rausgefunden hat, darf schockieren und gleichzeitig wachrütteln. Die Welt wünscht sich Männer am Ruder und vertraut Frauen nicht. Tja, so ist das, da können wir uns offenbar einreden, was wir wollen. Sowohl bei Kindern, als auch bei Teenagern kam heraus: 40 Prozent der Jungen, aber auch 23 Prozent der Mädchen bevorzugen männliche politische Führungspersonen (nur 4 Prozent der Buben und 8 Prozent der Mädchen wollen Powerfrauen wie Hillary Clinton). In der Wirtschaft dasselbe Ergebnis. Und bereits im Schulalter, so zeigt die Studie, wünscht man sich männliche, weiße Schulsprecher. Als allerletzte Wahl kamen weiße Mädchen raus. Pikanterweise kam das Ergebnis nicht nur von den Schülern selbst so explizit, sondern auch Mütter (auch die von Mädchen) fanden: Ein Bursch kann das besser. Der Studienleiter, Richard Weißbourd, legte den Fokus vor allem auf das Thema Vorurteile, denn hier scheint wohl der Hund begraben zu sein. Mädchen traut man nix zu und dadurch trauen sich Mädchen nix zu.

Vorurteile konservieren

Mit kleinen Mädchen wird zu Hause beispielsweise viel weniger über wissenschaftliche Vorgänge gesprochen, als etwa mit Buben. Daher haben Buben – wenn sie zur Schule kommen - schon viel bessere Kenntnisse über Alltagsphysik oder Wetterphänomene als Mädchen. Das Vorurteil dazu: Buben sind interessierter an Technik und Mathematik. Klar, sicher. Die Konsequenz: Alle handeln so, damit sich dieses Vorurteil auch schön hält. Und umgekehrt läuft es genauso: Sowohl Mädchen als auch Burschen (immerhin wurden fast 20.000 Studenten befragt) finden: Ja, doch es gibt Bereiche, da sind Frauen wirklich viel besser und sollten auch Führungspositionen einnehmen: Kinderbetreuung, Gesundheitsbereiche, Kunst. Ist das nicht voll frustrierend? Ich finde schon. Daher lautet doch die Frage: Wie kann ich kleine Mädchen so erziehen, dass sie sich mehr zutrauen? Wenn weibliche Teenager heute in den USA lieber „hot als smart“ sind, sich bereits 6-Jährige zu dick finden und eine ganze Industrie davon lebt, ständig an sich und seinem Äußeren herumzudoktern?

Hört auf mit "Prinzessin"!

Meine Antwort: Hört auf, eure kleinen Mädchen Prinzessinnen zu nennen, sie in hübsche Kleider zu stecken, sie fürs still sitzen zu loben und als oberstes Ziel für ihre geglückte Erziehung zu definieren: „Brav sein!“ Diese Aufforderung ist hart, ich weiß, denn ich habe selbst zwei Mädchen, die auch noch genau gleich alt sind. Ich liebe sie, ich finde sie wunderschön und extrasmart. Und auch ich bin jeden Tag versucht, die süßen und herzigen und überhaupt hinreißenden 3-jährigen Kinder mit sprachlichem Zuckerguss zu übergießen. Und ganz ehrlich – sie machen mir smarte Erziehung nicht leicht. Jeden Tag quälen sie mich mit derselben Frage: „Mama, ziehen wir heute ein Kleid an?“. Und ich kann nicht jeden Tag sagen „Nein, heute gibt’s das schwarze Top und die schwarze Hose - wie für Mami!“ Nein, natürlich dürfen sie Kleider anziehen, denn natürlich ist es für mich so gut wie unmöglich, es nicht komplett zum Dahinschmelzen zu finden, wenn sie mit ihren langen Haaren und fliegenden Kleider durch Wiesen und Felder springen. Oder zumindest durch die Wohnung.

Wir brauchen wieder Räuberstöcher

Aber dann lese ich solche Studien und rechne mir den emanzipatorischen Fortschritt für meine zwei Mädels aus, wenn sie - sagen wir - 20 Jahre alt sind. Und dann wird mir wieder schlecht. Was also tun? Ich bin überzeugt, es geht nur so: Fördern sollte man all jene Talente, Fähigkeiten und Eigenschaften, die Mädchen „smart“ werden lassen. Aufmerksam bleiben für Interessen, die gegen das Klischee sprechen. Hat sie ein gutes Ballgefühl? Könnte Fußball statt Ballett ein Thema sein. Hat sie ein gutes Taktgefühl? Vielleicht Schlagzeug statt Klavier. Liest sie gerne? Dann vielleicht wieder mehr Geschichten von Räuberstöchtern heimbringen und der weichgespülten, Disney-Princess-Falle einfach öfter widerstehen. Und alles andere, also die Relevanz der Schönheit, die Beschäftigung mit den Kleidern, das verdammte rosa überall – das kann man ja trotzdem dulden. Aber eben nicht mehr. Denn: Wer, wenn nicht die Mütter von heute, sollten anfangen, Mädchen-Vorurteile aufzubrechen und ihnen damit zu einem starken Selbstbewusstsein zu verhelfen? Ich denke, das ist es wert. Denn auch wenn sie heute süß sind, ich wünsche mir für sie, dass sie als Frauen smart werden – und nicht nur hot.

 

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