Wie einen das Leben im Tourismusort fertig machen kann

Ich wollte mal schön ruhig wohnen. Und bin in einen Kurort gezogen. Nach Bad Tatzmannsdorf. Jetzt drehe ich bald durch, weil ich jeden Sommerabend in die Schlagerhölle getrieben werde.

Seit einigen Jahren wohne ich in Bad Tatzmannsdorf. Einem an sich total schönen Ort im südlichen Burgenland. Einen Kurort, an den die Leute quasi schon immer kamen, um sich zu erholen und der mit dem Slogan "Slow down and relax" wirbt. Nur: Für Anrainerinnen wie mich, hat es sich leider ausge-relaxt. Danke, Wolfgang Petry, Andrea Berg und Co.

Wahnsinn, warum treibt ihr mich in die Hölle?

Na, hört ihr die Melodie dazu? Das mit der Hölle ist ein Song von Wolfgang Petry. Wer ihn nicht kennt, der kann gern mal auf meinen Balkon zu Besuch kommen. Den ganzen Sommer über, wenn die "rote Sonne" langsam hinter dem Hügel versinkt, heißt es in Bad Tatzmannsdorf nämlich "Tanze mit mir in den Morgen". Und zwar in einer Lautstärke, dass ich denke, "Hey Oropax, ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein!" Und mich absurderweise immer freu, wenn Schlechtwetter ist: Ja! Danke Regen! "Schenk mir diese eine Nacht" voller Ruhe! Mmhh!

Die Tanzmusik aus dem örtlichen Tanzcafe in Hauptplatznähe oder von den vielen Veranstaltungen, die es mittlerweile auf der Freiluftbühne auf dem Joseph Haydn Platz gibt, lassen echt Marmor, Stein und Eisen brechen. Das kann vielleicht "einen Seemann nicht erschüttern" - mich aber schon. Ich bin kurz davor, völlig wahnsinnig zu werden, überlege ernsthaft wegzuziehen und frage mich, warum "Joana", statt "geboren, um Liebe zu geben" nicht auch "geboren, um Ruhe zu geben" sein könnte.

"I sing a Liad für di" - NA, BITTE NICHT!

Letztens dachte ich schon "Ti amo Bad Tatzmannsdorf!", weil es an einem schönen, lauen Sommerabend tatsächlich um 19:00 Uhr ausnahmsweise noch so leise war, dass ich Vogelgezwitscher hören konnte. Ich also voller Freude mit Pölstern, einem Getränk und einem spannenden Krimi auf meinen Balkon raus. Um das genau 15 Minuten genießen zu können. Bis es wieder losging. Und ich vor lauter Schlagerablenkung die Sätze mehrfach lesen musste, um weiterzukommen. "Verdammt, ich lieb dich doch nicht, Bad Tatzmannsdorf". Denn an diesem Abend gab´s noch dazu Doppelbeschallung: "California blue" vom Tanzcafe in Konkurrenz mit "New York, New York" vom Hauptplatz. Ihr Lieben, die ihr auch in einem Tourismusort lebt, wie macht ihr das? Wie haltet ihr das aus? So viel "griechischen Wein" kann man ja gar nicht trinken ...

Je lauter, desto musikalisch wertvoller?

Wem ich davon erzähle, der findet das total lustig. Aber wer sich ehrlich hineinfühlt, und sich vorstellt, jeden Abend (!) im Sommer wäre er gezwungen, "Du hast mich 1000 Mal belogen" zu hören, ohne leiser drehen zu können, der wird mich verstehen. Am schlimmsten ist es übrigens, wenn es Live-Musik gibt und so genannte Alleinunterhalter glauben, ihr musikalisches Können durch eine besonders hohe Lautstärke bekräftigen (oder kompensieren) zu müssen. Weltklasse Foltermethode! Da würd ich gern im "Hotel California" einchecken.

Irgendwann bleib i dann furt

Im Sommer wenigstens an manchen Tagen mal in Ruhe auf meinem Balkon sitzen zu können, das fänd ich total großartig. Wirklich traurig, dass man von so etwas "Normalem" so weit weg sein kann. Also hab ich versucht, das Thema anzusprechen - und in Kauf genommen, als die "Hysterische", die sich nicht so anstellen soll, abgestempelt zu werden. Das ist mir eigentlich wurscht, bevor ich gleich "Goodbye, my love" zu Bad Tatzmannsdorf sag und wegziehe. Probieren wollte ich es. Auf meine Nachricht ans Cafe kam keine Antwort. Auf mein Mail an die Gemeinde auch nicht. Auf meine Beschwerde bei der "Gästeinfo" gar nix, ein Kommentar, der was zur Lautstärke anmerkte auf deren Facebookseite, bleib auch komplett ignoriert.

Nachdem aber grade Wahlkampf ist, haben immerhin einige Gemeindevertreter auf meine Nachricht in einer Orts-Facebookgruppe reagiert. Und bekundet, dass sie alle für eine Dezibelobergrenze sind. Ich wünsche mir - und meinen Nachbarinnen -, dass das mehr als Wahlkampfrhetorik ist. Sonst muss ich doch irgendwann vor dem nächsten Sommer singen: "Irgendwann bleib i dann furt."

 

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