Wie die Psychologie uns das Geld aus der Tasche zieht

Was die Psychologie wirklich leisten kann, hat sich der Journalist und Psychologe Jens Bergmann angeschaut. In seinem neuen Buch "Der Tanz ums Ich" kommt er zum Fazit: "Man muss nicht alles psychologisieren." Im Interview erklärt er, wieso.

Was die Psychologie wirklich leisten kann, hat sich der Journalist und Psychologe Jens Bergmann angeschaut. In seinem neuen Buch "Der Tanz ums Ich" kommt er zum Fazit: "Man muss nicht alles psychologisieren." Im Interview erklärt er, wieso.

Herr Bergmann, Sie kritisieren das Geschäft mit der Psychologie, was genau stört Sie?

Jens Bergmann: Ich möchte über die Hintergründe dieses Geschäfts aufklären und zu einer gesunden Skepsis aufrufen. Denn die Psychologie war schon immer gut, ihre vermeintlichen Erkenntnisse zu vermarkten, und Krankheiten wie etwa das sogenannte Burn-Out zu erfinden. Therapeuten, Coaches und Gurus werben auf allen Kanälen mit ihren Heilsbotschaften, da finde ich, ist Skepsis wirklich angebracht, denn das Fundament der Psychologie ist recht dünn und viele Vertreter neigen dazu, Probleme allein in der Persönlichkeit der Menschen zu suchen und das ist oft fruchtlos.

Wie meinen Sie das konkret?

Jens Bergmann: Grundsätzlich sind wir einfach soziale Wesen und oft ist es so, dass uns unsere Probleme nur im Kontext verständlich werden.Das psychologische Denken aber kreist um das Ich, schaut ,Warum hab ich Probleme mit dem Chef, kommt das aus der Kindheit´, ,Warum ertrage ich diese Situation schlecht´und diese Denkmuster halten uns von ganz pragmatischen, vernünftigen Lösungen ab. Etwa mal mit seinen Kollegen zu sprechen, um zu schauen, was man an den Umständen ändern könnte.

Aber es gibt doch viele Leute, denen Therapie hilft?!

Jens Bergmann: Ja, es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass Psychotherapie ganz generell wirkt. Was die Frage aufwirft, wie das möglich sein kann, wo sich die therapeutischen Schulen so stark voneinander unterscheiden. So sucht zum Beispiel die Psychoanalye Ursachen für Probleme in der frühen Kindheit, während die Verhaltenstherapie verspricht, sie wegtzutrainieren. Wie können also beide Konzepte erfolgreich sein? Was ist der gemeinsame Nenner, warum Therapien helfen? Die Antwort ist: Zuwendung.

Das heißt, ein gutes Gespräch mit einem guten Freund, einer guten Freundin", wäre aus Ihrer Sicht genauso wirkungsvoll?

Jens Bergmann: Ja. Allerdings fehlt vielen ein solcher Ansprechpartner. Psychologen springen gern in die Bresche: Sie hören zu und nehmen die Sorgen ihres Gegenübers ernst. Und hier rede ich aber in erster Linie von einer Klientel, die in Lebenskrisen oder Schwierigkeiten Rat sucht. Anders verhält es sich mit wirklich psychisch Kranken, deren Zahl übrigens relativ stabil ist. Die Psychologie macht ihr Geschäft vor allem mit einer wachsenden Gruppe, die man als leidende Gesunde bezeichnen kann.

Jens Bergmann

Jens Bergmann hat an der Universität Hamburg Psychologie und Journalistik studiert und besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule. Er ist Autor Journalist und lehrt an verschiedenen Hochschulen.

Sie schreiben von einem richtigen Psychoboom, davon dass die Psychologie die Religion unserer Zeit sei, warum sind wir für die Angebote der Psychologie grade so empfänglich?

Jens Bergmann: Das hat stark mit dem Verlust von Bindung und Orientierung zu tun hat. Früher waren die Menschen stärker verwurzelt in einem bestimmten kulturellen Milieu, waren Mitglieder in der Kirche, einer Partei oder Gewerkschaft. Auch Familien und Beziehungen sind nicht mehr so stabil, das trägt alles dazu bei, dass die Angebote der Psychologie auf fruchtbaren Boden fallen. Außerdem verkauft sich diese Disziplin gut, indem sie ständig neue Probleme erfindet und die Lösungen dazu gleich mit.

Und was ist Ihr Fazit?

Jens Bergmann: Wir modernen Menschen leiden nicht unter zu wenig, sondern unter zu viel Psychologie. Wir kreisen zu sehr um uns selbst und neigen dazu, alles was passiert auf uns zu beziehen. Gesünder wäre es, offen für die Welt zu bleiben und öfter mit mehr Distanz und mit mehr Humor auf die Dinge schauen - gern auch auf die Angebote der Psychologie.

 

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