Wie die Diät-Kultur unserer Mütter unser Körperverhältnis beeinflusst

Ich stehe mindestens einmal täglich auf der Waage und habe viel zu viele Diäten versucht. Gelernt habe ich das von meiner Mutter. Gedanken dazu, wie wir es schaffen, die Diät-Kultur zu durchbrechen.

Wie die Diät-Kultur unserer Mütter unser Körperverhältnis beeinflusst

Als ich aufgewachsen bin, war meine Mutter immer auf irgendeiner Diät. Da war die Sauerkraut-Diät, die in der sie nur Säfte und Gemüsebrühe getrunken hat, Low-Carb, eine bei der man nur jeden zweiten Tag isst, Pülverchen, Weight Watchers, Säfte, Low-Fat, FDH und viele weitere, an die ich mich nicht mehr erinnere. Sie sah alte Fotos von sich an aus ihrer Jugend und erinnerte sich, auf welcher Diät sie damals war. In ihrem Kasten lagerte sie Kleidung, die ihr nicht mehr passte, aber die sie irgendwann wieder tragen wollte.

Der Start des Diät-Zyklus

Ich war immer ein pummeliges Kind und finde mich langsam damit ab, dass mein Körper nicht dafür angelegt ist, dünn zu sein. Curvy nennt man meine Figur vermutlich, wenn man schmeicheln möchte, moppelig nenn ich sie in meinem Gedanken. Wenn ich die Bilder sah, die meine Mutter von sich bekrittelte, fiel mir schon als Jugendliche eine Sache auf: Ich hatte nie die Figur, die sie auf den Bildern hat. Die Bilder, in denen sie sich selbst zu dick fand.

Also begann ich in ihren Diät-Zyklus einzusteigen. Mit 13 war ich das erste Mal für ein halbes Jahr auf Diät und aß kaum Kohlenhydrate. Meine Mutter und meine Tante unterstützen das, schließlich wäre es gut für mich, etwas mehr auf mich zu achten und so vielleicht mehr Freund*innen zu finden. Nachdem ich ein pummeliges, introvertiertes Kind war, das am liebsten ihre Zeit lesend verbrachte, war ich nicht zwingend ein beliebtes Kind. Was aber alle anderen weit mehr störte als mich.

Spiel, Satz, Sieg

Während meine Freund*innen im Kino Popcorn aßen, holte ich mitgebrachte Gurkensticks aus der Tasche. Bei Geburtstagsfeiern verschmähte ich Chips und Cola und trank mein Glas Mineralwasser. Essen ist für mich seit diesem Tag ein Stressthema. Denn gerade weil ich ein pummeliges Kind war, wollte ich nicht, dass meine Freund*innen dachten: "Die sollte wirklich Diät machen, so dick wie sie ist." Also versuchte ich mit meiner Ernährungsveränderung so diskret wie möglich umzugehen. Ich steckte für meine Diät ein genaues Gewichtsziel ab, das ich für meine Firmung erreichen wollte. Denn alles was man mit einem konkreten Ziel macht, schafft man leichter.

Das war die Geburt der Einstellung, dass man für bestimmte Ereignisse bestimmte Kleidergrößen haben zu müssen. Mein Ziel erreichte ich. Ich bin sehr diszipliniert. War ich immer schon. Kaum war das Zielgewicht auf der Waage, fühlte ich mich das erste Mal seit langem oder überhaupt wie ein erfolgreiches Mitglied unserer Gesellschaft. Ich war dünn, ich hatte das durchgezogen, ich hatte es jetzt verdient Freund*innen zu haben.

Erfolgreiche Diät = Erfolgreiche Frau

Wer bis hier her gelesen hat, kann sich vorstellen, dass das nicht meine letzte Diät blieb. Denn in meinem Hirn waren von diesem Moment an drei Dinge miteinander verknüpft: Dünn sein, Verzicht und Wertschätzung. So hatte ich das gelernt. Bei Familienfeiern gibt es zwischen meiner Mutter, meinen Tanten, mir und meinen Cousinen inzwischen immer dasselbe Gespräch: "Gut siehst du aus! So dünn! Welche Diät machst du gerade? Oh spannend! Wie funktionierts? Schick mir mal einen Link! Hast du diesen Kuchen ohne Mehl und Zucker probiert?" Zu behaupten ich hätte ein normales Verhältnis zu Essen, wäre eine glatte Lüge.

Meine Mutter und Tanten sind Generation Baby Boomer. Sie sind mit einem anderen Welt- und Frauenbild aufgewachsen als wir es heute tun. Ihnen wurde gelehrt, dass es als Frau wichtig ist dünn, weiß und hübsch zu sein. Und obwohl ich und meine Cousinen eine andere Generation sind und mit Body Positivity und Body Neutrality als Millenials andere Werte vertreten (möchten), wurden wir von dieser Generation erzogen, die nicht aus ihrer Haut kann.

"Es ist ein ganzes System des Fühlens und Denkens und der Bewegung in der Welt. Es geht um alles, von Geschlechternormen, die von Männern und Frauen einen bestimmten Appetit und eine bestimmte Körperform erwarten, bis hin zur Unterstützung der Diätkultur durch die Medienindustrie", so Emily J.H. Contois, Autorin von Diners, Dudes, and Diets: How Gender and Power Collide in Food Media and Culture gegenüber TeenVogue.

Es ist einfach passiert

Unsere Mütter beabsichtigten nicht dauerhaft unser Verhalten zu Essen zu stören. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass das Leben leichter ist, wenn man einem gewissen Schema entspricht und auf eine Art und Weise aussieht. Das haben sie uns weitergegeben, weil sie möchten, dass unser Leben leichter und schöner ist. Doch bei vielen Frauen ist das Gegenteil passiert.

Was sie weitergegeben haben, ist ihr ganz eigenes Körpertrauma, ihre eigene Angst und ihre eigene Unzufriedenheit. Meine Tante erklärte mir mal in einem Gespräch, dass Männer besser sehen als denken könnten. Und obwohl das weder den Männern von heute noch mir gerecht wird, habe ich seither bei jeder Abweisung angenommen, dass es an meinem Aussehen liegt. Man könnte sagen es gab eine direkte Korrelation zwischen abgewiesen werden und nach einer neuen Diät googeln. Self-Improvement at it’s best.

Break the cycle

Und ja, ich weiß, dass wir es uns einfach machen, unser Körpertrauma einfach auf die Generation vor uns zu schieben. Das ist auch gar nicht, was ich damit sagen möchte. Denn dieser Kreislauf ist furchtbar schwer zu durchbrechen. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Mütter.

Ich muss es ja wissen. Denn ich schreibe darüber wie schlecht Diäten sind und dass sich jeder selbst lieben soll und stehe trotzdem jeden Tag auf der Waage. Mindestens einmal. Ich esse nicht mehr als mein Gegenüber. Egal wie hungrig ich bin. Wenn mein Gegenüber Salat bestellt, bestell ich Salat obwohl ich lieber Pommes hätte. Wenn diese Person nichts isst, esse ich auch nicht.

Die Diät-Industrie ist ein Markt, der 71 Milliarden Dollar Umsatz jährlich ausmacht. Und er hat uns im Griff. Der einzige Weg, wie wir ihn durchbrechen können ist darüber zu sprechen. Mit unseren Müttern, Tanten und Kindern. "Es ist wirklich schwer, wenn man Jahrzehnte seines Lebens damit verbracht hat, diese Ideen zu verinnerlichen, sie einfach wegzuwerfen", sagte Contois.

Wir wollen aber genau das. Ich möchte es zumindest. Aber in einer Welt voll "Love yourself" und "Accept yourself" und Selflove ist es wichtig auch mal anzuerkennen, dass das alles nicht so einfach ist. Unsere Mütter können nicht aus ihrer Haut und wir auch nicht. Aber wir können darüber sprechen und anerkennen, dass es uns allen gleich geht. Darüber sprechen, wie schwer es ist und verdammt nochmal aufhören uns dafür zu schämen. Denn am Ende gibt es keine Gewinner. Nur Verlierer.

 

Aktuell