Wie Dauerstress deiner Gesundheit schadet

Schneller, höher, weiter - das größte Opfer der Leistungsgesellschaft ist unsere Gesundheit. Ein Gespräch über das Zeitgeistphänomen Burn-out, modernen Leidensdruck und Wege zur Selbstfürsorge.

Was nicht passt, wird passend gemacht. Das trifft auf vieles zu, sehr oft gilt dieses Motto aber für uns selbst. Laut Österreichischem Arbeitsklima-Index der Arbeiterkammer Oberösterreich fühlt sich jede/r Dritte Burn-out-gefährdet. Sind wir alle schwach im Nehmen oder steigt der Druck tatsächlich?

Die Medizinerin, Biologin und Autorin Sabine Gapp-Bauß beschäftigt sich mit Stress, Burn-out, Depression und damit, wie man Wege aus der Krise finden kann. Wir baten sie zum Talk.

Jede/r Dritte fühlt sich Burn-out-gefährdet. Kann das stimmen?

Gapp-Bauß: Das eine ist ein Gefühl und das andere sind Tatsachen. Ich glaube nicht, dass Depression und Burn-out extrem zugenommen haben. Heutzutage gibt es aber sicher ein größeres Bewusstsein über das eigene Befinden. Zu Kriegszeiten wurde darüber nicht reflektiert, da ging es ums Überleben, und in der Nachkriegszeit darum, sich neu zu organisieren. Heute sind wir in der Luxussituation, darüber nachdenken zu können, wie es uns geht.

Ist Burn-out also ein Luxusproblem?

Zum Teil. Unserer Gesellschaft geht es ganz stark um das persönliche Empfinden; darum, was jeder Einzelne sich wünscht. Vorstellungen und Realität klaffen teils stark auseinander, und Burnout wird dann schnell als inflationärer, moderner Ausdruck für alles hergenommen. Ursprünglich ist es ja kein krankheitsdiagnostischer Begriff, sondern ein entliehener, aus den 1920ern in Amerika. Da gab es eine Zeit, als die Feuerwehrleute aus Überlastung in ein körperliches Erschöpfungssyndrom reingekommen sind, das wurde dann als Burn-out bezeichnet. Heute sagen viele: "Ich bin so erschöpft, ich hab ein Burn-out!" Wir haben sicher nicht weniger, aber eine andere Art von Stress. Im Beruf wird immer mehr gefordert.

Viele fühlen sich als austauschbares Rädchen im Getriebe einer "Hire and Fire"-Gesellschaft. Aber auch im Privatleben machen wir uns Dauerstress. Wer beherrscht denn noch das Nichtstun? Überlegen Sie einmal, wie viel Zeit es kostet, in der Freizeit andauernd unsere Handys zu bedienen. Schon Kinder und Jugendliche sind immer vernetzt und haben damit enormen Stress. Das ist eine ständige Teilaufmerksamkeit. Im Job nennt sich das Multitasking. Immer mehr Zusatzaufgaben, immer mehr sinnlose Beschäftigung und Bürokratisierung. Diese Sinnentleerung unserer Tätigkeiten und die Absicherungspolitik machen uns auf Dauer krank.

Was meinen Sie mit Absicherungspolitik?

Na ja, man kann heutzutage zum Beispiel nicht mehr mit Handschlag etwas verkaufen. Wir sind durch das Internet global vernetzt. Diese Vergleichsmöglichkeiten durch die Globalisierung haben immense Auswirkungen auf unser Befinden. Früher hatte man vor Ort die Leute, die man kannte, mit denen musste man umgehen. Jetzt sind wir weltweit vernetzt. In China gibt's das gleiche Produkt vielleicht billiger, das erfordert ein globales Absichern. Da geht es nicht mehr um Beziehungen zwischen zwei Menschen, die sich kennen, weil sie schon immer Geschäftsbeziehungen miteinander hatten. Das erfordert Absicherung auf allen Seiten und macht alles komplizierter, aber auch vieles einfacher.

Immer mehr Zusatzaufgaben, immer mehr sinnlose Beschäftigung und Bürokratisierung. Diese Sinnentleerung unserer Tätigkeiten und die Absicherungspolitik machen uns auf Dauer krank.
von Sabine Gapp-Bauß

War früher also alles besser?

Nein, es gibt unglaubliche Möglichkeiten, aber das verführt natürlich auch. Je mehr Möglichkeiten es gibt, desto mehr will man auch erreichen. Das erfordert eine neue Aufmerksamkeit. Das muss man erst lernen. Die Digitalisierung hat uns so überrollt, da kommt das vegetative Nervensystem noch nicht mit.

Ist der Leidensdruck heute größer?

Ja, weil die Menschen heute wissen, wie man sich gut fühlen kann. Das wird ständig überall suggeriert. In der Werbung, der Wirtschaft. Wenn man diese hohen Ansprüche als Latte nimmt, dann landet jeder im Burn-out, weil er das, was er möchte, nicht immer erreichen kann. Obwohl Stress ja völlig subjektiv und notwendig für unsere Spannkraft und Ausschüttung von Adrenalin ist. Er kann auch positiver Kick und Begeisterungsphänomen sein.

Viele fühlen sich als austauschbares Rädchen im Getriebe einer "Hire and Fire"-Gesellschaft.
von Sabine Gapp-Bauß

Wie merkt man, dass Stress negativ wird?

Negativer Stress wird es dann, wenn die Ressourcen geringer sind als die Fähigkeiten, etwas zu tun. Wenn es über einen langen Zeitraum ein Missverhältnis zwischen Regeneration und Anforderung gibt.

Ist Burn-out also ein Symptom der Leistungsgesellschaft?

Durchaus. Burn-out ist eine Bezeichnung für körperliche Erschöpfung, aber immer auch ein seelisches Überforderungssyndrom. Es gibt zwei Komponenten: Das eine ist ein äußerer Trigger oder etwas, was eine Dekompensation zum Ausbruch bringt. Das kann eine Arbeitsüberforderung oder eine private Überforderung, etwa durch die Pflege eines Angehörigen, sein, die über lange Zeit ein zu starkes Engagement nach außen erfordert und wenig Zeit lässt, regenerieren zu können. Die Erschöpftheit hat jedoch auch eine persönliche Komponente. Da viele Menschen es nicht gut ausdrücken können, wenn ihnen alles zu viel wird und sie Unterstützung bräuchten, werden sie durch das Leiden dazu gezwungen.

In Ihrem Buch konzentrieren Sie sich sehr stark auf Selbsthilfestrategien. Wie viel haben PatientInnen selbst in der Hand?

Ohne eigene Veränderung oder eigenes Engagement für sich selbst geht gar nichts. Ein Therapeut kann Einsichten vermitteln, die man dann aber selbst umsetzen muss. Viele Menschen blenden das aus und machen immer andere für ihr schlechtes Befinden verantwortlich. Burn-out und Depression sind ja Extremzustände seelischen und körperlichen Befindens, da ist es absolut notwendig, dass man eine gute körperliche und seelische Selbstfürsorge betreibt. Es geht im Wesentlichen darum, aus eigenem Antrieb ein körperliches und seelisches Wohlgefühl herstellen zu können. Man kann eine Depression nicht überwinden, wenn man sich permanent auch körperlich in einem schlechten Zustand befindet.

Welche Rolle spielen Angehörige?

Familie und Partnerschaft sind unglaublich wichtig. Sie bilden einen großen emotionalen Rückhalt. Angehörige müssen aber lernen, die Verantwortung demjenigen, der krank oder depressiv ist, zu lassen. Viele fallen in eine Art Co-Abhängigkeit und tragen Verantwortung, die ihnen gar nicht zufällt. Man muss gemeinsam Lösungen und Unterstützungssysteme finden. Einen Alkoholiker wird man auch nicht heilen, indem man die Flaschen für ihn wegräumt.

BUCHTIPP

Depression und Burnout überwinden -Ihr roter Faden aus der Krise: Die wirksamsten Selbsthilfestrategien von Sabine Gapp- Bauß um € 19,50, VAK-Verlag.

IM TALK am 22.1.

Sabine Gapp-Bauß ist am 22.1.2018 im Rahmen des Leuchtpunkte-Talks Stress, Burn-out und Depression: Wie aktivieren wir unsere Selbstheilungskräfte? um 18:30 Uhr im Wiener Filmcasino. Tickets gibt's unter ntry.at/STRESS und im Filmcasino unter der Nummer 01 /587 90 62. Infos und Rückfragen: leuchtpunkte.at/ leuchtpunkte-talks.

 

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