Wie armutsgefährdete Kinder in Österreich zurückgelassen werden

Österreich gibt pro Jahr über zehn Milliarden Euro für Familien und Kinder aus. Trotzdem ist fast jedes fünfte Kind armutsgefährdet. Wie geht es besser?

Mädchen schwarz weiß

Da sitzen sie nun, mit den Ellenbogen auf der Tischplatte, und schauen in die Luft: Joshua, ein hagerer Bursche, witzig und schlau, der später einmal Mechaniker werden will, um das kaputte Auto seines Bruders zu reparieren, und seine Zwillingsschwester Angelina, die indische Bollywoodfilme liebt und sagt: "Wenn ich groß bin, will ich im Fernsehen sein, so wie Shah Rukh Khan."

Was sie denn gerne machen würden nach der Schule, in ihrer Freizeit? Die beiden zucken mit den Schultern. Dann fällt ihnen doch etwas ein: ins Kino gehen, boxen oder ein Radausflug entlang der Donau. "Aber dafür hatte Mama nie Geld."

Zwei Kinder aus Wien, beide zwölf Jahre alt, waren noch nie mit dem Rad an der Donau, obwohl sie so nah ist. Nicht einmal eine halbe Stunde fährt man von der Wohnung, bis man das Flussufer erreicht. Aber das mit den Fahrrädern ist so eine Sache, und Distanz ist eben keine objektive Größe - so, wie der Preis einer Kinokarte oder für einen Boxkurs nicht für alle gleich hoch ist.

Niemand soll's wissen

Joshua und Angelina heißen in Wirklichkeit anders. Für die Journalistin haben sie sich diese Namen ausgedacht, denn "Angelina und Joshua, das klingt so schön". Vor allem aber darum, weil sie mit diesen Namen niemand in der Zeitung findet. Nicht ihre Mitschüler*innen, Freund*innen oder Lehrer*innen. Auch ihre Geschwister Francesca und Günther, 13 und sieben Jahre alt, sollen deshalb hier anders heißen. Die vier wohnen mit ihrer Mutter in einer Zweizimmerwohnung im 15. Bezirk. Wenn sie morgens um sechs Uhr das Haus verlässt, um als Reinigungskraft in einer Schule zu arbeiten, schlafen die Kinder noch. Deshalb wecken Angelina und Francesca ihren kleinen Bruder, ziehen ihn an und bringen ihn zur Schule. Am Nachmittag kochen sie gemeinsam, meistens gibt es Nudeln. Aber dass sie oft dasselbe essen, sagen Joshua und Angelina, das soll niemand wissen.

Armut als Hürdenlauf

Wenn von Kinderarmut die Rede ist, ruft das Bilder von Straßenkindern und Elendsvierteln hervor. Arm sein, das bedeutet in Österreich nicht den Hungertod. Und arm sein in Österreich ist anders als arm sein in Rumänien. Man kann sich Kinderarmut aber vorstellen wie einen gezinkten Hürdenlauf: Die Läufer*innen stehen hinter der Markierung und lauern auf den Startschuss. Ertönt er, werden einige aber zurückgehalten, bis die Ersten die Streckenhälfte passiert haben. In Österreich werden 324.000 Kinder so abgehängt. Wie kann das sein?

Auf einem großen Tisch hat Judith Ranftler bunt bemalte Zettel ausgelegt. "Sonnenuntergang am Meer", "Chinarestaurant" und "Friseur" steht darauf. Es sind Wünsche, die armutsbetroffene Kinder und ihre Eltern auf Poster gemalt haben. "Da kamen Sachen, die für die meisten selbstverständlich wären. Wir mussten viele dazu ermutigen, auch Dinge draufzuschreiben, die ihnen im ersten Moment wie Luxus vorkamen", sagt Ranftler. Die Sozialarbeiterin betreut das Projekt Kindergrundsicherung der Volkshilfe. Damit unterstützt die Organisation armutsbetroffene Familien.

Auch Angelina, Joshua und ihre Geschwister sind im Projekt. Die Idee dahinter ist simpel: Kindern soll die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden - unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern. "Viele denken bei Armut an materielle Not. Armut schränkt Kinder aber in allen Lebensbereichen ein", sagt Ranftler.

Nie unbeschwert

Kinderarmut heißt laut Statistik erst mal nur, dass die Familie von weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens leben muss. In Österreich bedeutet das: Einem Erwachsenen mit Kind stehen im Monat weniger als 1.636 Euro zur Verfügung. Arm sein, das bedeutet aber auch: zu enge und feuchte Wohnungen, kein Geld für Wünsche, nie ins Schwimmbad, nie unbeschwert sein. Joshua und Angelina wissen, wann ihre Mutter die Miete überweisen muss, wann der Strom fällig ist. Sie wissen, dass jede Verständigung zum Schulausflug, die sie mit nach Hause bringen, ihre Mutter vor eine Entscheidung stellt: Zahle ich die Miete oder den Eintritt für den Zoo und das Museum?

Die Wissenschaft beschäftigt sich schon lange mit den Auswirkungen von Armut: Arme Kinder sind öfters krank. Sie sind bei ihrer Einschulung schlechter entwickelt als Gleichaltrige. Weil sie niemanden zu sich einladen oder einen Sportkurs besuchen können, entwickeln sie eine geringere soziale Kompetenz und ein erhöhtes Risiko, zu vereinsamen.

Ein so großer Startnachteil in einem so reichen Land, das darf nicht sein, beklagen NGOs und Journalist*innen in regelmäßigen Abständen. Das darf nicht sein, bekräftigen dann auch die Politiker*innen. "Kinder sollen keine von Armut vorgezeichnete Zukunft haben", sagte etwa die ehemalige Familienministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP).

Wo es fehlt

Die Armutsrate von Kindern in Österreich liegt unter dem EU-Schnitt. Sie hat sich in den vergangenen zehn Jahren aber nicht verkleinert. "Wir sehen in der Armutsbetroffenheit von Kindern wenig Veränderungen", sagt die Ökonomin Karin Heitzmann von der Wirtschaftsuniversität Wien. Der Prozentsatz der armutsgefährdeten Kinder stagniert seit 2008 bei 18 Prozent und ist zuletzt auf 19 Prozent leicht angestiegen. Gleichzeitig sind im selben Zeitraum die Ausgaben für Kinder und Familien gewachsen: 10,75 Milliarden Euro machten die familienpolitischen Leistungen 2018 aus, das sind um 2,3 Milliarden Euro mehr als vor zehn Jahren.

Der Staat gibt mehr denn je für Familien aus, und trotzdem gibt es nicht weniger arme Kinder. Wer verstehen will, wie das sein kann, muss sich damit auseinandersetzen, wofür dieses Geld verwendet wird - und damit, wie Armut funktioniert.

Armut ist kein zufälliger Schicksalsschlag, sie folgt einem vorgefertigten Muster: "Arbeitslose, Alleinerzieherinnen, Familien mit Migrationshintergrund und Familien mit mehr als drei Kindern haben ein überproportionales Armutsrisiko", sagt Heitzmann. Fast jedes zweite Kind ohne österreichische Staatsbürgerschaft ist armutsgefährdet, unter Kindern von Alleinerzieher*innen sind es 40 Prozent, in Haushalten, die Sozialleistungen beziehen, sogar 72 Prozent. Wer arme Eltern hat, wächst in Armut auf. Eine Kausalität, der Österreichs Familienpolitik kaum etwas entgegenstellt.

Wem nutzen die Förderungen?

Der Staat fördert Familien und Kinder in Österreich großteils mit Geldleistungen. Nur knapp 21 Prozent der Gesamtausgaben werden in den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen investiert. Das schlägt sich in der Betreuungssituation von Kleinkindern nieder: Nur etwas mehr als ein Viertel aller unter Dreijährigen besucht eine Krippe oder Kindergruppen. "Der beste Schutz vor Kinderarmut ist, den Eltern Erwerbstätigkeit zu garantieren", sagt Heitzmann.

Dazu kommt: Der Staat nimmt bei seinen Unterstützungen nur wenig Rücksicht darauf, wer sie am nötigsten braucht. Der Großteil aller Geldleistungen wird für die Familienbeihilfe ausgegeben - eine universelle Leistung, die sich weder am Einkommen der Eltern orientiert noch den Bedarf eines Kindes abdeckt.

Mit Jänner wurde zudem eine Steuererleichterung für Familien mit Kindern eingeführt: Familienbonus Plus nannte das die schwarz-blaue Regierung. In seiner Analyse berechnete das Europäische Zentrum auch, wer davon am meisten profitiert: "Der Bonus kommt vor allem Familien in der Mittelschicht zugute, während er für Familien in den untersten Einkommensschichten nur sehr geringe bis gar keine Auswirkungen hat", sagt Michael Fuchs, der die Analyse durchgeführt hat. Voll ausschöpfen kann den Bonus von 1.500 Euro nämlich nur, wer ausreichend verdient. Bezieher*innen von Arbeitslosengeld oder Mindestsicherung gehen leer aus.

Teufelskreis

Wer in Armut aufwächst, aus dem wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein armer Erwachsener. In Österreich hängen die Bildungschancen der Kinder überdurchschnittlich stark vom Bildungsgrad ihrer Eltern ab. "Unser Bildungssystem wie auch unser Sozialstaat sind auf Statuserhalt ausgerichtet", sagt Heitzmann. Das bedeutet, wer einen gewissen Lebensstandard besitzt, soll diesen für sich und seine Familie auch in Zukunft beibehalten können. Wer nicht, wird ihn selbst nur schwer erarbeiten können. Kinder wie Joshua und Angelina sind Kollateralschäden dieser Logik.

Will der Staat Chancengleichheit, dann müsste vermehrt dort fördern, wo es am meisten fehlt. Ansätze dafür gibt es viele. Das Kindergrundsicherungsmodell der Volkshilfe wäre einer davon. Es sieht einen Grundbetrag von 200 Euro pro Monat für jedes Kind vor. Darüber hinaus bekommen Kinder, die in armutsbetroffenen Haushalten aufwachsen, je nach Haushaltseinkommen einen zusätzlichen Betrag von bis zu 425 Euro im Monat. Rund zwei Milliarden Euro würde dieses Modell im Jahr kosten. Das sind um 500 Millionen mehr als der Familienbonus - die armutsverringernde Wirkung einer Kindergrundsicherung wäre aber mehr als sechsmal so hoch.

Joshua und Angelina sind nun seit drei Monaten im Projekt der Volkshilfe. Im Sommer haben sie das erste Mal einen Radausflug unternommen. Die Distanz zur Donau, sie ist für die beiden inzwischen geschrumpft.

 

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