Wie 24-Stunden-Betreuerinnen für ihre Rechte kämpfen

60.000 Frauen pendeln regelmäßig Tausende Kilometer, um in Österreich Alte und Kranke zu pflegen. Nun wehren sie sich gegen ihre prekären Arbeitsbedingungen.

Elena Popa

Eigentlich könnte Elena Popa ein zufriedenes Leben führen. Ihr Ehemann Marinel ist ein guter Mann. Er trinkt nicht, er raucht nicht. Er putzt, er wäscht und er kocht. Während Elena in Österreich Senior*innen pflegt, kümmert er sich um das Haus und den Garten im rumänischen Biled.

Seit 34 Jahren sind Elena und er ein gutes Team. Wenn sie sagt: Ich will das! Dann sagt er: Gut, dann mach es! Ihre drei Kinder sind gesund und haben im Ausland gute Jobs gefunden.

Doch Elena Popa ist wütend. Sie setzt sich eine schmale Lesebrille auf die Nase und streicht über ihr Smartphone: „Die Frauen schicken mir immer noch Unterlagen. Und es ist einfach nur traurig." Elena Popa ist 24-Stunden-Betreuerin. Morgen geht ihr Turnus bei einer 85-jährigen Frau in der Nähe von Graz zu Ende. Nach 28 Tagen fährt sie wieder nach Rumänien. Entspannen wird sie zu Hause aber nicht. Denn Elena Popa, 55 Jahre, hat eine Schlacht zu gewinnen.

Vor fünf Jahren hat Elena eine Facebook-Gruppe für rumänische Betreuer*innen gegründet. Frauen berichteten hier, wie es ihnen in Österreich geht, sie vermittelten einander Fahrgelegenheiten und Jobs. Bald schon schickten sie Elena auch ihre Zertifikate, Honorare und Verträge mit Vermittlungsagenturen.

Viele davon hat Elena veröffentlicht – und damit enorme Missstände in der Branche dokumentiert: Stundenlöhne von 1,50 Euro, Agenturen, die hohe Provisionen von den Betreuer*innen einziehen und sie Verträge mit Strafzahlungen und unfairen Klauseln unterschreiben lassen.

Von den Betreuer*innen wird Elena dafür gefeiert, von Agenturen mit Klagen überhäuft. Ihre Facebook-Gruppe mit knapp 30.000 Mitgliedern wurde inzwischen geschlossen. Aber Elena ist nicht still. Sie schreibt Mails an die Wirtschaftskammer, den Bundeskanzler, den Gesundheitsminister. Sie spricht mit Journalist*innen und tritt im Fernsehen auf. Sie sagt: „Irgendwer muss ja etwas tun!“

Vorzeigemodell mit Schattenseiten

Lange galt die 24-Stunden-Betreuung als Erfolgsgeschichte: ein leistbares Modell, das es Menschen ermöglicht, zu Hause alt zu werden statt in einem Pflegeheim. Mit 158 Millionen Euro im Jahr fördert der Staat die Betreuung in den eigenen vier Wänden. Geleistet wird sie von knapp 60.000 Betreuer*innen, über 90 Prozent davon sind Frauen, die allermeisten kommen aus der Slowakei und aus Rumänien.

In der Coronakrise, als ein Staat nach dem anderen die Grenzen schloss, zeigte sich, wie sehr Österreich auf die Frauen angewiesen ist. Es fiel aber auch Licht auf die Schattenseite eines vermeintlichen Vorzeigemodells: Abhängigkeiten, Niedrigstlöhne und eine fast rechtlose Armee von stillen Arbeiter*innen.

Flavia Matei und Roxana R.

„In den Medien wurde immer von der Großzügigkeit der Frauen berichtet, die während der Krise in Österreich geblieben sind“, sagt Flavia Matei. „Aber sie hatten keine Wahl."

Flavia ist rumänische Aktivistin und lebt seit elf Jahren in Wien. Mit der Betreuerin Roxana R. sitzt sie in einem Café im dritten Bezirk. Hier zwischen dem Eingang zu einer U-Bahn-Station und einem Einkaufszentrum befindet sich die Zentrale von DREPT pentru îngrijire („Gerechtigkeit für Pflegearbeit“).

Unter diesem Namen teilen Betreuer*innen Informationen zur Gesetzeslage und Einreisebestimmungen auf einer Facebook-Seite, sie übersetzen Formulare ins Rumänische, schicken einander Herzen und Daumen. Flavia und Roxana sind zwei Organisatorinnen im Kernteam von DREPT und haben sich in Elenas Facebook-Gruppe kennengelernt.

„Was Elena gestartet hat, ist eine riesengroße Bewegung“, sagt Roxana. Mit DREPT wollen die Frauen diese in der Freizeit organisierte Selbsthilfe professionalisieren. Im August haben sie die Initiative als Verein eintragen lassen.

„Ich konnte diese Ungerechtigkeiten nicht mehr mit ansehen"

Auch ihre slowakischen Kolleg*innen organisieren sich. In der Iniciativa 24 haben sich slowakische Betreuer*innen zusammengeschlossen, gegründet hat den Verein Simona Ďurišová. Sie ist die Tochter einer slowakischen Pflegerin und hat an der Universität eine Masterarbeit über die Scheinselbstständigkeit in der 24-Stunden-Betreuung verfasst.

Während dem Lockdown sitzt Simona vor dem Computer und ärgert sich: Auf Facebook posten Frauen über Transportunternehmen, die für die Heimfahrt nun doppelt so hohe Preise von ihnen verlangen. Viele sitzen in der Slowakei ohne Einkommen fest, die auf Deutsch verfassten Formulare zum Härtefallfonds können sie aufgrund der Sprachbarriere nicht ausfüllen; andere haben kein österreichisches Bankkonto, das eine Voraussetzung für die Zahlung ist.

Simona Ďurišová

„Ich konnte diese Ungerechtigkeiten nicht mehr mit ansehen“, sagt Simona. Gemeinsam mit DREPT soll ihr Verein einen Interessensverband für die Betreuer*innen bilden.

Simona, Elena, Flavia und Roxana sind die Interessensvertretung von knapp 60.000 Frauen, für die sich bisher kaum eine Partei oder Institution interessierte. Und deshalb hören ihre Handys nie auf zu läuten.

Fast im Minutentakt ploppen Nachrichten auf Elenas Smartphone auf: Eine Frau will wissen, wie sie ihr Gewerbe anmeldet. Eine andere fragt, was eine Honorarnote ist. Auch Roxana wird am Ende des Tages 22 Benachrichtigungen im Facebook-Messenger haben. Oft brauchen die Frauen Hilfe bei der Anmeldung ihres Gewerbes, bei der Steuererklärung oder mit ihren Versicherungsbeiträgen.

Die Dokumente und Erfahrungsberichte, die in den Postfächern von DREPT und der Iniciativa 24 landen, zeigen aber auch, wie jene Frauen, die sich täglich um Alte und Kranke kümmern, auf einem unregulierten Arbeitsmarkt den Kürzeren ziehen.

Niedrige Löhne, hohe Provisionen, schwindlige Verträge

Die 24-Stunden-Betreuung ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Betreuer*innen arbeiten als Selbstständige, die allermeisten von ihnen werden aber von Agenturen vermittelt. Für die Eröffnung einer solchen Vermittlungsagentur braucht es keinerlei Qualifikation, es ist ein freies Gewerbe. 2018 gab es in Österreich 800 Firmen, die Betreuer*innen vermitteln, heute sind es 926 Agenturen. Häufig werben sie mit Diskonttarifen.

Für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung, sagt Flavia, bekommen die Frauen im Schnitt 60 Euro am Tag – auch wenn Familien mehr bezahlen. Denn vom Honorar kommt nur ein Teil bei den Betreuer*innen an. Die Agenturen ziehen für ihre Vermittlungstätigkeit Provisionen von den Betreuer*innen ein. Wie hoch diese sind und wann sie eingehoben werden, variiert stark. Manche Frauen zahlen fünf bis zehn Euro pro Tag, andere monatliche Beträge zwischen 100 und 200 Euro. Für die Provisionen gibt es keine gesetzliche Regelung – und davon profitieren die Agenturen.

Erst gestern, sagt Elena Popa, habe ihr eine Betreuerin einen Vertrag geschickt: Die Familie zahlt 71 Euro pro Tag, die Betreuerin erhält 47. Die Differenz geht an die Agentur. Direkt mit der Familie zu verhandeln war der Betreuerin vertraglich nicht erlaubt. „Die Frauen sind nur am Papier selbstständig, in Wirklichkeit sind sie der Agentur ausgeliefert“, sagt Elena.

Viele Agenturen lassen sich von den Betreuer*innen Inkassovollmachten ausstellen. Damit können sie das Honorar direkt von der Familie einziehen und reichen es erst nach Abzug der Versicherungsbeiträge an die Betreuer*innen weiter. Bei DREPT melden sich immer wieder Frauen, deren Agenturen die Versicherungsbeiträge nicht korrekt abgeführt haben. Die Betreuer*innen erfahren davon erst beim Arzt bzw. der Ärztin, wenn ihre E-Card nicht funktioniert, oder wenn sie Nachzahlungsschreiben erhalten.

„Zweimal im Monat haben wir mit richtigen Krisensituationen zu tun“

Die meisten Frauen, erzählt Roxana, können sich die Verträge nicht in Ruhe durchlesen. Nur wenige Firmen senden sie im Vorhinein zu. Ihre Verträge sehen die Betreuer*innen erst in Österreich, nachdem sie Hunderte Kilometer, meist über Nacht, zurückgelegt haben. „Die Verträge nicht zu unterschreiben ist für die Frauen dann keine Option“, sagt Roxana.

In vielen finden sich auch Strafzahlungen für Betreuer*innen – etwa dafür, wenn sie ohne die Agentur bei der Familie bleiben oder öffentlich über ihre Verträge sprechen. Ausnahmen sind nicht definiert. Sind die Verträge erst einmal unterschrieben, können Betreuer*innen an den Konditionen nur schwer etwas ändern. Oft sind die Agenturen für die Frauen dann nicht mehr erreichbar.

„Zweimal im Monat haben wir mit richtigen Krisensituationen zu tun“, sagt Flavia Matei. In diesen Fällen gehe es um Gewalt oder sexuellen Missbrauch. Während der Grenzschließungen etwa wandte sich eine Betreuerin an Flavia. Sie wurde von der Ehefrau ihres Klienten geschlagen. Die Agentur hatte auf ihre Anrufe nicht reagiert. Erst auf Druck von DREPT konnte die Frau die Familie schließlich verlassen.

Bereits 2018 stellte der Verein für Konsumenteninformation (VKI) der Branche ein schlechtes Zeugnis aus: Der Markt sei unübersichtlich und die Verträge oft schlecht. In den vergangenen zehn Jahren hat der VKI rund 1.000 unfaire Klauseln gekippt.

Meistens aber, so Simona Ďurišová bleiben die ausbeuterischen Praktiken der Agenturen ungestraft. „Die Frauen haben Angst, keine Arbeit mehr zu finden. Ihnen fehlen das Geld und die Kraft, dagegen vorzugehen. Elena Popa ist eine der wenigen Betreuer*innen, die Missstände anprangern. Deshalb gilt ihr Name in der Branche als Drohung.

„Hör auf zu reden, oder wir machen dich kaputt“

Seit Elena fragwürdige Ausbildungszertifikate einer rumänischen Agentur öffentlich gemacht und eine andere wegen Sozialbetrugs bei der Finanzpolizei gemeldet hat, bekommt sie immer wieder anonyme Anrufe. „Hör auf zu reden, oder wir machen dich kaputt“, sagt dann eine Computerstimme am anderen Ende der Leitung.

Als Elena noch in Niederösterreich arbeitete, schickte jemand Pizza zum Haus ihrer Klientin. Ein anderes Mal hielt mitten in der Nacht ein Taxi, um sie mitzunehmen. Elena hatte es nicht bestellt. Als ihr Gewerbe mit einer gefälschten Unterschrift in ihrem Namen gelöscht wird, bekommt Elena Angst. Heute hat sie ihren Festnetzanschluss abgemeldet – inzwischen wurde sie in Rumänien von mehreren Agenturen verklagt.

Betreuerinnen schicken Elena Popa ihre Verträge mit den Agenturen. Viele davon dokumentieren Missstände in der Branche.

In Österreich werden die Betreuer*innen eigentlich von der Wirtschaftskammer (WKO) vertreten. Vor zwei Jahren hat sie eine Qualitätsoffensive in der 24-Stunden-Betreuung gestartet und ein Gütesiegel für Agenturen eingeführt, die sich an höhere Standards halten als gesetzlich vorgeschrieben. Die legale, aber vielfach kritisierte Inkassovollmacht wurde beibehalten – sie steht nun sogar im Mustervertrag der WKO.

„Die Arbeitsbedingungen wurden durch das Zertifikat nur am Rande berührt“, sagt Simona Ďurišová. Mit einigen der zertifizierten Agenturen hätten die Betreuer*innen, die sich an DREPT und die Iniciativa 24 wenden, nach wie vor Probleme.

Interessenskonflikt

Die Betreuer*innen stellen die mit Abstand größte Mitgliedergruppe innerhalb der WKO. Ihre Fachgruppe teilen sie sich mit mehreren Berufsgruppen, darunter Lebens- und Ernährungsberater*innen – und die Vermittlungsagenturen. In den wichtigen Positionen sitzen vor allem die Geschäftsführer der Agenturen. „Es wird davon ausgegangen, dass sie unsere Interessen vertreten“, sagt Roxana. „Aber das stimmt nicht. Wir müssen endlich mitreden können.“

Im Sommer hat das Gesundheitsministerium mit Vorbereitungen für eine Pflegereform begonnen. Eine Taskforce soll ab Oktober ihre Arbeit aufnehmen. Simona und Flavia wurden dazu eingeladen. Wenn sie dort mit Beamt*innen, Politiker*innen und Funktionär*innen an einem Tisch sitzen, werden sie es mit einem Gegner zu tun bekommen, der noch viel mächtiger ist als die Agenturen.

Er ist unsichtbar, man kann gegen ihn nicht vor Gericht ziehen. Dieser Gegner ist das System. Es besagt, dass die Frauen aus dem Osten billig und still sein müssen, ansonsten sei das Altern in Würde für die ÖsterreicherInnen nicht leistbar.

Betreuer*innen wie Elena und Roxana sind rund um die Uhr für ihre Klient*innen da. Während ihres Turnus richten sie ihr gesamtes Leben auf die Menschen, die sie pflegen, aus: Sie wohnen mit ihnen, übernehmen ihren Tagesablauf, haben kaum Freizeit. „Dieser Beruf lässt sich eigentlich nicht als Selbstständige ausführen“, sagt Simona.

Nonstop-Dienst, kein Krankenstand, kein Urlaubsgeld

Mit der 24-Stunden-Betreuung wurde ein Nonstop-Dienst auf den freien Markt ausgelagert – ohne arbeitsrechtliche Absicherungen und Aufstiegschancen. „Die Agenturen sind am Ende nicht die Schuldigen, sondern nur Symptom eines kaputten Systems“, sagt Flavia. Auch jene Firmen, die ihre Betreuer*innen gut behandeln und seriös arbeiten, zahlen am Ende einen Bruttostundenlohn von 3,50 Euro – kein Krankenstand, kein Urlaubsgeld.

Weil die Betreuer*innen 24 Stunden am Tag abrufbar sein müssen, können sie nicht mehrere Klient*innen betreuen. Ihr Einkommen steigt so auch nach unzähligen Jahren an Berufserfahrung nicht an. Für DREPT und die Iniciativa 24 können die prekären Arbeitsbedingungen der Betreuer*innen nur durch eine Form von Anstellung beseitigt werden.

Im Auftrag der Wirtschaftskammer hat das Wifo bereits einmal vorgerechnet, was ein solches Modell kosten würde: Berücksichtigt man alle arbeitsrechtlichen Vorgaben, wie Höchstarbeitszeiten und Ruhezeiten, einen Mindestlohn, Krankenstand und Urlaubsgeld, wäre die 24-Stunden-Betreuung viermal so teuer. Wirtschaft und Politik schlussfolgerten damals, dass das bestehende Modell die einzig leistbare Lösung sei.

Vor Kurzem haben auch mehrere Frauen in den Facebook-Gruppen eine Rechnung angestellt: Nachdem sie zehn Jahre als Betreuerinnen in Österreich gearbeitet, hier Steuern und Versicherungsbeiträge gezahlt haben, beträgt ihre monatliche Pension rund 100 Euro.

 

Aktuell