WHO rät gebärfähigen Frauen, auf Alkohol zu verzichten: Warum das ziemlich problematisch ist

Laut Aktionsplan sollen Frauen zwischen 15 und 49 keinen Alkohol trinken, um die Gesundheit künftiger Kinder nicht zu gefährden - denn Frauen sind ja nichts weiter als Gebärmaschinen ... oder wie dürfen wir das verstehen?

WHO rät gebärfähigen Frauen, auf Alkohol zu verzichten: Warum das ziemlich problematisch ist

Dass Alkohol äußerst schädlich sein kann, dürfte für die meisten keine Überraschung sein. Weltweit fordert das Rauschmittel jährlich rund drei Millionen Todesopfer, in Österreich sterben pro Jahr im Schnitt knapp 2.000 Menschen an übermäßigem Alkoholkonsum. Dennoch wird Alkohol als Droge, gerade auch hierzulande, nach wie vor nicht ausreichend ernstgenommen - kein anderes Rauschmittel ist gesellschaftlich so akzeptiert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) möchte mithilfe eines neuen Aktionsplans auf die Gefahren von Alkohol hinweisen und übermäßigen Konsum nachhaltig einschränken. An sich ein durchaus nachvollziehbares und löbliches Bestreben – der Aktionsplan, der speziell Frauen in die Pflicht nimmt, erntet nun allerdings ziemlich viel Kritik: Konkret heißt es im ersten Entwurf des Plans, Frauen im "gebärfähigen" Alter sollen keinen Alkohol trinken. Das ist nicht nur unverhältnismäßig, sondern auch ganz schön sexistisch. Expert*innen sprechen von einem "Schritt in die Vergangenheit".

Mögliche Schäden für Kinder

Ganz genau heißt es im WHO-Plan: "Angemessene Aufmerksamkeit sollte der Verhinderung des Beginns des Alkoholkonsums bei Kindern und Jugendlichen sowie der Verhinderung des Alkoholkonsums bei schwangeren Frauen und Frauen im gebärfähigen Alter gewidmet werden." Kurz gesagt: Alle Frauen weltweit zwischen 15 und 49 Jahren sollen besser keinen Alkohol trinken.

Die WHO begründet ihre Aussage damit, dass Alkoholkonsum verheerende Auswirkungen auf Säuglinge und Kinder hat, die im Mutterleib Alkohol ausgesetzt werden. Mögliche Folgen seien Wachstumsprobleme, auffällige Gesichtsmerkmale sowie Lern- und Verhaltensstörungen.

Newsflash: Nicht alle Frauen wollen Nachwuchs

Natürlich ist die Sensibilisierung für mögliche schädliche Auswirkungen von Alkoholkonsum auf Kinder ein ernstzunehmendes Thema. Die Forderungen bzw. Formulieren der WHO legen allerdings nahe, dass jede Frau sich fortpflanzen möchte und es ihr größtes Bestreben sein sollte, ein gesundes Umfeld für den potenziellen Nachwuchs zu schaffen. Dass dies fernab der Realität ist und sich immer mehr Frauen gegen eigene Kinder entscheiden, scheint bei der Weltgesundheitsorganisation noch nicht angekommen zu sein. Tatsächlich gaben bei einer Befragung unter Frauen in Österreich im Jahr 2019 25 Prozent an, keine Kinder zu wollen. 18,5 Prozent antworteten mit "Ich weiß es noch nicht" (die Studie findet ihr hier).

Die Aufregung über den veröffentlichen Aktionsplan ist (verständlicherweise) groß: "Man sollte meinen, dass die WHO inmitten einer globalen Gesundheitskrise über wichtigere Dinge nachzudenken hat", schreibt etwa The Independent-Redakteurin Hannah Fearn auf Twitter. "So geht Patriarchat", kommentiert eine weitere Userin.

Frauen kaum mehr als "Gefäße"

Die WHO würde Frauen durch ihre Forderung auf "wenig mehr als Gefäße" reduzieren, findet Clare Murphy, Vorsitzende des British Pregnancy Advisory Service (BPAS). "Es ist extrem verstörend, dass die Weltgesundheitsorganisation schwer erkämpfte Frauenrechte aufs Spiel setzt in dem Versuch, ihre Körper und ihre Entscheidungen zu kontrollieren", wird Murphy im Independent zitiert.

Und was ist mit den Männern?!

Abgesehen davon, dass nicht jede Frau Kinder möchte, wird die Rolle der "potentiellen Väter" im WHO-Plan völlig außer Acht gelassen. Denn ja, auch diese haben Einfluss und tragen Verantwortung, wenn es um die Gesundheit ihrer künftigen Kinder geht. Wie eine dänische Studie herausgefunden hat, kann die Zeugungsfähigkeit durchaus abnehmen, wenn Mann mehr als fünf Bier pro Woche konsumiert. Eine andere Untersuchung stellte fest, dass die Spermienqualität in den Tagen nach übermäßigem Alkoholkonsum sinken kann (siehe Berliner Morgenpost). Hier wieder einmal nur Frauen in die Verantwortung zu nehmen (wir kennen es ja bereits aus der Verhütung), kann es 2021 ja eigentlich nicht mehr sein, oder?

Ein genauerer Blick auf die Zahl der Alkohol-Toten macht außerdem deutlich, dass sich Sensibilisierungskampagnen tatsächlich eher an Männer richten sollten: Laut WHO trug Alkoholkonsum im Jahr 2016 weltweit zu 0,7 Millionen Todesfällen bei Frauen bei - im Vergleich zu 2,3 Millionen Männern, die im selben Jahr an Alkoholkonsum starben - also mehr als dreimal so viele.

Veraltetes Frauenbild

Einmal mehr zeigt sich, dass in unserer Gesellschaft nach wie vor der Grundkonsens herrscht, dass Frauen in erster Linie dazu da sind, sich fortzupflanzen (tun oder möchten sie das nicht, werden sie schnell als egoistisch abgestempelt). Erst kürzlich sorgte auch der Vorschlag für eine Steueranpassung in Deutschland für Aufregung, wonach Kinderlose höhere Abgaben leisten sollen, um eine Pflegereform zu finanzieren.

Es fühlt sich tatsächlich an, als würden wir gerade einige Schritte zurück anstatt nach vorne machen - und das, obwohl Feminist*innen und Frauenrechtsorganisationen täglich für die Gleichberechtigung und vor allem Selbstbestimmung von Frauen bzw. sozialen Minderheiten einstehen. Wenn Entscheidungsträger*innen und globale Organisationen allerdings weiter an verstaubten Vorstellungen und Rollenklischees festhalten, wird sich sobald wohl leider wenig ändern.

 

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