Wer zum Cyber-Stalking-Opfer wird und wie man sich wehren kann

Immer mehr Cyber-Stalking-Opfer gehen an die Öffentlichkeit. Was hinter dieser Form des digitalen Psychoterrors steckt und wie man sich als Opfer wehren kann. Und: warum immer mehr Frauen zu Täterinnen werden.

Szenario 1: Der Ex-Freund, mit dem das Opfer keinen Kontakt mehr wünscht, verfolgt sie in Internet-Foren und schreckt vor keiner Lüge zurück, um sie öffentlich zu diskreditieren. Er kennt ihre Adresse, ihre Telefonnummer, und weiß, was sie beruflich macht. Sie beantwortet keine Mails von ihm und spricht auch nicht mit ihm. Der einzige Austausch findet in Foren statt, wo er heftige Provokationen, persönliche Informationen, Verleumdungen und Lügen veröffentlicht.

Szenario 2: Ein Mann verlässt seine Ehefrau. Diese ist gekränkt und einsam – also beschließt sie, sich zu rächen. Sie fängt damit an, auf Facebook laufend Falschmeldungen über ihren Ex-Mann zu streuen. Doch die Sache bleibt nicht nur im Internet – sie bestellt in seinem Namen Produkte und lässt sie an seinen Chef liefern. Das stürzt das Opfer zusätzlich in Erklärungsnot und finanzielle Schwierigkeiten.

Das sind zwei klassische Geschichten von Cyber-Stalking-Opfern. Das Wort „Stalking“ bedeutet so viel wie „Belauern“. Die Täterinnen und Täter verfolgen und terrorisieren ihre Opfer, sodass sich diese nicht mehr sicher fühlen. In den meisten Fällen kennen sich TäterInnen und Opfer persönlich. Beim Cyber-Stalking wird die Anonymität im Internet von den TäterInnen genutzt, um dem Opfer psychisch oder in anderer Form zu schaden. Im Internet erreichen sie zudem mehr Menschen und Aufmerksamkeit, wodurch der Druck auf die Opfer erhöht wird.

Gesetzliche Lage

In Österreich gibt es seit dem 1. Juli 2006 ein Anti-Stalkinggesetz (§ 107a Strafgesetzbuch, Tatbestand der „beharrlichen Verfolgung“). Von Stalking wird dann gesprochen, wenn zumindest eine der folgenden Vorgehensweisen das Opfer unzumutbar beeinträchtigen: die räumliche Nähe des Opfers suchen, mithilfe von Telekommunikation oder durch sonstige Kommunikationsmittel oder durch Dritte den Kontakt zum Opfer herstellen, unter Verwendung der persönlichen Daten des Opfers Waren oder Dienstleistungen in dessen Namen bestellen, unter Verwendung der persönlichen Daten des Opfers Dritte dazu bewegen, mit dem Opfer Kontakt aufzunehmen. Auch andere Straftatbestände, wie etwa Nötigung, üble Nachrede, Beleidigung, Kreditschädigung, Verleumdung etc. können zur Anwendung kommen.

• Verbreitung von Lügen über das Opfer
• Warenbestellungen im Namen der Opfer bzw. an die Adresse der Opfer
• Veröffentlichung intimer Details
• Veröffentlichung und Verbreitung privater Fotos (z.B. Nacktfotos)
• Veröffentlichung und Verbreitung manipulierter Fotos des Opfers
• Belästigung des Opfers oder auch dessen Bekannten per Mail
• Diebstahl der Identität – etwa durch Anmeldung des Opfers in Internet-Kontaktbörsen unter dessen Namen und mit dessen Bildern oder Registrierung von Fake-Accounts
• Falsche Verdächtigung und Kriminalisierung, etwa durch Begehung von Straftaten im Internet unter dem Namen des Opfers (Teilnahme an Versteigerung, Spamming, Androhung von Amokläufen oder Attentaten etc.)

Immer mehr Frauen werden zu Täterinnen

Eine Studie der TU Wien zeigt, dass die Zahl der weiblichen Täterinnen seit dem Jahr 2000 von 27 Prozent auf 36 Prozent im Jahr 2010 gestiegen ist. Dennoch bleibt die Zahl der weiblichen Opfer laut dieser Studie mit 73 Prozent im Jahr 2010 sehr hoch.

Die europaweit erste repräsentative Studie der Donau-Universität-Krems und der Uni Wien unter der Leitung von Dr.Edith Huber zeigt jedoch, dass Opfer zu gleichen Teilen Männer und Frauen sind. Das ist der große Unterschied zum „klassischen“ Stalking. Die männlichen Täter überwiegen mit zwei Dritteln dennoch – vor allem bei der Verbreitung von Inhalten über Websites. „Grundsätzlich haben wir uns vier Cyberstalking-Arten angesehen. Das Stalking über E-Mail, Chat, soziale Medien und SMS“, sagt Studienautorin Edith Huber.

Am häufigsten wird in Österreich bei der Bevölkerung zwischen 18 und 66 Jahren mittels E-Mail und SMS cybergestalkt. Mehr als ein Viertel der ÖsterreicherInnen wurde schon einmal über E-Mail gestalkt. Das Verhältnis zwischen TäterIn und Opfer ist zumeist ein berufliches. Eine gescheiterte Beziehung ist bei SMS-Stalking die häufigste Ursache – 17 Prozent der ÖsterreicherInnen wurden schon über SMS gestalkt. Cyberstalking mittels Chats und die Verbreitung von Inhalten auf einer Website kommen im Vergleich dazu relativ selten vor. Rund drei Prozent wurden über soziale Medien wie Facebook gestalkt. Das Verhältnis zwischen TäterIn und Opfer ist dabei meist auf einem „Bekanntheitslevel“. Das Motiv ist zumeist die absichtliche üble Nachrede, Rufschädigung, den Menschen wirtschaftlich kaputt machen.

„Männer tendieren jedoch dazu, wenn sie Opfer werden, dies nicht zur Anzeige zu bringen, da dies mit einem großen Schamgefühl verbunden ist“, so Dr. Huber. Aktuell wird inhaltlich nicht zwischen dem klassischen Stalking und Cyberstalking unterschieden, was zu einer Benachteiligung der Cyberstalking-Opfer führt, erklärt die Expertin. „Der Gesetzgeber verlangt nämlich, dass vom Opfer über einen längeren Zeitraum eine obsessive Bedrohung oder Belästigung nachzuweisen ist, die die Lebensführung massiv beeinträchtigt. Dies ist beim klassischen Stalking, wenn z.B. jemand vor der Tür einem Auflauert leichter nachzuweisen, als wenn man durch SMS gestalkt wird. Es gilt gerichtlich zu klären, was als „zumutbar“ gesehen wird.“

  • Sich beraten lassen – zum Beispiel bei der Frauenhelpline gegen Gewalt
  • Belästigungen dokumentieren (SMS, Mails, Chatprotokolle…)
  • Zur Abschreckung den/die TäterIn darauf hinweisen, dass er/sie sich strafbar macht
  • Vorsicht bei der Weitergabe von persönlichen Daten
  • Kontakte auf sozialen Medien oder dem Handy blocken
  • Wenn man den/die TäterIn nicht eindeutig identifizieren kann und man das Cyberstalking daher auch nicht abdrehen kann, auf jeden Fall die Polizei aufsuchen. Mit den forensischen Möglichkeiten der Polizei kann man den/die TäterIn auffinden und folglich auf Unterlassung und Schmerzensgeld klagen.

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