Wer will eigentlich noch mitfühlen?

Die Fähigkeit, sich in die Sorgen anderer reinzudenken oder zu helfen, ist in Verruf geraten. Von den Wellen des Mitgefühls, als 2015 Zigtausende Geflüchtete zu uns ­kamen, redet heute niemand mehr. Aber wozu brauchen wir überhaupt Mitgefühl? Und kann man es echt verlernen?

Konstantin Wecker ist ja immer recht pointiert, wenn es um Gesellschaftskritik geht. Der deutsche Liedermacher sagte kürzlich, dass dem „Homo sapiens seine größte Errungenschaft, das Mitgefühl, die Empathie, wieder ausgeredet werden soll“. Damit kritisierte er in erster Linie die europäische Flüchtlingspolitik. Aber hat er damit recht? Sind die Menschen bei uns heute weniger mitfühlend als noch etwa 2015? Oder gibt es einfach unterschiedliche Arten, Mitgefühl zu zeigen und zu leben? Wir haben uns auf die Suche nach dem Mitgefühl gemacht. Dabei haben wir uns mit ExpertInnen und Frauen, die 2015 geholfen haben, getroffen, aber auch beobachtet, dass die sozialen Medien damals wie heute einen großen Einfluss auf unser Mitgefühl haben – und auch, dass ihre Dynamik für den polarisierten Gefühlsstatus unserer Gesellschaft mitverantwortlich ist. 

Lob und Selfie

Aber starten wir doch mit einer Rückblende in jene Tage und Wochen, in denen Österreich weltweit für sein Mitgefühl gelobt wurde. Manuela Ertl war eine Mitfühlende der ersten Stunde, Train of Hope eine Organisation, über die sie Tausenden Flüchtlingen bei ihrer Ankunft in Österreich geholfen hat, sie mit Essen, Decken, Medikamenten, einem Platz zum Schlafen und DolmetscherInnen versorgt hat. „Aber es war eigentlich kein Mitgefühl, denn ich konnte mir doch ­sowieso nicht vorstellen, wie es jemandem geht, der aus Budapest zu Fuß nach Wien gegangen ist, im Rücken einen Granatsplitter hat und seine halbe Familie hat sterben sehen. Es wäre echt vermessen, zu sagen, ich wusste, was der fühlte“, so Ertl pragmatisch. Es gab einen Bedarf, so ihre Analyse, und der Staat wollte oder konnte diesen nicht decken. „Da kamen mehrere Dinge zusammen: erst dieser Sommer, wo man ständig provisorische Zelte sah und Menschen, die bei 35 Grad in Traiskirchen auf der Wiese schlafen mussten; und dann die Katastrophe, bei der 72 Menschen in Parndorf starben. Jenes Parndorf, wo jede von uns schon mal shoppen war – ab da gab es keine emotio­nale Distanz mehr zwischen uns und dem, was da passierte. Es war aber eine Entscheidung, die vielmehr auf Vernunft basierte als auf Gefühl. Sonst hätten wir dort nicht so lange arbeiten können“, so Ertl. 

Mitgefühl Flüchtlinge

Doch nicht allen stand dieser professionelle Zugang offen. „Vor allem Menschen, die selbst eine Fluchtgeschichte haben, weil sie etwa aus Bosnien gekommen waren, und helfen wollten, bekamen große Schwierigkeiten beim Versuch, zu helfen, weil sie zu sehr in das Gefühl eintauchten. Auch viele Dolmetscher, die schreckliche Geschichten ungefiltert hörten, mussten bald selbst betreut werden, weil es emotional einfach zu belastend war“, erinnert sich Nina Andresen, ebenfalls bis heute bei Train of Hope

Die Mobilisierung der Zivilgesellschaft funktionierte in diesen Tagen vor allem über Social Media – da war es eigentlich nur logisch, dass auch die Erfolge dort gezeigt wurden. Katha Häckel-Schinkinger, die in dieser Zeit das Wiener Flüchtlingsrestaurant Habibi & Hawara gründete, beobachtete sogar eine Art Rausch des Mitgefühls. „Ich habe viele Helfer gesehen, die das tägliche Selfie mit einem Flüchtling posteten, hab auch selbst gepostet, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Erst nach vielen Tagen bemerkte ich, wie unangebracht das war. Ich wollte mich gar nicht so brüsten, aber über Social Media habe ich so viel Lob bekommen, dass es mir unangenehm wurde. Und reflektierte – danach hab ich damit aufgehört“, erinnert sie sich. 

Was in den sozialen Medien wie stattfand, beeinflusste also immer wieder das kollektive Mitgefühl. Über die sozialen Netzwerke liefen damals die Organisation der HelferInnen und das öffentliche Bild der Hilfsbewegung, und läuft heute die Polarisierung für oder gegen Mitgefühl. 

Keine Tränendrüse

Mit Habibi & Hawara, einem Restaurantkonzept, das Geflüchteten zu Arbeit und Ausbildung verhelfen und gleichzeitig Begegnung ermöglichen soll, ist Katha Häckel-Schinkinger bis heute jedenfalls sehr erfolgreich. „Wir wollten nie als Hilfsprojekt dastehen, haben daher nie auf die Tränendrüse gedrückt. Die Leute hier schätzen in erster Linie das Essen. Und ich will auch nicht romantisch sein: Wir sind keine Familie, wir sind ein Unternehmen. Aber natürlich ist es für viele ein Ersatznetzwerk, und das ist auch verständlich, wenn man bedenkt, dass deren Familien über ganz Europa verstreut sind oder es überhaupt nicht geschafft haben, lebend zu fliehen.“ Für die vierfache Mutter, die 2015 ihr eigenes Jobleben noch mal neu aufsetzte und Gastronomin wurde, ist das schönste Geschenk aus ­dieser Zeit, „dass ich Leute sehe, die schüchtern waren, die nicht Deutsch gesprochen haben und die jetzt ihren Lehrabschluss machen. Die jetzt wissen, was sie können, und damit eine Perspektive haben. Sie sind gewachsen und sie sind eigentlich mit uns gemeinsam gewachsen.“

Ich bin gegen Flüchtlinge – aber die fünf hier find ich ganz nett.

Nähe und Angst

Klingt doch alles recht geglückt, oder? Aus vielen Organisationen, aber auch aus vielen privaten Initiativen dringt es nach wie vor: das Gefühl von Optimismus, von Hilfsbereitschaft – die Kraft des Mitgefühls. Doch alle, die sich engagieren, haben gleichzeitig Sorge. Vor populistischer Hetze, vor Geschichten über Flüchtlinge, die nicht stimmen und sich blitzschnell verbreiten, vor einer Dynamik, die am Ende die Gesellschaft spaltet. Und gar kein Mitgefühl mehr zulässt. „Die Angst ist der größte Treiber, und die Angst, etwas zu verlieren, ist ein großer Motor. Aber es ist keine fakten­basierte Angst“, ist sich Häckel-Schinkinger sicher. Auch Manuela Ertl hat mit dieser diffusen Angst zu tun. Aber gleichzeitig könnte diese – gepaart mit Neugier – auch eine Chance sein. „Unser neuer Standort ist in der Donaustadt, vis-à-vis von einem großen Gemeindebau, in dem sicher viele gegen Flüchtlinge sind. Wir haben die Bewohner zu uns eingeladen, und jetzt haben die teilweise Gemeinschaftsgemüsebeete mit afghanischen Familien.“ Nach dem Motto: „Ich bin an sich schon gegen Flüchtlinge, aber die fünf bei euch find ich ganz nett.“ 

Ein Hebel in der Debatte scheinen also Emotion und persönliche Begegnung zu sein. Einmal sind es Gemüse­beete, im Habibi sind es die Gastfreundschaft und das gute Essen. Und noch eine Initiative formiert sich gerade, um wieder ein gemeinsames Mitgefühl-Signal zu setzen: A leiwandes Land (deine-stimme.at) heißt jener Song, der rund um Flüchtlingshelferin Brigitte Holzinger entstanden ist und bei dem KünstlerInnen wie Cornelius Obon­ya, Reinhard Nowak, Franzobel, Nadja Maleh und Die Toten Hosen ihre Stimme für mehr Mitgefühl erheben.

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