Wer Vergewaltiger dämonisiert, macht sich mitschuldig

Unser Bild von Vergewaltigern zeichnet sie fremd und als Monster. Nur wenn wir realisieren, dass sie in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen sind, können wir das Problem bewältigen.

Hatten Sie schon einmal Angst, vergewaltigt zu werden? Ich schon. Meistens in derselben Situation. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, musste ich, um nach dem Fortgehen nach Hause zu kommen, von der Nachtbus-Station einen circa 15-minütigen Weg hinter mich legen. Teile des Weges sind beidseitig mit Wald gesäumt, und der untertags so idyllische Teich kann dann ziemlich bedrohlich wirken. Und wie so viele Frauen versuche ich, in als gefährlich wahrgenommenen Situationen, permanent für einen potenziellen Angriff gewappnet zu sein. Man dreht sich einmal mehr um, um zu sehen wer da geht, wechselt vielleicht die Straßenseite, holt schon mal das Handy raus. Das haben uns Horrorfilme, Medienberichte, gut gemeinte Warnungen von Eltern, genauso wie Männer, die uns auf der Straße nachstellen, so beigebracht. Sie haben uns beigebracht, dass diese Welt und ihr öffentlicher Raum nicht die unsere ist.

Vergewaltiger: Fremd, weit weg und unbekannt

Das ist unser Bild von Vergewaltigern. Agressive Psychos, die sich hinter Büschen verstecken und junge Frauen überfallen. Statistisch gesehen ist es aber nicht besonders wahrscheinlich, in so einer Situation vergewaltigt zu werden. Statistisch gesehen ist es wesentlich wahrscheinlicher, von einem intimen Partner, Bekannten oder Verwandten vergewaltigt zu werden. Laut einer europaweit angelegten Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte kannten Frauen in 70 Prozent der Fälle von sexuellen und körperlichen Übergriffen den Täter. Darüber reden wir nur nicht so gerne, weil es einfacher ist, einen Diskurs über Täter zu führen, der sie dämonisiert, fremd und am besten mit Migrationshintergrund darstellt.

Es kann aber auch jemand sein, den man von der Arbeit kennt und zu dem man in einem Abhängigkeitsverhältnis steht. So hat es sich zum Beispiel im Fall der Sängerin Kesha zugetragen, sollten ihre Anschuldigungen gegen ihren Produzenten Dr. Luke stimmen. Der besteht nach wie vor auf seine Unschuld - und die Unschuldsvermutung gilt auch für ihn, bis seine Schuld vor Gericht bewiesen wird, nur wird das realtiv schwierig für Keshas Anwälte, vor allem Jahre später.

In einer Serie von Tweets, in der Dr. Luke wohl beweisen wollte, dass er nicht die Art von Mann sei, der der Vergewaltigung fähig ist, postete er auch folgenden Satz:

"Ich habe drei Schwestern, eine Tochter, einen Sohn mit einer Freundin, und eine feministische Mutter, die mich richtig erzogen hat."

Nur um das kurz klarzustellen:

Eine feministische Mutter zu haben, beweist nicht, dass man nicht vergewaltigen kann.

Eine Tochter zu haben, beweist nicht, dass man nciht vergewaltigen kann.

Eine Schwester zu haben, beweist nicht, dass man nicht vergewaltigen kann.

Eine einvernehmliche Beziehung zu haben, beweist nicht, dass man nicht vergewaltigen kann.

Jemanden als "kleine Schwester" zu sehen, heißt nicht, dass man nicht vergewaltigen kann.

Von der Gesellschaft allgemein als der "nette Typ" wahrgenommen zu werden, heißt nicht, dass man nicht vergewaltigen kann.

Auch für Bill Cosby und James Deen gilt weiterhin die Unschuldsvermutung, bis sie rechtskräfig verurteilt wurden. Dennoch müssen wir mit der Vorstellung leben können, dass sie vielleicht mehrere Frauen misshandelt und vergewaltigt haben. Bill Cosby galt über Jahrzehnte hinweg als liebevolle und witzige Vaterfigur, und James Deen war ein feministisch gehypter Pornostar, der selbst bei Teenager-Mädchen beliebt war, weil er weniger bedrohlich aussieht, als die in der Pornowelt üblichen "stierigen" Männlichkeitsbilder und weil er weibliche Lust ernst zu nehmen schien.

Dämonisierung ist Teil von Rape Culture

Es wäre uns lieber, Vergewaltiger wären irgendwelche abartigen Psychos, die Probleme haben, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Es wäre uns lieber, sie würden anders aussehen als unser Vater. Wenn sie vielleicht sogar eine andere Hautfarbe hätten. Oder ihr Frauenbild durch eine andere Kultur und Sozialisierung erklärbar wäre. Oder weil sie zum Beispiel ein traumatisierter Flüchtling sind.

Aber wenn wir uns ernsthaft mit dem riesigen Problem, der Epidemie Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen wollen, müssen wir wahrhaben, dass es auch in der Mitte unserer Gesellschaft Männer gibt, die den weiblichen Körper als etwas sehen, das sie sich einfach aneignen können. Vielleicht wirken sie sogar wie der richtig nette Typ von nebenan. Vergewaltiger sind keine Monster, sie sind Menschen. Sie zu dämonisieren ist Teil unserer "Rape Culture", also Vergewaltigungskultur, und hemmt jegliche Initiative, sich konstruktiv mit tief in unserer Gesellschaft verankerten Probleme auseinander zu setzen.

 

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