Wer innerhalb der Beziehung eigene Wege geht, bleibt glücklich

Beneiden Sie diese Paare, bei denen immer was los ist? Denen nie langweilig miteinander ist, weil sie ständig unterwegs sind, ständig was planen, tun, Hochzeit, Hausbau, Hund anschaffen? Kleiner Tipp: Schauen Sie mal genauer hin. Dann werden Sie fest­stellen, dass viel gemeinsam verbrachtes Projektbetreuen für eine glückliche Beziehung gar nicht so wichtig ist.

Es ist, als säße man mit ­einer Tennisballmaschine beim Abendessen, so hoch ist die Schlagzahl an Plänen, die Charlotte und Anton ihren Freunden um die Ohren hauen: „Bis zur Hochzeit wollen wir uns einen VW-Bus anschaffen, den statten wir dann noch aus, bevor wir in die Flitterwochen fahren. Vier Wochen, von Wien bis an die Algarve! Ich hab schon Reiseführer gewälzt“, ballert es aus ihm raus. Und sie feuert hinterher: „Wenn wir zurück sind, kümmern wir uns um den Umbau im Haus. Wir brauchen dringend eine neue Küche. Und das Wohnzimmer würde ich gerne komplett anders einrichten. Auf Pinterest hab ich schon tolle Ideen gesammelt. Mal sehen, ob ich vielleicht nicht schon schwanger bin!“

Dieses Paar! Hat unendlich Energie und immer was zu tun


Sobald ein Projekt abgeschlossen ist, ist das nächste sogar schon halb im Kasten. „Wahnsinn!“, denkt man und fängt an zu grübeln. Weil es bei einem selbst eher so dahinplätschert. Dabei hört und liest man ja immer und überall: Gemeinsame Ziele und Projekte geben einer Beziehung Sinn. Sie zeigen, dass man an einem Strang zieht, machen zuversichtlich, loyal – und sorgen auch noch dafür, dass die Liebe nicht im Alltagseinerlei verloren geht. Trotzdem geht man selbst nur mal ab und zu mit Schatzi wandern, essen oder ins Konzert und denkt vielleicht noch gerade so über den nächsten Wochenendtrip nach. Weil er gar keine Lust hat, ständig ­irgendwas zu planen. Und man selbst nach dem täglichen Hackeln eh für ungefähr alles zu kaputt ist. Oh no, bestimmt geht die Beziehung jetzt langsam, aber sicher den Bach runter, gell?!

Ganz ruhig bleiben


Momenterl. Bitte mal durchatmen – und Christian Thiel zuhören. Der erfahrene Paarberater und Autor (Was glückliche Paare anders machen, Campus, € 20,60; Wieso Frauen immer Sex wollen und Männer immer Kopfschmerzen haben, Südwest, € 15,50) weiß ziemlich genau, was für die Liebe am besten ist – und sieht das alles entspannt: „Für das Paarglück ist es nicht nötig, ständig gemeinsame Projekte zu haben. Glückliche Paare unterscheiden sich nicht von unglücklichen durch die Menge an gemeinsam verbrachten Unternehmungen.“ Das heißt nicht, dass man Rücken an Rücken leben sollte; einer Beziehung tut es schon gut, wenn man den Alltag mit Pläneschmieden und Unternehmungen unterbricht. Wenn man etwa leidenschaftlich gerne zusammen Zimmer für Zimmer renoviert und das gut funktioniert: unbedingt machen!

Nur dauernd faule Kompromisse, die einem von beiden die Laune verderben, sind keine gute Idee. Vor allem aber muss es nicht sein. „Der Druck, dass man scheinbar ständig etwas zusammen machen sollte, ist nur eine Erscheinung des modernen Lebens in unserer Freizeitgesellschaft“, sagt Thiel.

Er geht sogar so weit, zu behaupten, dass eine Partnerschaft nicht stabil ist, wenn man in seiner Zweierbeziehung dauernd auf der Suche nach einem dritten Element ist. „Paare auf dem Weg ins Unglück vermeiden bewusst oder unbewusst die Gefühle des anderen. Dann sucht man einen Weg, ständig mit irgendeinem Projekt beschäftigt zu sein“, sagt er. Unser „Traumpaar“ Charlotte und Anton etwa täte gut daran, sich jeder für sich zu fragen: Was ist bei uns eigentlich los? Fühlen wir uns zu zweit auch wohl, ohne ständig irgendwie am G’schafteln zu sein? Und wenn nicht: Was fehlt mir, ihm, uns?

Auszeiten gönnen


Vielleicht ist es ja paradoxerweise genau das andere: dass jeder auch mal sein eigenes Ding macht. Denn das ist nicht nur völlig okay, sondern auch wichtig. „Wer innerhalb der Beziehung eigene Wege geht, trägt zu ihrer Stabilität bei“, sagt Thiel. Gerade wenn man langsam beginnt, von Wolke sieben herabzusteigen, wird derjenige immer unzufriedener, der sich zu oft den Wünschen des anderen angleicht. Klar, Kompromisse sind notwendig. „Aber eine zu starke Anpassung an die Vorstellungen des Partners ist einer der wichtigsten Auslöser für Trennungen.“

Deshalb sollte jeder für sich weiter eigene Interessen und Freundschaften pflegen, sich Zeit für persönliche Projekte nehmen. Man fragt sich am besten: Was habe ich gerne gemacht, bevor ich meinen Liebsten kennengelernt habe? Was davon fehlt mir? Dann: sich Zeit für eigene Wege nehmen. Das vergrößert das Selbstwertgefühl, die Selbstachtung, das Gefühl der Eigenständigkeit – „und das kommt immer auch der Partnerschaft zugute“, sagt Thiel. Nicht zuletzt freut man sich so wieder mehr aufeinander und hat sich was zu erzählen.

Eine echte Einheit


Sowieso ist es viel essenzieller, durch Gespräche eine seelische Verbindung zu schaffen, als eine vollgepackte Freizeitgemeinschaft zu bilden. „Wenden Sie sich einander zu. Fragen Sie den anderen ernsthaft: Wie geht es dir? Welche Gefühle bewegen dich? Was war heute schwierig? Was war gut?“, rät der Experte. So stellen Paare innere Verbundenheit her, zeigt auch die Paarforschung: Hat einer 100 Prozent Stress, reduziert der sich durch das Teilen mit dem Partner auf 10 bis 20 Prozent – sofern man dabei alle Kritik beiseitelässt und dem anderen klarmacht: Ich steh an deiner Seite. Um auf diese Art Nähe herzustellen, braucht man meist gerade mal fünf bis zehn Minuten. Da kann kein noch so tolles Projekt mithalten!

Und man kann noch mehr tun. Denn zur „Trias der Intimität“ gehören neben guten Gesprächen auch Zärtlichkeiten, Küsse und Umarmun­gen – und vor allem Sex, sagt der Beziehungsberater. „Paare, denen etwas an ihrer Partnerschaft liegt, sollten deshalb unbedingt auch körperlich in Kontakt miteinander bleiben.“ Intimität und Vertrautheit sind die Grundlage für erotische Stimmung, und sie entstehen – da ist es wieder – durch Zuwendung. Auch wichtig für etwas Knistern: raus aus der auch schon erwähnten gemeinsamen Freizeit-Symbiose, weil zu viel Nähe oft zu weniger Leidenschaft und sexueller Anziehungskraft führt. Für ein lebendiges Liebesleben muss einem der andere auch immer ein klein wenig fremd sein, ein Individuum, Auszeiten haben.

Was wirklich zählt


Nicht falsch verstehen: Paare wie Charlotte und Anton sollten natürlich weiterhin Zeit miteinander verbringen. Aber immer wieder ganz bewusst und ohne Ablenkung. Denn wer dauernd Projekte abarbeitet oder viel Besuch hat, immer Fußball schaut, ständig auf Konzerte geht, Wochenendabende mit Freunden verbringt oder unbedingt die neue Netflix-Serie schauen möchte, nimmt oft gar nicht mehr wahr, dass es vielleicht gerade viel schöner wäre, sich einfach nur aneinanderzukuscheln. „Oft setzen wir unsere Prioritäten falsch“, sagt Christian Thiel. Und übersehen dabei, dass echte, innige Zweisamkeit der Beziehung gerade viel besser täte als irgendein Event. Das wichtigste Projekt eines Paars ist also nicht so etwas wie VW-Bus kaufen, Honeymoon planen, Haus umdekorieren – sondern die eigene Liebe.

 

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