Wer braucht denn noch Brauchtum?

Brautentführungen, Perchtenläufe … – etliche Bräuche wirken völlig aus der Zeit gefallen, werden vielerorts jedoch gepflegt wie eh und je. Warum ist das so? Und wäre es nicht an der Zeit, alte Bräuche neu zu denken? Oder ist das gar ein Widerspruch in sich?

Krampus

Gerade heuer im "Corona-Jahr" war der Fokus auf die Heimat so präsent wie schon lange nicht. Politik und Tourismus schärften uns ein, doch bitte Urlaub in der Heimat zu machen, Werbeplakate mit kitschigen österreichischen Landschaftskulissen und strahlenden (weißen) Familien prägten monatelang das Stadtbild. Doch nicht nur dieses Verständnis von Heimat wirkt mittlerweile ziemlich überholt: Auch sämtliche, in Österreich übliche Bräuche (die ja oft in Zusammenhang mit Heimat stehen) lassen sich nur schwer mit heutzutage grundlegenden Werten wie Gleichberechtigung vereinen. Wieso halten wir dennoch an ihnen fest? Und was, wenn wir plötzlich auf liebgewonnene Traditionen und Bräuche verzichten müssen, wie es heuer aufgrund der Corona-Maßnahmen der Fall ist? Wir haben bei Volkskundlerin und Brauchtumsexpertin Elsbeth Wallnöfer nachgefragt.

WIENERIN: Der Heimat-Begriff ist in Österreich oft negativ, weiß und patriarchal besetzt. Ist das noch zeitgemäß?

Das ist weder zeitgemäß, noch war es je richtig. Denn historisch gesehen ist der Heimatbegriff ein Mythos, der zur mentalen Stärkung eines ethnisch geschlossenen Kollektivs etabliert wurde. Der Heimatbegriff der Gegenwart muss mehr denn je, so lehren uns moderne Gesellschaften, ans Individuum und die im Staat lebenden Vielheiten gekoppelt werden. Früher brauchte man ein ideell aufgeladenes Vaterland, um eine gemeinsame Identität zu produzieren. Heutzutage, wo es in vielen Ländern nicht mal mehr eine Wehrpflicht gibt, sollte man sich auf eine solide demokratische Verfassung einschwören und die Heimat das sein lassen, was sie ist: eine Vielzahl von Lebensstilen und Gefühlen vieler verschiedener Menschen. Sofern sie nicht als politische Waffe genutzt wird, ist Heimat eine Umschreibung menschlicher Existenz.

Woher stammt der Heimat-Begriff ursprünglich und wie hat er sich in den vergangenen Jahren verändert?

In der deutschen Kultur wurde Heimat als kollektiver, politischer Gründungsmythos erzählt. Das begann nach den deutsch-französischen Kriegen ab 1870. Bis dahin waren die französische und die englische Kultur ein wichtiger Gradmesser für "Zivilisation". Diese Länder führten bereits Lexika in den jeweiligen Sprachen. Wir jedoch korrespondierten in Latein oder Französisch. Ab dann ging es darum, eine kollektive Identität von deutscher Heimat und Vaterland herbeizureden. Von diesem Moment an galt es, sich als eigene Kultur zu behaupten, sich abzugrenzen. Dazu ersann man sich unter anderem ein Lob auf die deutsche Sprache (von dort kommt die Betonung der deutschen Sprache als Kampfbegriff).

Die ersten Forschungen zum Thema Heimat kommen interessanterweise aus der frühen Psychatrieforschung. Das hat damit zu tun, dass Dienst- und Kindermädchen oder -buben aus "Heimweh" Kinder ertränkt, Häuser und Höfe in Brand gesetzt hatten. Sie nahmen an, sie könnten nachhause, wenn das Kind, auf das sie aufpassen mussten und der Hof, auf dem sie Dienst taten, nicht mehr da sei. Da es arme Menschen waren, die aus Heimweh mordeten, nannte man die Heimwehkrankheit auch "nostalgia" und sagte, sie sei ein "testimonium paupertatis" (Armutszeugnis) und grassiere nur unter den Armen.

Wer hat aktuell die Deutungshoheit über den Begriff Heimat?

Aktuell ist es so, dass vor allem Teile der Politik versuchen, sich als Expert*innen zu behaupten. Dazu gehören vor allem alte Rechte, die in der Neuen Rechten aufgehen, und wissensbefreite konservative Vertreter*innen. Neuerdings versuchen sich liberal denkende Menschen auch daran. Sie tun dies ähnlich kampfeslustig und kenntnisbefreit. Sie unterscheidet nur, dass sie Heimat nicht als normatives politisches Diktat, dem sich alle unterzuordnen haben, ausrufen.

Welche gesamtgesellschaftliche Rolle spielen Bräuche & Feiertage?

Bräuche sind nichts anderes als Lebensgewohnheiten, die mehr oder weniger verlässlich regelmäßig auf ähnliche Weise wiederkehren. Sie sind ein Kalender, der manchmal religiös gebunden ist, der aber auch ganz weltlicher Natur sein kann. Nehmen wir als Beispiele Nikolo und Fasnacht, das Fest der Heiligen Drei Könige und das Oktoberfest. So gibt es feiertäglich getragenere und vitale lebensweltliche Bräuche. Die einen stehen in Zusammenhang mit einer religiösen Unterweisung. Die anderen frönen der Lebenslust, wieder andere strukturieren einfach nur Abläufe.

Brauchtümer kommen - wie der Name schon sagt - immer aus der Vergangenheit. Können Brauchtümer moderner werden und sich gesellschaftlichen Veränderungen anpassen oder würde das ad absurdum führen?

Brauchtümer sind so etwas wie eine anthropologische Konstante, da sie in allen (!) Gesellschaften vorkommen. Sie werden mündlich, schriftlich oder in der Praxis weitergegeben. Sie befinden sich stets im Wandel oder können neu erfunden werden. Dies schon allein wegen der sich ändernden Lebenswelt. Heutzutage werden wir uns kaum mehr neue Bräuche mit Mistgabeln und Milchkannen als Accessoires ausdenken, da wir diese nicht mehr benutzen. Brauchkultur nährt sich also von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen, sozialen Bedingungen. Bräuche, die dennoch in altväterischer Manier "gepflegt" werden, leben oftmals nur, weil es ein kulturpolitisches Diktat dazu gibt. Ich meine damit nicht, dass das schlecht ist. Es will nur gesagt sein, dass man auch Neues zulassen sollte, der Index dessen, was österreichische Brauchkultur ist, der Zeit angepasst werden sollte.

Ein verkleideter Krampus darf nicht ungestraft eine Vergewaltigung begehen, nur weil er dies im Rahmen der Ausübung eines Brauches tut.

von Dr. Elsbeth Wallnöfer

Welche Veränderungen der österreichischen Brauchkultur konnten Sie in den letzten Jahren beobachten?

Gehen wir kurz vor dem christlichen Dreikönigstag nach Ottakring, dann werden wir dort auf Männer und Frauen treffen, die Stroh und Eichenlaub verkaufen. Das sind unsere serbisch-orthodoxen Wiener*innen, die sich damit für ihr Weihnachtsfest rüsten. Stroh und Eichenlaub sind denen, was uns der Christbaum ist. Bisherige Brauchforschung hat derlei ausgeklammert. Doch zweifelsfrei gehören diese Menschen inzwischen zu Österreichs Brauchkultur.

Gleiches gilt inzwischen für die Wiener Wiesn, das Donauinselfest, für die Kramuri-Standln vor Silvester, für die regelmäßig wiederkehrenden Riten in Fußballvereinen, für das Ritual der Angelobung neuer Botschafter*innen durch den Bundespräsidenten bei deren Akkreditierung. Es ist dogmatisch, nationale Kultur als überzeitlich entrücktes Heiliges vor sich herzutragen.

Inwiefern trägt Brauchtum dazu bei, sich mit seiner Heimat zu identifizieren? Können Bräuche auch dabei helfen, sich (z.B. als Migrant*in) mit einer neuen Heimat zu identifizieren? Oder bewirken sie eher das Gegenteil?

Bräuche sind von Menschen gemachte Gewohnheiten und Erzählungen, die es weltumspannend gibt. Zur Lebenswelt der Bräuche gehören verlässlich wiederkehrende menschliche Gewohnheiten, die in Form von Ereignissen auftreten. Diese bleiben uns in Erinnerungen, sie brennen sich in unser Leben ein. Die Erinnerung ist es also, die unser Alltagsbenehmen beeinflusst, den Tages- und Jahresrhythmus strukturieren hilft.

Ändern wir unsere Lebenswelt, weil wir diese auch räumlich verlassen, dann leiden wir ziemlich sicher am Mangel des "Alten" - sprich des Gewohnten. Dieser Mangel lähmt manche Menschen und hindert das Individuum oftmals, die neue Welt für sich zu entdecken. Je sortierter der Mensch an sich ist, desto leichter findet er sich im Fremden zurecht. Ein*e Student*in, Jurist*in, oder ein*e Geschäftsmann*frau tut sich im Ausland leichter, als jemand, der*die unfreiwillig oder aus ökonomischen Gründen in ein Land kam. So erkunden die einen geradezu neugierig die neue Welt, während die anderen mit der Gestaltung des Alltages kämpfen. In Bezug auf die Migrationsfrage hießt dies, dass die "alte", gewohnte Ordnung Halt gibt, gleichzeitig aber auch hinderlich sein kann. Sofern es nicht ideologische Gründe sind, ist es jedem Menschen möglich zwischen der eigenen Brauchkultur und der der "neuen" Welt hin- und her zu switchen.

Problematisch wird es erst, wenn religiöse und politische Ideologien in dieses Lebensspiel eingreifen. Daher gilt für pluralistische Gesellschaften wie wir sie sind, dass wir ein demokratisch zustande gekommenes Grundgesetz zur allgemeinen Orientierung brauchen. Nutzen wir das als Maßstab, dann haben sich auch jegliche Brauchformen dem unterzuordnen. Ein verkleideter Krampus darf nicht am Krampustag ungestraft eine Vergewaltigung begehen, nur weil er dies im Rahmen der Ausübung eines Brauches tut. Und ein minderjähriges Mädchen darf nicht gegen ihren Willen verheiratet werden. Wennngleich beide Ereignisse ein mordsdrum gelungenes Fest sein können. Anders formuliert: Bräuche und Brauchwelten sind keine rechtsfreien Räume.

Die Frage nach der Identität sollte mit der Frage nach der personellen Freiheit innerhalb eines Staates, einer Nation verbunden werden. Ist der Mensch politisch frei, kann er auch seine Bräuche frei wählen. Er kann Thanksgiving feiern und Weihnachten, Chanukka, das Fest der Befana oder Iftar.

Welche Konsequenzen hat es, wenn Feste & Bräuche ausfallen oder nur auf Sparflamme stattfinden, wie es heuer aufgrund der Corona-Pandemie passiert?

Da müssen wir jetzt unterscheiden: Für viele Individuen ist es irritierend, ja gar schmerzhaft, wenn Gewohntes nicht wie bisher stattfindet. Manchen mag eine Beschränkung der Anzahl von Festteilnehmer*innen hingegen sogar helfen. So entkommen sie endlich dem längst verhassten Trott und der Heuchelei oder müssen den fetten Braten nicht ertragen, was wiederum zu weniger Streitigkeiten in den Familien führen könnte. Auf dem Land lebende ältere Menschen, deren Kinder aushäusig sind, sind nun gefordert, gemeinsam mit den Kindern eine für alle passende Lösung zu finden. Menschen im Seniorenheim bedürfen der logistischen Fähigkeit der Heimleitung. Im Zeitalter der Videotelefonie ist es möglich, sich via Telefon zu sehen. Den Christen ist mit der Übertragung der Mette via Fernsehen gedient. Gerüche wie Orangen, Zimt zu verströmen, kann Stimmung erzeugen. Da das Weihnachtsfest, wie alle Bräuche, durch eine Summe von sinnlichen Eindrücken zu einem Ganzen wird, kann man versuchen, Teile davon wahr werden zu lassen. Jetzt gilt es aus der Not eine Tugend zu machen.

Wir müssen aber aufpassen, dass wir verhängte Beschränkungen nicht als dämonische Strafe von Seiten der Politik oder des Staates verstehen. Wir haben es hier mit einer Naturkatastrophe zu tun. Niemand kennt sich wirklich aus, das gibt niemand gern zu, und auch daher irrlichtern wir irgendwie alle so dahin. Der Staat kann hier nicht mehr leisten als es jede*r einzelne könnte.

Es gibt kein Recht darauf, 'dass alles so bleibt wie es ist'. Das gilt für alle Gewohnheiten und gleichermaßen für die Brauchtümer dieser Welt.

von Dr. Elsbeth Wallnöfer

Könnte die heurige Ausnahmesituation zur Etablierung neuer Bräuche führen?

Wir müssen das Weihnachtsfest quasi neu erfinden. Je kreativer wir dabei sind, desto eher ist es wahrscheinlich, dass dieses Weihnachten auch neue Brauchformen kreiert. Möglicherweise will die Oma zukünftig lieber mit allen videotelefonieren, weil das kürzer dauert und sie nur noch nie zugeben wollte, dass ihr diese langen Abende ohnehin zu viel wurden.

Die Bräuche an sich leiden unter solchen Situationen selten. Solche Zeiten der Zäsur gab es immer schon. Wir sind das nur nicht gewohnt, weil wir schon sehr lange Jahre in Frieden und Wohlstand innerhalb gesicherter Bahnen leben. Von Recherchen zu Feldforschungen weiß ich, dass es in der Vergangenheit öfters passierte, dass ein Brauch nicht erforscht werden konnte, weil er zum Beispiel wegen der Maul- und Klauenseuche für ein Jahr ausgesetzt wurde.

Die Brauchforschung lehrt uns, dass es oft gar nicht solche Ereignisse sind, die einen gewohnten Brauch verstummen lassen. Sehr viel öfter sind es Neuerungen im gesellschaftlichen Leben. Religiös gebundene Bräuche nehmen ab, sobald die Gesellschaft laizistischer wird. Politisch bedingte Bräuche verlieren mit der Lösung des Problems ihren Grund oder verändern sich (man denke an die Tiroler Schützen). Die Angst des Individuums vor Veränderungen sollten wir als Chance begreifen. Es gibt kein Recht darauf, "dass alles so bleibt wie es ist". Das gilt für alle Gewohnheiten und gleichermaßen für die Brauchtümer dieser Welt.

 

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