Wer 2017 noch immer schlecht über Frauenmagazine redet, hat nicht gut aufgepasst

Frauenmagazine gehören heute zu den größten medialen Verfechtern von Frauenrechten, und werden von der männlichen Medienhegemonie dennoch nicht ernst genommen.

Es ist ziemlich einfach, abfällig über Frauenmagazine zu sprechen. Das haben wir so gelernt. Weil sie eine Doppelmoral verkörpern, die einerseits Frauen lehren möchte, ihren Körper zu lieben und andererseits unreflektiert westliche, dünne Schönheitsideale reproduziert. Weil es abgesehen davon nur um banale Themen wie Mode, Beauty und Rezepte geht. „ Auf Seite fünf steht noch ‚Liebe dich selbst, so wie du bist‘ und drei Seiten weiter gibt es die ersten Bikini-Figur-Diättipps.“ So ungefähr lautet der beliebteste Vorwurf. Doch wer heute noch immer unreflektiert über Frauenmagazine herzieht, hat in letzter Zeit nicht gut aufgepasst. Gerade Trumps Wahlkampf und –sieg haben den politischen Anspruch von Frauenmagazinen verdeutlicht.

TeenVogue: Trump-Kritik und Contouring-Tipps

Im Dezember hat ein TeenVogue-Artikel viel Aufmerksamkeit erregt: Die Autorin Lauren Duca hat in „Trump is gaslighting America“ die Strategie des US-Präsidenten, durch gezieltes Verbreiten von Lügen die Demokratie zu destabilisieren, analysiert. Für viele männliche Journalisten war es überraschend, diesen Artikel in der „TeenVogue“ zu lesen, und sie reagierten herablassend: „Sollen sie doch lieber bei ihren Schminktipps bleiben“. Mit ähnlichen Reaktionen wurde die Wienerin nach der erstmaligen Verleihung des satirischen Sexismus-Preises "Der goldene Penis" konfrontiert.

Politische Interviews werden in Frauenmagazinen weniger ernst genommen

Aber das war nicht das erste Mal im Zuge des Wahljahres, dass eine Frauenzeitschrift für hart gesottenen politischen Journalismus auffiel. Im Herbst interviewte die Cosmopoliton-Journalistin Prachi Gupta Ivanka Trump zum Kinderbetreuungsprogramm ihres Vaters. Die Journalistin hat das Programm dabei kritischer durchleuchtet als die meisten Politmedien, was dazu führte, dass die in die Enge getriebene Ivanka Trump abrupt das Gespräch beendete und den Hörer auflegte. Die harte Reaktion mag auch damit einhergegangen sein, dass Trump schlecht vorbereitet war, weil sie solche Fragen nicht in einem Interview für ein Magazin erwartet hatte, das hauptsächlich für Sex-Tipps bekannt ist und das eigentlich als billiger Weg gedacht war, die weibliche Wählerschicht zu mobilisieren.

TeenVogue has as much right to be at the table talking about politics, as any young woman in America does.

Nichtsdestotrotz erhielt Gupta nationalen Beifall. Sie war eine der wenigen, die Trump fragten, warum in ihrem Modell Karenz nicht für Männer oder homosexuelle Paare vorgesehen ist, und über das Interview wurde von der Washington Post bis hin zur New York Times in allen Medien berichtet. Das sind nur zwei Beispiele einer Reihe an Artikeln, die als großer Coup betrachtet worden wären, wären sie in Mainstream-Medien publiziert worden, wie Tara Golshan auf vox.com schreibt.

Überraschung: Interesse für Mode und Sorge um die Demokratie schließen sich nicht aus

Während Frauenmagazine Ende der 1990er am Höhepunkt der „Du bist gut so wie du bist aber so kannst du noch 5 Kilo leichter werden“ -Berichterstattung waren, ist diese Kritik über 20 Jahre später nicht mehr aktuell. Kritik am weiblichen Körper findet heute hauptsächlich in Klatschblättern und im Boulevard statt, die man aber nicht mit Magazinen wie Cosmopolitan, Vogue, Glamour, Edition F oder auch der Wienerin verwechseln darf. In diesen Magazinen findet man Reportagen, politische Interviews, Kulturanalysen aber eben auch Modestrecken, Schminktipps und Rezepte. Die Magazine begegnen ihrer Zielgruppe auf Augenhöhe und nehmen sie ernst, und so schockierend das sein mag: Liebe für Ästhetik schließt sich nicht mit politischem Interesse aus. Die Frage ist eher: Warum sollten Mode, Make-Up oder auch Rezepte ein Totschlagargument dafür sein, dass ein Medium dumm oder banal ist?

Und nachdem Feministinnen jahrzehntelang als verbissene, sexlose Emanzen in lila Latzhosen betrachtet wurden, werden sie heute als zu „weich“ und „verwaschen“ gesehen, weil sie sich für Make-Up und Beyoncé interessieren.

Ganz einfach, weil es weiblich konnotierte Interessen sind. Und alles, was wir mit Frauen verbinden, ist weniger wert. Während wir ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass Sport ein ernstes Thema von tagespolitischer Schwere ist, das in keiner Zeitung fehlen darf, finden wir alles, was typischerweise mit Weiblichkeit verbunden wird, vernachlässungswürdig. Ob das nun Mode ist, Kleinkindbetreuung oder auch einfach nur ein verspieltes Layout. Und während sich niemand an kritischen Artikeln im Playboy oder in der GQ stört, ist es in der Cosmopolitan lächerlich. Das ist purer Sexismus.

Zu männlich oder zu weiblich: Frauen können es nicht richtig machen

Sowohl Cosmopolitan als auch Glamour kündigten 2015 an, den kommenden Wahlkampf mit ausführlicher politischer Berichterstattung begleiten zu wollen. Aber schon seit längerem mischen Portale, die sich auf Millenial-Frauen fokussieren, die Medienlandschaft auf. Refinery29, LennyLetter, ManRepeller oder Bustle vermengen Themen wie sexuelle Belästigung, Frauengesundheit oder Lohngleichheit mit Unterhaltungsthemen wie Lippenstiftempfehlungen oder Outfit-Fotos.

Was die Repräsentation von Minderheiten betrifft, haben Frauenmagazine noch viel Luft nach oben.

Diese Entwicklung geht mit dem Aufkommen der feministischen Blogosphäre Anfang der 2000er einher, über die sich einige feministische Autorinnen etablierten, die später auch für Mainstream-Medien rekrutiert wurden. Jill Filipovic etwa machte ihre Schreibanfänge beim Blog „Feministe“ und schreibt heute für Cosmopolitan und die New York Times. Junge Frauen und Autorinnen haben heute kein Problem mehr zuzugeben, dass sie sich für Augenbrauengel genauso wie für Innenpolitik interessieren, sie können diese Themen entsprechend einordnen und priorisieren, aber sie schließen sich nicht gegenseitig aus. Und nachdem Feministinnen jahrzehntelang als verbissene, sexlose Emanzen in lila Latzhosen betrachtet wurden, werden sie heute als zu „weich“ und „verwaschen“ gesehen, weil sie sich für Make-Up und Beyoncé interessieren. Wie immer also können Frauen es der Gesellschaft sowieso nicht recht machen.

Schätzen wir Frauenmagazine für das was sie sind: Eine Interessenvertretung für Frauenrechte

Tatsache ist, dass Frauenmagazine heute einige der anspruchsvollsten, feministischen Inhalte in der Medienlandschaft produzieren. Gibt es noch Verbesserungpotenzial? Ja, gerade was die Bildsprache betrifft, haben viele Magazine – inklusive der Wienerin – noch viel Luft nach oben was die Repräsentation von Minderheiten, unterschiedlichen Körperidealen, Menschen mit Beeinträchtigungen und verschiedenen Sexualitäts- und Familienmodellen betrifft. Aber besonders in Österreich kann ich mich nicht erinnern, wann das letzte Mal die KandidatInnen einer TV-Elefantenrunde gefragt wurden, ob sie sich als Feministen definieren, bevor die Wienerin ein Jahr lang Kampagnen rund um das Thema gefahren hat und jede Woche Artikel über Feminismus veröffentlicht hat. Verhütung und Frauengesundheit werden bereits seit den 1960er Jahren nirgendwo so ausführlich diskutiert wie in Frauenmagazinen. Und es ist Zeit, dass wir diesen Magazinen legitimen Platz in der Gesellschaft einräumen, genau wie den Themen, die darin behandelt werden. Oder um es mit den Worten von TeenVogue Chefredakteurin Elaine Welteroth zu sagen: „TeenVogue has as much right to be at the table talking about politics, as any young woman in America does.“

 

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