Wenn sich zwei streiten, leidet die Dritte

Kompromisse sind wichtig in Beziehungen. In Liebes- und Eltern-Kind-Beziehungen. Muss man alle unter einen Hut bringen, kann’s manchmal ganz schön krachen.

Paar streitet

In meinem Haus gibt’s eine wunderschöne offene Stiege. An der haben der Mann und ich lang getüftelt. Die hat viel Geld gekostet. Eine Spezialanfertigung aus MDF-Platten. Vom Stiegenbauer. Aber sie war uns das viele Geld wert. Weil sie ein zentrales Element im Haus bildet und weil es (wie der Mann, Ästhet erster Stunde, sagen würde) "schön sein muss". So eine schöne Stiege (wie ich sage) oder Treppe (wie der Mann sagt) kommt natürlich ohne Handlauf aus. Ja, ja, ja, ich höre schon die Mahnenden unter euch schreien: "Aber das ist ja gefährlich!" Nun ja, das sieht mein Vater auch so. Er ist 79. Nicht mehr ganz so gut auf den Beinen, dafür noch sehr gut im Kopf. Und so formuliert er formschön: "Wenn dir daran gelegen ist, dass dich dein ­alter Vater besuchen kommt, bist du so lieb und montierst ­einen Handlauf."

Formel

Und was macht das Töchterchen? Es sucht ­einen Handlauf. Was macht der Mann? Er schmollt. Bockt. Verweigert. Wehrt sich gegen die Montage. ­Wegen der Optik und der Löcher und überhaupt. Was macht die kluge Frau? Sie erzählt nichts und bestellt im Internet einen Handlauf. Kleben statt bohren. Steht in der Montage­anleitung. Bin mächtig stolz. Dass der Handlauf ausschaut wie aus dem Geriatriebedarf, stört mich nicht. Ist ja nur eine temporäre Lösung. Gerade als ich das Gestänge auspacke, kommt der Mann nach Hause und beschwört mich, es nicht zu montieren. Er hat gute Argumente. Dass sich der Klebstoff in die MDF-Platte fressen wird. Dass die Treppe nachher kaputt ist. Dass das nicht funktio­nieren wird. Aber ich bin beratungs­resistent und picke das Ding auf die Platte. Es hält bombenfest.

Familie vs. Familie

Vater ist sehr glücklich und hüpft wie ein junges Reh­lein die Treppe rauf und runter. Nach seinem Besuch hüpft allerdings der Mann wie ein wütendes Rumpelstilzchen die Treppe rauf und runter. Weil das "Kleben statt Bohren"-Ding nicht mehr weggeht. Wir föhnen es, um den Kleber zu erwärmen. Versuchen es mit einer Spezialspachtel. Nehmen das Tapeziermesser – und irgendwann macht’s "rums" und die Halterung ist ab. Gemeinsam mit dem Lack der MDF-Platte. Drei ausgerissene, holzfarbene Löcher zieren nun den weißen Stiegenaufgang. Der Mann schaut mich an. Schaut die Löcher an. Nimmt kommentarlos seinen Schlüssel. Geht. Nach zwei Stunden kommt er wieder. Schaut die Löcher an. Schaut mich an. Sagt: "Du reparierst das."

Lösung

Das mache ich auch. Indem ich den Stiegenbauer anrufe. Von der Reaktion des Mannes erzähle. Vom schief hängenden Haussegen. Vom großen Unglück. Er lacht. Kommt. Repariert. Geht. Was ich das nächste Mal mache, wenn mein Vater kommt? Die Frage hat mir der Mann glücklicherweise noch nicht gestellt. Wenn Sie Ideen haben, bitte gerne.

 

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