Wenn Selfcare und der Blick in den Spiegel zu Selbstzweifeln führen: Expert*innen geben Rat

Du wolltest dich eigentlich schön machen, fühlst dich jetzt aber Scheiße? Manchmal triggert Schönheitspflege Komplexe und Selbstzweifel. In der Corona-Krise ist man mit seinen düsteren Gedanken auch noch alleine. Drei Expert*innen geben Tipps gegen negative Gedankenspiralen rund um den eigenen Körper.

Gerade jetzt – während der Corona-Zwangspause – bekommt man ja besonders oft empfohlen, die Zeit doch für Selfcare, neue Beauty Routinen und Home Spa-Einheiten zu nutzen. Keine schlechte Idee, dachte ich mir und habe mir eine Runde mehr Zeit im Bad gelassen. Maske aufgetragen, Haare gepflegt, Körper eingecremt. Irgendwann fällt mir auf, ich bin unrund und begleite die Pflegeschritte mit Gedanken wie „Bäh Cellulite“, „Bauch zu dick“, „Haare zu dünn“, „Haut zu schirch“, „zuviel gegessen“, „alles falsch gemacht“ usw. Nach zehn Minuten bin ich fertig mit mir, meinem Köper und der Welt.

Sich was Gutes tun sieht anders aus. Besonders blöd ist: Jetzt in der Coronakrise, in der der allgemeine Angstpegel sowieso schon hoch ist und man niemand sehen darf, der einen vielleicht ablenkt, sind die eigenen düsteren Gedanken besonders präsent.

Wenn Self-Care zu Selbsthass wird: Das empfehlen Expert*innen

In der Annahme, dass es sicher nicht nur mir so geht, holte ich mir Hilfe und bat die systemische Psychotherapeutin Ria Lindner, die Trainerin und Coachin Katharina Krcal sowie den Verhaltenstherapeuten Stefan Brunhoeber um Rat. Hier ihre Ratschläge für Situationen, in denen Schönheitspflege nur die Selbstkritik nährt.

    "Schau auf das, was du an dir magst"

    Die systemische Psychotherapeutin Ria Lindner empfiehlt kurz und knackig:

    1. Richte deine Aufmerksamkeit auf das, was du an dir magst. Denn das wo man die Aufmerksamkeit hinrichtet, wird mehr. Die Komplexe genauso wie die Selbstliebe. Stoppe also Negativgedanken und wenden dich angenehmen Bereichen zu.
    2. Streichle die weniger "geschätzten" Körperpartien liebevoll und visualisiere, dass es Personen gibt, die genau diese Stellen lieben, weil sie deine persönliche Note ausmachen. Die Körperstellen können so „aufatmen“, die Zellen regenerieren sich, die Durchblutung steigt und sie werden wirklich schöner.
    3. Lächle dich im Spiegel an. Auch wenn es sich anfangs komisch anfühlt, über die Verbindung von Körper und Geist aktiviert das Lächeln die Glückszentren im Gehirn.

    "Ändere deinen Blickwinkel: Was würde eine gute Freundin sagen?"

    Coach Katharina Krcal (diekrisealschance.at) empfiehlt 3 Schritte zur Selbstversöhnung:

    • Schritt 1: Identifiziere den Störenfried. Da steht man vor dem Spiegel und los geht’s mit dem Selbstbashing. Das ist unser innerer Kritiker, der aktiv wird, wenn wir zuviel nachdenken, grübeln und uns in negative Gedankenmuster verstricken. Solche Gedanken machen nun nicht nur schlechte Laune, sie schwächen auch nachweislich das Immunsystem u.a. weil sie die Ausschüttung von Stresshormonen aktivieren.
    • Schritt 2: Ändere deinen Blickwinkel. Überlege, was eine gute Freundin oder liebe Schwester jetzt zu dir sagen würde. Sie würden dich wahrscheinlich mit liebevollem Blick ansehen und sagen: Du bist wunderschön, genauso wie du bist. Wenn es dir schwerfällt, dich selbst so zu sehen, dreh den Gedankengang um: Denke an einen lieben Menschen und sag ihm in Gedanken, was du an ihm toll findest. Je mehr wir unseren Blick auf das Schöne bei anderen lenken, umso eher ändert sich auch unsere Haltung gegenüber dem eigenen Körper.
    • Schritt 3: Trainiere diese positive innere Haltung. Das heißt für den täglichen Blick in den Spiegel: weg von der Defizitorientierung hin zu den Ressourcen. Ja klar, niemand ist vollkommen. Aber jeder hat auch viele Stärken. Überlege, was du an dir magst und richte deinen Fokus darauf. Die innere Haltung ist entscheidend: Sei liebevoll und gütig dir selbst gegenüber. Mit ein bisschen Übung bringt man so auch den inneren Kritiker zum Schweigen.

    "Raus aus dem Bad und weg vom Spiegel!"

    Der deutsche Verhaltenstherapeut Stefan Brunhoeber hat seine besten Erkenntnisse in dem Buch „Keine Angst vorm Spiegel“ festgehalten. Er empfiehlt z.B.:

    1. Raus aus dem Bad: „Man wird umso sensibler bezüglich seines Aussehens, je mehr man sich damit beschäftigt. Die starke Konzentration auf das eigene Aussehen ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Sie Probleme mit Ihrem Aussehen haben.“ Sollten dich also Selbstzweifel plagen, lass sie die Schönheitsbemühungen einfach bleiben und mach etwas anderes.
    2. Mach dir deine Gefühle bewusst: „Negative Gefühle haben einen Einfluss darauf, wie man sich im Spiegel sieht. Es ist schädlich, sich gerade immer dann vor den Spiegel zu stellen, wenn es einem schlecht geht.“ Oft bekommt man das ja gar nicht mit. Wenn dann aber gerade beim Herumtun mit dem eigenen Aussehen unangenehme Gedanken und Gefühle hervorkommen, schmort wahrscheinlich ein Konfliktthema im Hintergrund. Schau hin.
    3. Falls starke Gefühle dahinterstehen: Einige Menschen verwenden die Beschäftigung mit ihren Körpern, um Gefühle zu regulieren und Spannungen abzubauen. Schau, ob es nicht bessere Wege gibt. „Überlegen Sie, was Ihnen in der Vergangenheit bereits dabei geholfen hat, mit starken Gefühlen und innerer Anspannung umzugehen, und listen Sie diese Dinge auf einem Blatt Papier auf. So haben sie jederzeit die Möglichkeit nachzuschauen, was Ihnen helfen könnte, wenn Sie erneut unter starken Gefühlen leiden.“
    4. Richte deine Ihre Wahrnehmung nach außen, nicht nach innen: „Wenn Sie in einer Negativspirale sind, finden Sie dort nur Ihre Ängste und nicht die Wahrheit, ob die Ängste berechtigt sind oder nicht. Anhaltspunkte hierfür finden Sie nur in Ihrer Umwelt.“ Bevor du also an dir verzweifelst, frage jemanden, dem du vertraust nach seiner Meinung und mach dir bewusst, dass andere Menschen nie nur deine Makel sehen, sondern dich als Ganzes wahrnehmen – mit deiner Stimme, deinen Bewegungen, deiner Persönlichkeit, deinen Talenten und vielem mehr.
     

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