Wenn Schreiben wütend macht

Fehler passieren. Auch beim Schreiben. Aus Flüchtigkeit. Aus Unwissenheit. Aus Unsicherheit. WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peters größter Fehler? Sie kann einfach nicht über diese Fehler hinwegsehen.

Dabei war er so sexy. Witzig. Schlagfertig und klug. Aber diese ungeheure Anziehungskraft erlosch in dem Moment, in dem ich sein SMS öffnete: "Hey! Was hast du heute den [sic!] noch so vor? Kann sein, das [sic!] es ein bissi forsch ist, aber besser zu früh gefragt als wie [sic!] nie!" Neeeiiin! Drei Fehler!!! In einem SMS!!! Das. Geht. Einfach. Nicht.

Wo ist mein Rotstift?

Ich begann sofort, nach Entschuldigungen für ihn zu suchen. Er hat sich vertippt. Er weiß, dass (!) man "denn" mit zwei "n" schreibt. Er weiß, dass (!) "als wie" ein grammatikalisch völlig unmögliches Gebilde ist. Er hatte Stress und hat sich das SMS nicht durchgelesen (auch wenn mir solche Fehler selbst in Stresssituationen definitiv NICHT passieren würden). Aber die Magie? War einfach verschwunden. Bei unserem nächsten Treffen konnte ich mich nicht auf seine Augen, Hände, den Inhalt seiner Worte konzentrieren, sondern nur auf seine permanenten sprachlichen Schnitzer. Statt "dem" verwendete er getrost "den", den "als wie"-Vergleich schien er für eine völlig zulässige Redewendung zu halten, sein Lieblingsfüllwort war "quasi", das quasi in jedem Satz vorkam, und ans Satzende fügte er stets "gell" hinzu, gell? Die studierte Germanistin in mir wollte ihm am liebsten seine Zunge mit Rotstift bekritzeln. Ich war unfähig, dem Gesprächsverlauf zu folgen. Alles, was ich hörte, waren FEHLER! FEHLER! FEHLER!

"Sehen wir sich wieder?" Nein!

Das zwei Stunden später von ihm eintrudelnde SMS besiegelte sein Schicksal vollends. Ich meine: Wer kann über solche Fehler einfach hinwegsehen? "Es war sehr schön, das [sic!] wir sich [sic!] getroffen haben! Sorry, das [sic!] ich beim Abschied nicht gewinkt habe Bim war so schnell da. Wann sehen wir sich wieder [sic!][sic!][sic!]?" Ab diesem Moment gab es einfach keine gemeinsame Zukunft mehr für uns! Höchstens eine im Rechtschreibkurs an der Volkshochschule. Ich als Lehrerin. Er als Schüler. Zwei Tage lang schrieb ich nicht zurück. Dann begannen meine Finger zu zittern. Meine Augen zu flimmern. Mein Hirn zu rebellieren. Und ich tippte in mein Handy: "Bitte nimm mir das jetzt nicht übel, aber wir sollten einander nicht mehr treffen. Genau so heißt das übrigens auch:,Man trifft einander', nicht ,wir treffen sich'! Es macht auch nichts, daSS du mir nicht gewinkt hast, deNN ich war ohnehin schon in meiner Straßenbahn. Alles Liebe!"

"Don't be bitchy!", sagte der Engel auf meiner rechten Schulter. Auch du bist nicht unfehlbar, oder sollen wir uns übers Kopfrechnen unterhalten?" "Irgendwer muss es ihm ja sagen!", fauchte der Teufel auf meiner linken Schulter. Schlimm genug, dass Tiere vom Aussterben bedroht sind! Muss jetzt auch noch Rechtschreibung auf die rote Liste?! Ich drückte auf Senden. Zurück kam kein Wort, sondern ein Emoji. Ja, das Braune mit den Augen drinnen.

 

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