Wenn Paare nur noch streiten

Sind Sie wütend auf Ihren Partner? Fühlen Sie sich allein gelassen? Wird Ihre Leistung nicht anerkannt? Ist die Stimmung angespannt, die Leidenschaft verflogen, stattdessen streiten Sie häufig? Paare, die das erleben, sind oft einfach nur überfordert. Beziehungscoach Dominik Borde weiß, wie Sie aus dieser Situation herauskommen.


Bevor Sie Ihren Partner endgültig in den Wind schießen oder sich mit gegenseitigen Forderungen und Vorwürfen weiterhin das Leben schwer machen, finden Sie heraus, ob Sie beide nicht einfach nur überfordert sind, und tun Sie lieber was - für sich!

Wenn wir gestresst und überfordert sind, weil wir unter der täglichen Flut an Einzelaufgaben und Anforderungen drohen unterzugehen, reagieren wir unangemessen auf unser Umfeld. Paare bei denen die Partner mit beruflichen Belastungen kämpfen oder sich zum Beispiel nach der Geburt eines Kindes überfordert fühlen, neigen dazu grantig zu sein, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben und ihren Frust auf den Partner abzuladen. Der Satz “Wenn du nur ... mehr oder anders machen würdest, hätten wir kein Problem.“ dürfte vielen nur allzu bekannt vorkommen.

Fest steht: Gegenseitige Nörgeleien, häufige Streits und ständige Diskussionen rund um Haushalt, Sex und mangelnde Zeit führen niemals zu mehr Nähe, sondern lassen selbst die größte Liebe irgendwann den Bach hinunter gehen.

Woran Sie merken, dass Ihre Beziehung an Überforderung leidet

Ein Fallbeispiel:
“Egal was ich mache, nie ist es genug!“ - Markus, 41 und Annika, 33, sind seit 5 Jahren ein Paar und arbeiten auch zusammen. Als selbstständiger Unternehmer ist Markus viel unterwegs, während Andrea die Mitarbeiter managt und sich nach der Arbeit im Büro daheim um die beiden Kinder kümmert.

Sie teilen den Alltag vieler überforderter Paare, die in meine Praxis kommen. Der Tonfall solcher Paaren ist zumeist angriffslustig und die Stimmung schnell geladen:

Annika beschwert sich: „Wundert mich, dass du zu Hause noch gemeldet bist! Ich hatte nicht vor deine Sekretärin zu werden und unsere Kinder alleine großzuziehen.“
Markus schnauzt zurück: „Ja genau, wie man´s macht, ist es falsch, egal was ich tu. Ich mache das ja alles nur zum Spaß und nur für mich, richtig?! Und wenn du - so wie neulich Mittag - deine Freundin triffst, dann bist du natürlich viel zu beschäftigt, um nachzusehen, ob wir noch was im Kühlschrank haben, stimmt´s? Ausruhen, was ist das? Ich kann mir diesen Luxus nicht leisten! Von mir wir erwartet, dass ich überall und immer zur Stelle bin und immer alles perfekt mache!"

Sind Sie überfordert?

  • Beide klagen über zu wenig Zeit
  • Praktisch kaum oder deutlich weniger Austausch von Zärtlichkeiten
  • Beide sehen nur mehr das Negative
  • Die Gespräche werden eher gegeneinander, nicht miteinander geführt
  • Keine Zeit als Paar - gemeinsame Termine dienen nur noch Erledigungen
  • Das Gefühl zu haben, ständig mehr tun zu müssen als man leisten kann
  • Häufige Streits, ausgelöst durch Nichtig- beziehungsweise Kleinigkeiten
  • Ein Partner fühlt sich überflüssig oder ist eifersüchtig, weil der andere scheinbar keine Zeit mehr für ihn hat
  • Einer oder beide Partner fühlen sich vernachlässigt und mit ihren Sorgen alleingelassen
  • Einer oder beide Partner haben keine Lust mehr auf Sex
  • Ständige Nörgeleien, versteckte Angriffe oder sarkastische Aussagen
  • Vergesslichkeit, Verwechslungen, falsch verstandene Infos
  • Geladene Stimmung, ständig angriffslustiges Gemüt
  • Schweigen, Rückzug, Resignation

Sollte einer der oder mehrere Punkte auf Ihre Beziehung zutreffen, warten Sie nicht länger darauf, dass es von selbst besser wird oder Ihr Partner den Anfang macht.
Nehmen Sie die Anzeichen als deutlichen Handlungshinweis wahr. Nahezu jedes Paar kommt im Laufe der Zeit an diesen Punkt, doch Hürden können überwunden, Überforderungen eingedämmt und der gemeinsame Alltag wieder gemeistert werden.


Seien Sie achtsam!

  • Beruflicher Neuanfang, ein Karriereaufbau
  • Ein Studium, Lehrgänge oder Weiterbildungsmaßnahmen fordern mehr Zeit
  • Die Frau hat ihren Beruf aufgegeben um daheim bei den Kindern zu bleiben
  • Ein Partner steht als Alleinverdiener unter Druck die Familie zu versorgen
  • Zusätzliche Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die ein Baby beziehungsweise Kleinkind mit sich bringt
  • Jobwechsel oder Jobverlust
  • Finanzielle Schwierigkeiten
  • Angst vorm Altwerden, der Eintritt in die Pension
  • Hausbau, der Ankauf eines Eigenheims, Ortswechsel oder Umzüge
  • Beeinträchtigungen durch Unfälle, Krankheiten oder Verletzungen

Wie Sie dem Kreislauf aus Vorwürfen, Selbstzweifel und Überforderung stoppen

1. Gestehen Sie sich gegenseitig Ihre Überforderung ein

Entwicklungen und Verbesserungen sind immer möglich, doch dazu ist zu allererst das Eingeständnis notwendig, überfordert zu sein! Wir leben in einer Welt, in der es unsexy erscheint, Schwäche zu zeigen oder einen Fehler zu begehen. Umgeben von Supermodels, Spitzensportlern, Dancing Stars und lauter glücklichen Facebook-Freunden, fällt es schwer, sich das eigene Unvermögen einzugestehen. Es führt kein Weg daran vorbei: Seien Sie ehrlich und "gönnen" Sie sich selbst und Ihrem Partner das Eingeständnis, dass Ihnen das Beste zu geben - überall und immer - (gerade) zu viel ist!


2. Schrauben Sie Ihre Erwartungshaltung zurück

Eine zu hohe Erwartungshaltung - sich selbst und anderen Gegenüber -, der Druck um jeden Preis perfekt sein zu müssen und der Anspruch keine Fehler machen zu dürfen, führt zwangsläufig dazu, dass wir uns selbst und andere enttäuschen.

Häufige Annahmen:

  • Die Erwartung, reibungslos mit Problemen und Sorgen umzugehen
  • Die Erwartung, immer ein perfekte Mutter, ein perfekter Vater zu sein
  • Die Erwartung immer glücklich sein zu müssen
  • Die Erwartung keine Fehler zu machen
  • Die Erwartung, dass ein gemeinsames Kind die Beziehung verbessert
  • Die Erwartung ständiger Aufmerksamkeit des Partners
  • Die Erwartung alles selbst können zu müssen und gänzlich ohne fremde Hilfe auszukommen
  • Die Erwartung, dass der Partner Gedanken lesen kann und die Annahme, dass sie oder er gleich denkt und fühlt


3. Überforderung im Team beseitigen

Wenn wir aufhören, uns mit zu hohen Ansprüchen und Erwartungen zu prügeln und einander als Team begreifen, anstatt an den Partner stets Forderungen zu stellen, wird die Überforderung eine lösbare Aufgabe.


4. Gegenseitig zuhören

Warten Sie nicht länger, sondern machen Sie den ersten Schritt. Geben Sie einander die Gelegenheit sich ehrlich auszutauschen und ermuntern Sie Ihr Gegenüber alles unverblümt anzusprechen. Hören Sie zu, OHNE die Aussagen des Partners zu werten oder sich persönlich angegriffen zu fühlen!

Besonders Männer neigen dazu, die Ursache für jedes geschilderte Problem des Gegenübers bei uns selbst zu suchen. Wir fühlen uns mitunter rasch angegriffen, wenn die Partnerin sich beschwert oder unzufrieden ist und bieten lieber vorschnell Lösungen an anstatt einfach zuzuhören.

Widerstehen Sie dem Drang sich zu verteidigen, alles richtig stellen zu müssen oder davonzulaufen, weil es Ihnen unangenehm ist. Bleiben Sie als ”Fels in der Brandung“ präsent und geben Sie einander die Gelegenheit sich gegenseitig gehört und verstanden zu fühlen.


5. Prioritäten festlegen

Was ist mir/uns für die Erfüllung meiner/unserer Wünsche und Träume im Leben besonders wichtig? Was sollte an erster Stelle stehen, damit das Nächste sich wie von selbst hinzufügen kann? Lenken Sie Ihren Fokus auf das was Sie wollen, anstatt darauf, wovor Sie Angst haben oder was Sie versuchen zu vermeiden! Was wäre Ihr ideales Leben? Halten Sie schriftlich fest, was Ihnen besonders wichtig ist und worauf sie auf gar keinen Fall verzichten möchten.

Definieren Sie zunächst persönliche und danach gemeinsame Prioritäten in den Lebensbereichen Karriere, Familie, Freunde, Paarbeziehung, Körper und Freizeit

6. Grenzen setzen

Lernen Sie „Nein“ zu sagen und zu delegieren. Besonders Menschen denen es Schwierigkeiten bereitet auch mal nein zu sagen, brauchen persönliche Grenzen, hinter denen bewusst Zeit für sie selbst steht. Eine Reinigungskraft oder einen Babysitter zu engagieren kann Sie dabei unterstützen, eine liebevollere Mutter und entspanntere Partnerin zu sein. Widerstehen Sie unbedingt dem Drang alles selber machen zu müssen. Auch wenn Sie es selbst am besten können und der Meinung sind, niemand gibt die hundert Prozent wie sie: Das Leben ist ein Marathon - und kein Sprint! Wenn Sie sich heute komplett verausgaben und Ihnen morgen deshalb die Puste ausgeht, nützen Ihnen Ihre hundert Prozent nichts mehr.


7. Planung und Struktur

Tragen Sie sich für alle Ihre Prioritäten und Lebensbereiche fixe Zeiträume und Termine ein. Warten Sie nicht darauf, dass sich jemand anderer um Ihre Bedürfnisse bemüht, die Welt sich nach Ihnen richtet oder die verfügbare Zeit von allein plötzlich mehr wird. Ihren perfekten Tag werden Sie nicht tagtäglich haben können, aber Sie können den Zeitrahmen ausdehnen und jene Elemente, die Ihnen besonders wichtig sind, über mehrere Tage oder Wochen bewusst verteilen.

Wir bekommen im Alltag nur das, worauf wir bewusst Wert legen und als Priorität festsetzen, für den Rest finden wir Ausreden!


8. Wer ist wo der Kapitän?

Sprechen Sie mit Ihrem Partner darüber, wer wofür verantwortlich ist, seien Sie aber im Umgang mit diesen flexibel. Schreiben Sie Ihrem Partner nicht vor, wie er seinen Teil der Aufgaben zu erledigen hat, sondern lassen Sie diesen eigene Erfahrungen machen.


9. Belohnen Sie sich mit Auszeiten

- Erinnern Sie sich an den Anfang zurück, an die Zeit, in der Sie mitten in der Nacht gemeinsam duschen gingen, öfter mal ausgingen, stundenlang telefoniert haben und am Wohnzimmerboden gemeinsam gekichert haben …

- Begehren und permanente Verantwortung können einander nicht gut leiden!

- Lassen Sie den braven Papi, die tolle Mami hin und wieder mal bewusst vor der Haustür stehen und begegnen Sie Ihrem Liebsten so wie am Anfang der Beziehung, jenseits aller Vorschriften und geplanten Kalenderzeiten.

- Geben Sie sich gegenseitig - zumindest einmal im Monat - frei von Verantwortungen und Verpflichtungen, damit jeder auch Zeit für sich hat. Und organisieren Sie mindestens zweimal pro Monat ein Kindermädchen, damit Sie zusammen ausgehen können.

- Bringen Sie Ihrem Nachwuchs bei, dass Mami und Papi an erster Stelle stehen und Ihr Leben bewusst genießen wollen. Kinder gibt es, weil es die Eltern gibt - nicht umgekehrt. Kinder fühlen sich wohl, wenn ihre Eltern glücklich sind und lernen so, wie Beziehung - trotz eines verantwortungsvollen Drumherums - harmonisch und repektvoll gelebt werden kann.

Dominik Borde ist Beziehungscoach für Singles und Paare und Gründer von Sozialdynamik in Wien.



 

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