Wenn Männer beim Sex nicht kommen können

Ein Bettgespiele, der immer kann (und das stundenlang), gilt als Jackpot. Aber was, wenn er nie kommt?

Ein Bettgespiele, der immer kann (und das stundenlang), gilt als Jackpot. Anja hat so ein Exemplar als Freund. Er verwöhnt sie oft die ganze Nacht. Aber trotz zahlloser Orgasmen ist sie frustriert. Denn ihr Liebster kommt nie beim gemeinsamen Sex, sondern nur allein. Diagnose: „Ejaculatio retarda“ – die dritthäufigste sexuelle Störung bei Männern.

„In manchen Nächten bin ich schon ganz wund“


Anja hat ein Problem, das sich andere Frauen wünschen: Ihr Liebster ist äußerst ausdauernd, wenn es um Sex geht. Keine schnellen Rammel-Nummern, er kann stundenlang – von vorne und hinten, auf und unter ihr, mit und ohne Sextoys. In einer einzigen Nacht hat Anja oft mehr Orgasmen als andere in einem ganzen Monat.

Trotzdem fühlt sich die 31-Jährige alles andere als befriedigt. Sie leidet – körperlich („In manchen Nächten bin ich schon ganz wund“), aber vor allem seelisch. Denn während sie die Gipfel der Lust erklimmt, bleibt Jochen (34) im Tal. „Egal, wie schön der Sex auch ist: Er kommt einfach nicht.“

Steher-Qualitäten


Jochen hat etwas, was Experten „Ejaculatio retarda“ nennen. Das heißt, der Mann ist im Bett sexuell erregt und hat keine Potenzprobleme. Er kann „kommen“ – allerdings tut er das meist nur bei der Selbstbefriedigung. Beim Koitus oder Oralsex mit (s)einer Partnerin schafft er es nur sehr selten zum Orgasmus. Und wenn, dann oft erst nach Stunden.

Für Anja war das anfangs kein Problem. Als sie Jochen vor knapp vier Jahren kennen und lieben lernte, hat sie ihren Freundinnen noch stolz von seinen Steher-Qualitäten berichtet. Und die Mädelsrunde war richtig neidisch. Ein Mann, der sich und seinen Orgasmus nicht so wichtig nimmt, sondern sich voll und ganz ihrer Befriedigung widmet ... ein Traum.

"Bin ich nicht gut genug?"


Das Ganze entwickelte sich allerdings nach wenigen Monaten immer mehr zu einem Alptraum: „Erst habe ich mir eingeredet, ein Orgasmus sei nicht so wichtig. Aber weil Jochen beim Sex halt so extrem selten kommt, hab ich natürlich begonnen, mich zu fragen, ob ich im Bett etwas falsch mache oder sexuell nicht attraktiv genug für ihn bin. Dass ein Mann auch nach intensivem Vorspiel und zwei Stunden wildem Sex keinen Orgasmus hat, so was habe ich zuvor noch nie erlebt“, erzählt sie. „Da fühlt man sich im Bett ganz schön einsam.“

Immer und immer wieder hat ihr Jochen versichert, dass es nicht an ihr liege. Dass er den Geschlechtsverkehr mit ihr wirklich genieße. Doch Anja kann ihm nicht so recht glauben. Vor allem, nachdem sie ihn unter der Dusche beim Masturbieren erwischt hat – und da kam er so schnell, als wär’s auf Knopfdruck. „Als ich sah, dass er durchaus zu einem (schnellen) Orgasmus fähig ist, also keine körperlichen Gründe dagegen sprechen, kam ich mir betrogen und wie eine Versagerin vor. Mein sexuelles Selbstbewusstsein war im Keller.“

In den Tagen danach blockte sie Jochens Annäherungsversuche ab. „Er litt. Doch ich fürchtete mich vor dem nächsten Sex ohne Höhepunkt, der für mich eine weitere Demütigung gewesen wäre.“

"Für mich ist es nichts Neues, dass ich beim Geschlechtsverkehr nicht oder nur schwer komme"


Jochen konnte Anjas Zurückweisung anfänglich nur schwer verstehen. „Für mich ist es nichts Neues, dass ich beim Geschlechtsverkehr nicht oder nur schwer komme. Das ist schon seit Jahren so. Ich bin erregt, aber es reicht halt nie ganz.“ Dass das nicht „normal“ sei, wisse er. Aber was ist schon normal? „Man liest ja überall, dass Männer sonst immer zu früh kommen und ihre Partnerin nicht befriedigen – das ist auch nicht erstrebenswert, oder? Und jeder, dem ich bislang von meinem, Problem‘ berichtet habe, hat eher neidisch als bedauernd reagiert.“

In seinen früheren Beziehungen hat sich der 34-Jährige immer gut mit seinem Nicht-Orgasmus arrangieren können. Er empfand seine Sexualität trotzdem als befriedigend: „Ich hab viel daraus gezogen, meinen Partnerinnen nahe und ihnen ein guter Liebhaber zu sein.“ Mittlerweile aber genügt ihm das selbst nicht mehr. Denn Anja ist nicht nur die erste Frau, mit der er länger als ein paar Monate liiert ist. Sie ist auch The One. Die, die er heiraten will und mit der er Kinder haben möchte. Und dafür braucht’s nun einmal einen koitalen Samenerguss. „Ich kann gar nicht erzählen, was wir dafür schon alles angestellt haben ... “, erinnert sich Jochen. „Irgendwann hat der Sex dann auch gar keinen Spaß mehr gemacht, sondern war nur noch ein Beobachten jeder noch so kleinen Erregung. Ich hab teilweise gar keinen mehr hochbekommen und Anja wurde oft nicht mehr feucht, weil der Druck so groß war.“

„Das war’s. Ich möchte eine Familie."


Anja und Jochen haben’s mit Abstinenz versucht. Ein paar Wochen Luststau, und es müsste auf der erotischen Autobahn doch schnell ans Ziel gehen – so der Plan. Doch als sie es nach ein paar Wochen bei Kerzenschein in einem Romantikhotel wieder miteinander versuchten, kam wieder nichts. Oder besser: Nur Anja kam. Und sie beschloss danach: „Das war’s. Ich möchte eine Familie. Und es mag blöd klingen: Ich will auch einen Mann, der mir durch seinen Höhepunkt zeigt, dass er mich begehrt.“

Mit der Partnerschaft derart auf der Kippe, ging Jochen endlich zu einem Urologen. Doch bei einem blieb es nicht. Eine Ärzte-Odyssee folgte. Denn körperlich fehlte dem Banker nichts. Im Internet stolperte er schließlich über einen Artikel. „Mir war sofort klar. Das ist es.“ Die Beziehung leidet, weil Jochen leidet – an Ejaculatio retarda.

Ein junges Problem


Der 34-Jährige ist kein Einzelfall. Nach frühzeitigem Samenerguss und Impotenz ist das „Nicht oder nur schwer kommen können beim Koitus“ das dritthäufigste Sexproblem bei Männern: „Wie viele tatsächlich davon betroffen sind, weiß man nicht genau. Die Studien zum Thema sind uralt. Außerdem suchen nur wenige Paare Hilfe. Sexuelle Probleme sind leider noch immer etwas, worüber man sich auch mit einem Arzt nicht zu sprechen traut“, sagt US-Sexualmediziner Joseph Marzucco, einer der wenigen Experten in Sachen Ejaculatio retarda. Er schätzt aus seiner Praxiserfahrung, dass zehn bis 15 Prozent aller Männer dauerhaft oder zumindest eine Zeit lang darunter leiden. Tendenz steigend – besonders unter jungen Männern.

Spezialisten haben herausgefunden, dass Pornos etwas damit zu tun haben können. Die ständige Verfügbarkeit von (harter) Pornografie im Fernsehen und im Internet spiele eine nicht unwesentliche Rolle. „Gerade junge Männer, die keine oder wenig sexuelle Erfahrung haben, lernen, wie einfach und befriedigend es ist, zu Pornos zu masturbieren. Später haben sie dann oft Schwierigkeiten beim Sex mit einer Partnerin. Die Stimulation beim Koitus fühlt sich einfach anders an als die manuelle, die sie kennen und gut finden. Und dazu kommt: Kaum eine Frau benimmt sich im Bett wie ein Pornostar. Das verwirrt und löst Stress und Ängste aus, was möglicherweise das Erregungsniveau nie genug steigen lässt, um zu kommen“, weiß Marzucco.

Die Porno-Masturbation


Oft beginne hier ein Teufelskreis: Porno-Masturbation wird plötzlich zwischenmenschlichen Erfahrungen vorgezogen. Weil letztere als stressig empfunden werden. „Und je länger dieses Umgehungsverhalten dauert, desto schwerer wird es, die Ejaculatio retarda wieder loszuwerden.“

Porno oder Psycho? Jochen hat nie gern Pornos geschaut. Woran es bei ihm liegt, war auch für den Psychotherapeuten, den er aufgesucht hat, nicht leicht zu bestimmen. Denn die Ursachen für Ejaculatio retarda sind nicht nur vielfältig, sondern auch höchst individuell. Können physische Gründe wie Diabetes, Alkoholmissbrauch, Prostataprobleme, Nervenerkrankungen oder die Einnahme von Betablockern oder Antidepressiva ausgeschlossen werden, sind meist Existenz-Sorgen, Depressionen, Performance-Angst oder psychische Blockaden schuld. „Abgesehen von latenter Homosexualität und Traumata wie sexuellem Missbrauch rührt Ejaculatio retarda oft aus der Angst heraus, eine Frau ungewollt zu schwängern. Sie kann auch auf eine strikte (religiöse) Erziehung zurückzuführen sein, in der die Frau als Heilige und Mutter, sexuell nicht beschmutzt werden darf‘ oder aber die Vagina als etwas Schmutziges dargestellt wurde“, weiß Dr. David Delvin. Er hat auch festgestellt, dass die Betroffenen vielfach sehr erfolgreiche, aber auch sehr kontrollierte Persönlichkeiten sind – Männer, denen es schwerfällt, loszulassen, auch ihren Samen.

„Ein Jahr kann es schon dauern.“


Zu Fortpflanzungsmediziner Delvin kommen Paare, weil sie als einzige Möglichkeit zur Zeugung von Nachwuchs nur mehr die künstliche Befruchtung sehen. Ihnen rät er zu einer Psychotherapie, bevor sie sich der kostspieligen Behandlung unterziehen. „Leider ist die Ejaculatio retarda, selbst wenn man ihre Ursachen kennt, nicht leicht zu behandeln“, weiß Dr. Delvin. „In nur 58 Prozent der Fälle, die ich kenne, ist wirklich eine signifikante Verbesserung eingetreten.“

Sein Ansatz neben der Psychotherapie: sexuelle Übungen, bei der die Frau schrittweise in die Masturbation eingebunden wird – erst räumlich, dann persönlich –, bis der Mann sich irgendwann kurz vor dem Höhepunkt mit ihr vereinigen kann. Delvin gibt zu, dass das Übung, Ausdauer und vor allem Zeit braucht. „Ein Jahr kann es schon dauern.“

Eine Pille gegen Ejaculatio retarda wurde noch nicht erfunden. Gäbe es eine, Jochen würde sie sofort schlucken, um Anja nicht zu verlieren: „Ich habe in der Therapie zwar herausgefunden, was mich daran hindert, in ihr zu kommen und ein Baby zu zeugen. Doch bis ich in der Lage sein werde, es auch zu tun, dauert es.“ Sein wichtigstes Ziel ist es, sich wieder in Einklang zu bringen. Bislang hat ihm sein Körper durch eine Erektion vorgegaukelt, er sei bereit für den Sex. Doch sein Kopf wusste es besser. „Ich bin ein Perfektionist. In meinem Kopf hat sich der Gedanke manifestiert, dass ich erst dann ALLES geben kann, wenn auch ALLES passt. Und dazu war ich bis jetzt anscheinend unbewusst nicht bereit. Also habe ich immer etwas an der sexuellen Situation gefunden, was mich so stört, dass ich mich nicht ganz hingeben kann.“ Das Licht. Die Unterwäsche. Die kratzige Decke. Das quietschende Bett ...

„Ich weiß mittlerweile: Ich will unbedingt eine Familie mit Anja. Und davon werde ich mich durch nichts ablenken lassen“, sagt Jochen. Anja und er arbeiten sich langsam vor. „Mittlerweile kommt er immer, wenn ich ihn oral befriedige“, sagt sie. „Und irgendwann werden wir ein Baby machen ...“

 

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