Wenn Mama Papa nix zutraut

Väter sollen Engagement zeigen und Kinder betreuen. Was aber, wenn Mütter das gar nicht zulassen - aus Angst, Machtanspruch oder wegen der Hormone? Wir haben bei Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert nachgefragt, was es mit dem Mutterinstinkt wirklich auf sich hat.

Väter, tut was! Laut schreit die Gesellschaft, wenn es um Kinderbetreuung durch Väter geht. Aber sind nicht jene, die das einfordern, manchmal auch jene, die es verhindern - die Mütter? Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert hat diese Frage im Zuge einer internationalen Studie mit 3.500 Eltern erforscht. Ein Gespräch über Mutterinstinkt und Väterhormone.


WIENERIN: "Lasst die Väter ran!" Das hört man immer wieder. Aber was, wenn Mütter das verhindern, weil sie den Vätern zu wenig zutrauen?

Lieselotte Ahnert: In der Wissenschaft nennen wir das Phänomen "Gatekeeping". Es ist ein Verhalten, das von Frauen in der Evolution gelernt wurde und wohl auch mit den hormonellen Veränderungen nach einer Geburt zu tun hat. Das Bindungsmuster zwischen Müttern und Kindern ist eben ausgerichtet, um das Überleben des unreifen Kindes zu sichern. Aber auch der Mann verändert seinen Hormonstatus, das hat eine australische Studie klar belegt. Auch der Vater wird fürsorglicher, stellt sich auf Betreuung ein; er produziert etwa weniger Testosteron.

Es gibt einen Elterninstinkt, der von beiden Geschlechtern unterschiedlich ausgefüllt wird - dass Mütter ihn so stark leben, hat schon mit der gesellschaftlich gelernten Rolle zu tun.
Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert



Gibt es dann also einen Mutterinstinkt, oder ist das vielmehr ein Elterninstinkt?

Ich würde sagen, es gibt einen Elterninstinkt, der von beiden Geschlechtern unterschiedlich ausgefüllt wird - dass Mütter ihn so stark leben, hat schon mit der gesellschaftlich gelernten Rolle zu tun. Unsere Studien hier haben gezeigt, dass das Gatekeeping vor allem bei "Single Earners" zutrifft. Diese Paare leben eine traditionelle Struktur: Er bringt das Geld nach Hause, sie übernimmt die Kinderbetreuung und bezieht ihren sozialen Status aus dieser Tätigkeit. Bei den "Double Earners" gehen beide arbeiten, aber nur des Geldes wegen. Oft hat hier der Mann die höhere berufliche Funktion; das Gatekeeping ist ähnlich den "Single Earners", wenn auch nicht so stark. Nur die dritte Gruppe unterscheidet sich: Das sind die "Double-Career-Paare". Hier wollen beide aktiv am Arbeitsmarkt teilnehmen, sehen sich selbst in einem größeren gesellschaftlichen Kontext und begegnen sich in der Kindererziehung auf Augenhöhe. Hier geht es den Müttern darum, auch andere soziale Ansprüche mit jenen der Mutterschaft zu verbinden, und den Männern geht es um eine aktive Vaterrolle. Diese Väter berichten aber auch über mehr Stress als jene in traditionellen Rollen.


"Gatekeeping heißt, dass Mütter Väter nicht ranlassen"

Oft machen sich Paare einen gleichberechtigten Betreuungsstil aus, um kurz nach der Geburt doch in einem konservativen Modell zu landen. Was passiert da?

Die Geburt eines Kindes ist erst einmal für alle Paare eine Überforderung, die man so nicht planen kann. Was wir zudem festgestellt haben, ist aber, dass - sobald das Kind ein bisschen von der Norm abweicht, also ein herausforderndes Temperament hat oder vielleicht sogar ein Frühchen ist - das Paar oft wie in einer Notsituation reagiert und dann leichter in bekannte Rollenmodelle zurückfällt. Bei Vätern war die Beobachtung zudem, dass ein früh geborener Sohn starke Verunsicherung ausgelöst hat - im gesamten Umgang. Bei Mädchen war das nicht so.


Bürden sich Eltern vielleicht generell zu viel Perfektionismus auf beim "Projekt Kind"?

Ich sehe immer wieder, dass Eltern so ein riesengroßes Fernziel im Auge haben, um das Kind besonders gut zu betreuen, auch weil Kinder so einen enormen Stellenwert bekommen haben. Und man will als Paar das Beste für das Kind herausholen, und wenn es schon mit einem Problem zur Welt kommt und eben nicht so robust ist oder nicht gleich durchschläft, dann füllt sich der Sorgenkatalog. Und zum ganzen Stress gibt es noch die vielen Ratschläge, die sich oftmals widersprechen.

Beobachtungen haben gezeigt, dass Väter und Mütter kaum Unterschiede zeigen, wenn es darum geht, ein Bilderbuch anzuschauen oder zu toben.
Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert



Stimmt es wirklich, dass Väter ihre Kinder eher ermutigen, etwas Neues zu probieren, während Mütter sie immer bremsen? Nach dem Motto: "Pass auf, dass du nicht runterfällst!" versus "Schau, dass du gut raufkommst!"?

Beobachtungen haben gezeigt, dass Väter und Mütter kaum Unterschiede zeigen, wenn es darum geht, ein Bilderbuch anzuschauen oder zu toben. Aber es gibt auch Beobachtungen, aus denen hervorgeht, dass Väter ihre Kinder zu Abenteuern anstiften, ihnen dann aber auch helfen, unerwartete Situationen zu bewältigen. Ein interessantes Experiment zum Thema Unterschiede haben wir mit der "Frustrationsbox" gemacht. Darin verschwand ein Teddybär. Die Wände waren aus Glas, man sah den Teddy, aber es gab keine Chance, ihn rauszuholen. Das Kind begann zu weinen. Mütter trösteten vielfach, waren sehr empathisch. Väter hingegen ließen sich oft eine Geschichte einfallen, die alles in einem anderen Licht darstellte, sagten dem Kind, dass der Teddy eigentlich schlafen wolle und sie sich jetzt leise verabschieden müssten.


Es gibt den Spruch "Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf". Ist er richtig?

In den 1990er-Jahren hat eine Studie dazu bei einem Pygmäenstamm in Zentralafrika für Aufruhr gesorgt. Die Frage war: Wie viele unterschiedliche Betreuungspersonen kann ein Neugeborenes überhaupt verkraften, um auch später sozial angepasst zu sein? Raus kam: Diese Babys erleben in der Stunde bis zu 15 verschiedene Erwachsene, weil das Kind ständig herumgereicht wird. Und obwohl die Mutter nur 50 Prozent der Zeit das Kind selbst hat, reicht das für das Baby, um zu wissen: Aha, das ist die eine! Auf Lebensrealitäten bei uns könnte das so uminterpretiert werden: Mütter, lasst auch mal andere ran! Neben den Großeltern und nicht verwandten Betreuungspersonen sind vor allem Väter gefragt.

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