Wenn Liebe fremdgeht

Nina tut es, Roman auch. Und damit gehören sie zu 50 Prozent aller Liierten, die fremdgehen. Warum inzwischen jede(r) Zweite untreu ist? Versuch einer Erklärung.

Eigentlich liebe ich meinen Mann", sagt sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihm, ehe sie sich die Kleider vom Leib reißen lässt. Der Schauplatz: eine leer stehende Wohnung, die als Atelier benützt wird. Und seit kurzem auch für verbotenen Sex.

Nina ist Mutter eines dreijährigen Sohnes und seit fünf Jahren verheiratet -glücklich ist sie aber mit einem anderen, wenn auch nur auf Zeit. Und damit gehört sie zu jenen 50 Prozent, die laut Statistik in einer Beziehung fremdgehen -Frauen wie Männer.

Szenenwechsel: Roman versucht gerade in einer Bar eine Frau aufzureißen. Meistens hat der attraktive Manager damit Erfolg. Der Haken an der Geschichte: Er lebt seit drei Jahren in einer glücklichen Beziehung. Doch seit einem Jahr trifft er sich gelegentlich auch mit anderen Frauen - zum Sex und ganz unverbindlich! "Ich brauche es von Zeit zu Zeit, um mich zu spüren. Es ist wie ein animalischer Trieb, dem ich folgen muss!", gesteht der 39-Jährige. "Alle Männer, die ich kenne, ticken so: Auch wenn sie Partnerinnen haben, müssen sie noch weiter auf die Jagd gehen!"

Das Bild ist verzerrt: Obwohl, so sagt es eine Umfrage, für die meisten Treue das oberste Gebot in der Beziehung ist, lässt sich dennoch die Hälfte der ÖsterreicherInnen auf außereheliche Abenteuer ein. Warum? Ist der Partnertausch ein natürlicher Urinstinkt und biologisch vorprogrammiert?

Wolfgang Krüger ging als erfahrener Paartherapeut und Autor des Ratgebers Das Geheimnis der Treue dieser Frage eingehend nach und fand einige Antworten darauf, warum Menschen untreu werden und wie sie treu bleiben können. "Ich arbeite nun seit 30 Jahren in diesem Beruf und ich kann Ihnen nach all den Sitzungen und meiner Recherche zum Thema eines bescheinigen: Ja, es stimmt -50 Prozent aller Liierten sind untreu, aber die anderen 50 dafür nicht! Es ist also möglich, treu zu bleiben -auch lebenslang!", sagt er.

"Dafür braucht es allerdings zwei wichtige Parameter: Sozialkompetenz auf der einen Seite -sprich, man muss in der Lage sein, auf seinen Partner einzugehen, ihm zuzuhören und mit ihm zu reden. Auf der anderen Seite braucht es ein gesundes und starkes Ego, um seine eigenen Bedürfnisse zu kennen und sie durchzusetzen. Eine gute, monogame Ehe muss einen Ausgleich aus beiden bilden." Er geht sogar noch einen Schritt weiter: "Es gab Untersuchungen in England, in denen man festgestellt hat, dass treue Menschen intelligenter sind -vor allem emotional! Das heißt: Wenn es mal in einer Ehe schwierig wird, muss man in der Lage sein, Wege aus dieser Krise herauszufinden, ohne gleich fremd zu gehen", so der Autor. "Das funktioniert aber nur dann, wenn sich die Treue lohnt! Und dazu gehört auch eine gute Erotik in der Partnerschaft. Ich muss innerhalb meiner eigenen Ehe ein Sexualleben schaffen, das so lebendig ist, dass mir nichts fehlt und ich auf nichts verzichten muss!"

Die schlechte Nachricht: Nur 50 Prozent gelingt das, der Rest geht fremd. Vielleicht weil eben nicht immer Sex allein der Grund ist. Nina und Roman haben jedenfalls beide, wie sie selbst berichten, richtig guten Sex in ihren Partnerschaften, dennoch haben sie Affären.

"Wer treu ist, ist emotional intelligenter, weil er Krisen besser durchstehen kann!"

Wo fängt Untreue an? Die 3 Seitensprung-Typen

Zwischen Flirten und Untreue liegt ein schmaler Grat: "Untreue ist das, was ich dem Partner nicht erzählen darf! Man kann schon im Geiste mit jemandem fremdgehen, indem man ständig an ihn denkt!", definiert Krüger. Für ihn gibt es drei Seitensprungtypen:

1. Der narzisstische Seitensprung. Beim narzisstischen Seitensprung wollen sich Männer (in wenigen Fällen auch Frauen) durch Sex bestätigen. Marke: "Ich bin ein toller Hecht!" Zu dieser Kategorie zählt auch Roman. "Mit einem solchen Partner hat man wenig Chancen auf Monogamie", so Krüger. "Das hat aber mit der Partnerschaft, dem Leben und der Sexualität überhaupt nichts zu tun. Das sind oft schillernde Persönlichkeiten, die immer unter einem hohen Leistungsdruck stehen und anziehend auf das andere Geschlecht wirken. John F. Kennedy war zum Beispiel ein klassischer narzisstischer Fremdgeher!", weiß der Experte.

2. Angst vor Nähe. Es gibt Menschen, die Angst vor Nähe haben und gerade dann, wenn die Beziehung ernst wird, fremdgehen, um sich abzugrenzen. "Das geht mit unsicheren Lebensverhältnissen und Vertrauensmangel einher - und das kann man therapieren!", so der Profi.

3. Die unglückliche Ehe. Im alltäglichen Trott, besonders wenn Kinder kommen, bleibt nicht nur die Sexualität auf der Strecke. Auch gemeinsame Gespräche, qualitative Zeit und Freude am Partner gehen zurück. Genau dann geht einer häufig fremd. Für den Paartherapeuten ist die Affäre -wie im Fall von Nina -aber keine Lösung aus der Ehekrise, sondern "ihr Todesstoß". In zwei Drittel aller Fälle scheitert die Ehe am Ehebruch.

Frauen gehen zwar im Gegensatz zu Männern beim Fremdgehen subtiler vor, doch das Doppelleben und die Tatsache, "nachts neben dem Ehemann zu liegen und an den Geliebten zu denken", zerreißt sie. Daher beenden Frauen oft schon kurz danach die Beziehung -zum Geliebten oder Partner. Männer können hingegen beide Welten besser und länger trennen: "Im Heim wartet die Ehefrau und im Bett die Geliebte!"

Die Kränkung sitzt bei beiden Geschlechtern gleich tief: "Wir wollen in einer Liebesbeziehung eine gewisse Exklusivität beanspruchen - auch im erotischen Sinne", so Krüger. Dass man auch trotz Beziehung einem anderen nahe kommen will, weil die Anziehung so groß ist, ist verständlich. Aber der Preis ist eben hoch.

"Treue muss sich lohnen. Dazu gehört auch eine gute Erotik in der Beziehung."

GESTÄNDNIS: Sie geht fremd

Nina, 36, selbstständig, seit fünf Jahren verheiratet und Mutter eines 3-jährigen Sohnes, hat seit einem halben Jahr eine Affäre.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals zu diesen Frauen gehören würde: zu denen, die ihre Männer betrügen. Aber ich tue es! Ich lebe seit ungefähr sieben Jahren mit meinem Mann in einer Beziehung, seit fünf davon verheiratet. Es war eine Liebeshochzeit und mein Sohn das Resultat unserer Liebe. Doch irgendwann kam die Ernüchterung: Das soll es gewesen sein? Ich liebe meinen Mann noch und könnte mir keinen besseren Vater für meinen Sohn vorstellen. Aber als Ehefrau komme ich zu kurz: Mein Mann sieht mich nicht mehr -wir teilen uns lediglich die Agenden des Alltags und unseres Sohnes. Wir haben zwar gelegentlich Sex, ziemlich guten sogar, aber es gibt keine Berührungen im Alltag, keine Zärtlichkeiten, kein Funkeln mehr in den Augen, wenn er zur Tür reinkommt. Ich habe alles versucht, doch er weicht mir ständig aus. Ich wollte mich sogar trennen, aber ich könnte das meinem Sohn nicht antun. Ich bin zwiegespalten: Auch wenn ich meinen Mann noch liebe, er gibt mir nicht die Liebe, wie ich sie brauche. Dann kam die Affäre: Wir lernten uns bei einem Geschäftstermin kennen. Ich verspürte sofort ein Kribbeln im Bauch und das Bedürfnis, ihn zu küssen. Ich hätte nicht mehr gedacht, dass ich so etwas mit jemand anderem erleben werde. Nach einigen Geschäftstreffen landeten wir nach langem Hinauszögern schließlich im Bett -der Sex ist atemberaubend! Ich weiß nicht, ob ich mit ihm zusammenleben könnte, aber ich bin süchtig nach ihm. Es ist zermürbend zwischen zwei Welten gefangen zu sein und ständig ein schlechtes Gewissen zu haben."

GESTÄNDNIS Er geht fremd

Roman, 39, lebt seit drei Jahren in einer glücklichen Liebesbeziehung und geht seit einem Jahr fremd.

"Ich lebe seit drei Jahren in einer glücklichen Beziehung. Seit einem Jahr gehe ich fremd -nicht regelmäßig, weil ich es unterdrücke. Es ist aber ein körperlicher, animalischer Trieb, den ich leider von Zeit zu Zeit befriedigen muss. Mir fehlt eigentlich nichts in meiner Beziehung -ich liebe meine Partnerin und bin glücklich mit ihr! Doch wenn ich eine ansprechende Frau sehe, dann möchte ich sie instinktiv haben. Dieser körperliche Kontakt hat überhaupt keinen Stellenwert für die Beziehung und ich kann das voneinander trennen. Der Großteil der Männer ist so aufgestellt, dass er andere Frauen ,jagen' und haben muss -in meinem Freundeskreis eigentlich alle! Wir wissen, dass es sich nicht gehört. Die Frauen machen es aber auch. Sie haben nur andere Beweggründe. Beim Mann ist es die Lust -da reicht auch nur ein kurzer Aufriss und eine halbe Stunde körperlicher Exzess. Möglichst zwanglos. Frauen hingegen beginnen meiner Erfahrung nach richtige Affären und sind in ihren Beziehungen großteils nicht happy. Sie holen sich Bestätigung von außen, die sie -aus einem Defizit heraus -vom eigenen Partner nicht kriegen. Ich selbst kann mir zwar vorstellen, mit ,nur' einer Frau (sexuell) zusammen zu sein, aber der Gedanke gefällt mir nicht. Klar habe ich ein schlechtes Gewissen dabei. Doch wenn ich nicht fremdgehen würde, glaube ich, müsste ich meine Beziehung früher oder später beenden. Ich wachse nach dem Betrug eher mit meiner Partnerin zusammen, weil ich weiß, wo ich hingehöre. Ewige Treue wäre ein Zwang, den ich mir auferlegen und wofür ich ein großes Opfer bringen müsste. Wahrscheinlich bin ich für das Konzept Ehe und Treue nicht geschaffen."

 

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