Wenn Lehrerinnen vor ihren Schülern nirgends sicher sind

Lehrerinnen sind wie Stars. Manchmal. Auf jeden Fall, wenn sie unterwegs sind. Kolumnistin Ursula Neubauer über das Nichtprivatleben ihrer Lehrerinnenfreundin.

Lieber ducken!

„Oh nein.“ Der Gesichtsausdruck meiner Freundin K. verändert sich von: Juhu-wir-plaudern-entspannt-beim-Frühlingsabend-Spritzer zu: Bäh-mir-is-grad-eine-Laus-über-die-Leber-gelaufen.

Die Laus sind eigentlich Läuse. Sie sind ca. 17 Jahre alt und setzen sich an den Nebentisch. „Nirgends bist du vor ihnen sicher“, zieht K. ein Schnoferl und grüßt die Lausgruppe säuerlich lächelnd. Sofort dreht sie sich wieder zu mir. Sinkt im Stuhl ein bisschen ein. Dass man sich an unserem Tisch über ihre Anwesenheit nicht so richtig freut, merkt die Lauspartie nicht.

„7B“, sagt K. und fokussiert sich auf ihr Röhrl im Glas. „Hast du die?“, frag ich. „Jaaaaaa“, seufzt K. „Und sie sind eh lieb, aber die müssen ja auch nicht hören, worüber wir hier reden. Als Lehrerin hast echt nie frei, bist nie privat, letztens hab ich welche beim Fortgehen getroffen, am Flughafen, sie sind einfach überall. Du musst sogar überlegen, in welcher Drogerie du die Tampons kaufst, wenn du nicht willst, dass die ganze Schule weiß, was du benutzt.“

Ich hätte gerne, dass man sie nach einem gemeinsamen Selfie fragt!

K. kommt mir grad vor wie ein Mega-Superstar, der nicht auf der Straße unterwegs sein kann, ohne erkannt und angesprochen zu werden. Bei dem Gedanken schau ich sie fast bewundernd an. Und ich warte drauf, dass sie nach gemeinsamen Selfies gefragt wird. Findet sie alles nicht annähernd so lustig wie ich. Versteh ich.

K. fühlt sich beobachtet, und tatsächlich beobachten die Läuse, was sie tut, was sie trinkt, wie sie sich verhält. Das beobachte ich wiederum genau. Der Abend wird grad nicht lockerer. Vorbild-sein-wollen oder Vorbild-sein-sollen ist halt wirklich ein 24-Stunden-Job. Ganz schön anstrengend.

Aber auch irgendwie lässig. Und eine Ehre, oder? Und ich überleg: Was wär, wenn jede oder jeder von uns ein Vorbild für irgendwen wär? Ist nämlich wahrscheinlich auch so. Also versuche ich mich in die Megastar-Vorbildrolle zu fühlen und bitte den Kellner vorbildtauglich-freundlichst um die Rechnung. Würdet ihr als Vorbild taugen? Würde ich als Vorbild taugen? Ich beobachte das jetzt mal weiter …

WIENERIN-Autorin Ursula Neubauer hat selbst mal unterrichtet. Aber nur kurz. Der Lehrberuf war nix für sie. Das Thema Schule begleitet sie aber nach wie vor dank vieler Lehrerinnenfreundinnen. In dieser Kolumne schreibt sie über Erlebnisse zwischen Lehrer- und Nichtlehrermenschen und den ganz normalen Schulwahn(sinn).

 

Aktuell