"Wenn ich noch einen Kinderwunsch habe, würde ich Corona auf keinen Fall bekommen wollen"

Prof. Dr. Heinz Strohmer ist der Ärztliche Leiter des Kinderwunschzentrums in Wien und kennt die Bedenken, die Frauen mit Kinderwunsch wegen der Covid-Impfung haben. Für uns klärt er die wichtigsten Fehlinformationen und Mythen auf.

"Die Corona-Erkrankung führt zu mehr Beeinträchtigungen der männlichen und weiblichen Fruchtbarkeit als es eine Impfung tut."

Fangen wir gleich mal mit der wichtigsten Frage an: Macht die Corona-Impfung unfruchtbar?

Prof. Dr. Heinz Strohmer: Nein. Die ersten Daten, die wir dazu haben, sind aus den Zulassungsstudien selbst. Diese Impfungen sind natürlich an zigtausenden Menschen getestet worden. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Schwangerschaftsraten der Frauen beider Gruppen gleich waren. Das heißt, es sind genauso viele Frauen schwanger geworden, die die Impfung bekommen haben wie jene, die die Impfung nicht bekommen haben. Das ist eine wichtige Aussage. Und auch der Schwangerschaftsverlauf war bei den Frauen mit Impfung genauso wie bei denen ohne. Es hat hier keine Unterschiede gegeben.

Wie funktioniert der Impfstoff?

Vielleicht wichtiger ist die Frage: Wie funktioniert ein Virus? Dieses muss Kontakt zu einer Zelle herstellen. Das Virus verwendet dafür an der Oberfläche Proteine und arbeitet nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Die spitzenartige Proteine an der Oberfläche des Covid-Virus, sie heißen Spike-Proteine, sind der Schlüssel und an der menschlichen Zelle ist der Rezeptor, das ist das Schloss. Jedes Protein geht nur in das Schloss hinein, für das es gemacht ist. So wird das Virus dann in die Zelle eingeschleust.

Durch die Impfung entstehen im Blut des Menschen Millionen von Spike-Proteinen - aber ohne das Virus. Dann merkt der Körper: Das ist ein fremdes Protein, gegen das bilde ich entsprechende Antikörper, das sind Abwehrstoffe. Das heißt, man bringt dem Körper bei: Dieses sonderbare Protein gehört nicht zu dir, bilde in Ruhe diese Antikörper. Wenn das Virus dann in den Körper eintritt, dann ist der Körper schon geschult und sagt: Das Protein kenn ich, darauf hat man mich vor Wochen oder Monaten eingeschult. Und dann stürzen sich die Antikörper auf das Virus. Genau so funktioniert die Impfung.

Wäre es überhaupt möglich, dass der Impfstoff unfruchtbar macht? Greift dieser in die DNA ein?

Das wäre dramatisch und ist rein medizinisch unmöglich. Der Impfstoff wird ja nur verwendet, um der Zelle zu sagen, sie solle dieses berühmte Spike-Protein produzieren. Ein Reinschreiben in das menschliche Erbgut ist durch diese Technik ausgeschlossen.

Gibt es Impfstoffe, die Sie jungen Frauen mehr empfehlen würden als andere?

Eigentlich ist es egal. Es gibt aber Unterschiede bei der Wirksamkeit. Das ist nicht nur für Frauen relevant, sondern für alle Menschen. Es hat sich gezeigt, dass die Wirksamkeit eine Infektion zu verhindern bei den mRNA-Impfstoffen wie Pfizer und Moderna schätzungsweise knapp über 90 % liegt. Das sind derzeit die höchsten Quoten zur Verhinderung. Diese ist bei den anderen Impfstoffen wie Astra Zeneca oder Johnsons&Johnsons niedriger und liegt bei 70-80 %. Prinzipiell würde ich aber empfehlen, jede Spritze zu nehmen, die man bekommen kann!

Vor allem ältere Generationen haben bei der Diskussion um die Impfstoffe das Problem mit Contergan in den 60er Jahren im Kopf. Warum ist diese Impfung etwas gänzlich anderes?

Es geht hier um zwei ganz, ganz unterschiedliche Dinge. Contergan war ein Medikament, das gegen Beschwerden wie Übelkeit verschrieben wurde. Es war ein Wirkstoff, der zu wenig getestet wurde und es ist auch zu lange niemandem der Zusammenhang zwischen den Fehlbildungen, die nach Contergan aufgetreten sind, und dem Medikament aufgefallen. Contergan war eine Chemikalie, die leider in einem entscheidenden Augenblick auf die Entwicklung der Beine und Arme eingegriffen hat.

Das hier ist eine Impfung, wo es darum geht, dass der Körper ein fremdes Protein kennen lernt und sich gegen das zu schützen lernt. Da ist medizinisch ein großer Unterschied. Ich habe selbst auch zwei Töchter, die sind 24 und die sind selbstverständlich beide geimpft.

Wieso hält sich das Gerücht, dass die Impfung unfruchtbar machen könnte so vehement?

Das ist eine gute Frage. Man sollte zu diesen Menschen sagen: Bitte öffnet eure Impf- oder Mutterkind-Pässe. Ihr seid ja alle nicht ungeimpft. 99,9 % der gebärfähigen Frauen haben geschätzt 10 bis 20 Impfungen im Körper. Und da sind einige dabei, die durchaus Auswirkungen auf die Schwangerschaft haben können. Bei der Impfung gegen Röteln zum Beispiel sollte man 3 Monate danach nicht schwanger werden.

Natürlich ist eine Impfung ein medizinischer Eingriff, quasi wie ein Medikament. Aber diese Diskussion aktuell ist einfach politisch aufgeheizt. Wir schwimmen alle in Impfungen. Für viele 20-jährige Frauen ist es jetzt ehrlich gesagt zu spät zu sagen: Ich will mich nicht impfen lassen. Und es ist so: Jeder, der auf mehr Daten oder Infos wartet, wird in der Zwischenzeit diese Krankheit bekommen.

Wie beeinflusst es die Fruchtbarkeit, wenn man die Corona-Krankheit bekommt?

Prinzipiell muss man hier zwei Dinge unterscheiden. Einerseits: Was macht eine Erkrankung prinzipiell mit dem Körper? Wenn jemand mehrere Tage mit 40 Grad fiebert, so wird der Hoden zum Beispiel seine Produktion einstellen. Dieser ist extrem wärmeempfindlich. Das ist auch bei Malaria oder einer Grippe so. Jede Krankheit hat in verschiedenen Organsystemen Konsequenzen. Und eine davon ist zum Beispiel eine Beeinträchtigung der männlichen und weiblichen Fruchtbarkeit für eine Weile. Es ist sicherlich so, dass eine Erkrankung Auswirkungen auf den Monatszyklus von Frauen hat. Auch der Eierstock spürt das.

Das zweite Thema ist die Frage: Hat das Virus selbst ganz spezielle Eigenschaften oder Stellen, wo es andockt? Corona dockt zum Beispiel sehr wahrscheinlich im Hoden und an Hodenzellen an. Daran forscht man gerade, um herauszufinden, ob Covid-19 in dem Punkt anders ist als andere Viren, die zum Beispiel kein Schloss im Hoden finden, wo der Schlüssel reinpasst.

Also würde eine Corona-Erkrankung die Fruchtbarkeit stärker beeinflussen als die Impfung?

Auf jeden Fall! Ich möchte ehrlicherweise, wenn ich noch ein Kind bekommen wollen würde, diese Krankheit nicht bekommen. Und wer sich nicht impfen lässt, wird sie definitiv bekommen.

Würden Sie auch Schwangeren raten, sich impfen zu lassen?

Die Empfehlung ist, das erste Schwangerschaftsdrittel ab zu warten. Nicht nur in Bezug auf die Covid-Impfung, in dieser Zeit gibt man Schwangeren gar keine Impfungen, weil es die heikle Phase ist. Aber ab dem zweiten Drittel sollte man schwangere Frauen impfen, weil diese Covid-19 leichter bekommen. Und zusätzlich bedeutet die Krankheit für eine Schwangere eine schlechtere Prognose für die Schwangerschaft. Eine Schwangerschaft verläuft dadurch komplizierter, es gibt mehr Frühgeburten, mehr Schwangerschaftsvergiftungen. Plus enormen zusätzlichen Stress.

 

Aktuell