Wenn Frauen Cheftrainerinnen werden - Ein Interview mit Irene Fuhrmann

Irene Fuhrmann ist die erste Frau, die das weibliche Nationalteam als Cheftrainerin leitet. Ein offenes Gespräch über Druck, Erwartungen und den ­frischen Wind im Frauenfußball.

Irene Fuhrmann und Fußball

Eine konzentrierte Ruhe strahlt Irene Fuhrmann aus, als wir sie zum Gespräch treffen. Auch in ihren Interviews, die online zu finden sind, gibt sich die 41-jährige Wienerin stets sachlich, fokussiert sich auf den sportlichen Aspekt ihrer Arbeit, möchte die Ergebnisse für sich sprechen lassen. Seit Sommer 2020 ist sie Cheftrainerin des österreichischen Nationalteams im Frauenfußball. Das Bemerkenswerte daran: Sie ist die erste Frau in dieser Rolle. Unter ihr sind fünf männliche Assistenztrainer und ein ganzer Stab an Expert*innen, Sportmediziner*innen und Analyst*innen, die das Team unterstützen. Bei ihren Anfängen als aktive Spielerin vor über 20 Jahren war das noch ganz anders:

Wienerin: Irene, ÖFB-Präsident Leo Windtner hat vor zwei Jahren den Tag deiner Ernennung zur Teamchefin als "his­torischen Tag" bezeichnet – lastet besonders viel Druck auf dir, Ergebnisse abliefern zu müssen, weil du eine Frau bist?
Irene Fuhrmann: Der Trainerberuf ist allgemein sehr männerdominiert, und meine Bestellung hatte sicher eine Signalwirkung. Aber die mediale Resonanz war doch überraschend für mich – ich musste mich ja fast rechtfertigen oder entschuldigen, dass ich als Frau dieses Teamchef-Amt übernommen habe. Ich ­möchte nicht wissen, was erst passiert, wenn eine Frau Chef­trainerin eines Bundesligaklubs wird. Mir ist bewusst, dass ich mehr in der Öffentlichkeit stehe, weil ich eine Frau bin, aber für mich ist es trotzdem wichtig, dass die sport­lichen Themen im Vordergrund stehen, weil ich mir ­diese Last einfach nicht auferlegen will.

Du hast wirklich das Gefühl, dich rechtfertigen zu müssen, dass du Teamchefin geworden bist?
Gefühlt ab und zu schon. Viele Interviewfragen waren sehr darauf aufgebaut, dass ich eben eine Frau bin, und haben sich gar nicht um sportliche Themen gedreht.

So gesehen machen wir das jetzt auch – wir sprechen auch nicht über Tore und Taktiken …
Aber es hilft uns natürlich auch – jede mediale Präsenz hilft uns. Und ich weiß auch, dass jemand wie ich auch ein Role Model sein kann, eben um den Frauenfußball mehr publik zu machen. Dahin gehend sind solche Interviews auch sehr wichtig, damit auch Frauen oder Mädchen sagen: "Ah, das ist auch eine Möglichkeit!".

Du hast es gerade selbst erwähnt: Glaubst du, dass die Fußballwelt bereit für eine weibliche Trainerin eines größeren Männerteams wäre?
Man sieht, dass sie noch nicht bereit ist, sonst wäre es ja schon in anderen Nationen passiert, wo es deutlich mehr Frauen gibt, welche die höchste Trainerausbildung absolviert haben. Bis jetzt hat noch kein Verein diesen Mut bewiesen. Ich bin der Überzeugung, dass es sehr wohl Frauen gibt, die bereit wären, das zu machen. Ich denke schon, dass es irgendwann kommen wird, aber es kann schon noch Jahrzehnte dauern.

Du warst von 2000 bis 2008 selbst aktive Spielerin. Was hat dich persönlich in diesen Sport hinein­gezogen?
Ich war ja eine absolute Spätstarterin, was den Vereins­fußball betrifft: Ich bin erst mit 19 Jahren zum USC Landhaus gekommen, habe aber von klein auf Fußball gespielt. Ich habe jede freie Minute mit dem Ball verbracht, mit meinem Bruder und seinen Freunden stundenlang im Park Fußball gespielt. Ich habe dann in meinem Sportstudium das Wahlfach "Fußball für Frauen" besucht; die damalige Professorin hat mich gefragt, in welchem Verein ich spiele, und ich habe gesagt: "In keinem.“ Damals waren drei Wiener Vereine in der höchsten Liga – und sie hat zu mir gemeint: "Der USC Landhaus spielt um die Meisterschaft mit." Ich dachte mir: "Wenn, dann schau ich dort hin." Aber ich glaube, so ein Quereinstieg wäre heute gar nicht mehr möglich in diesem Alter.

Wie haben sich die Rahmenbedingungen im Frauen­fußball seit dieser Zeit verändert? Das ist ja doch schon 20 Jahre her …
Da liegen Welten dazwischen. Wir hatten eine Cheftrainerin, vielleicht einmal in der Woche eine Masseurin und einen Tormanntrainer – und das war’s schon. Jetzt werden die Strukturen natürlich immer professioneller. Wir brauchen ja nur ins Nationalteam zu schauen, wie der Betreuerstab gewachsen ist seit 2017, wo wir eigentlich noch keinen Spielanalysten im Team hatten. Das ist jetzt gang und gäbe in jedem Nationalteam, und eben auch bei uns Frauen. Es gibt noch viel zu tun, aber es ist nicht vergleichbar damit, was früher möglich war.

Frauenfußball war bis vor ein paar Jahren eine Randnotiz in den Medien. Wie erklärst du dir, dass er heute größere Aufmerksamkeit erlangt?
Der absolute Wendepunkt war sicher die Europa­meisterschaft 2017, als wir ins Halbfinale gekommen sind, und die Übertragungen im ORF. Das hat viele Menschen zum ersten Mal für Frauenfußball begeistert. Ich bin von älteren Damen angesprochen worden, die gesagt haben, sie schauen sonst nie Fußball, aber für unsere Spiele haben sie sogar Termine verschoben. Dieser Erfolg war enorm wichtig, um die nächsten Schritte in dieser Professionalisierung zu setzen. Genauso wichtig ist es, dass unsere Spielerinnen medial präsent sind. 2011 wurde die ÖFB Frauen-Akademie eröffnet, um eben für Mädchen zwischen 14 und 19 eine fußballerische Ausbildung mit der schulischen zu verbinden. Wenn wir damals neue Spielerinnen aufgenommen und gefragt haben "Welche Fußballerin ist dein Vorbild?", dann kam da kaum was. 2017 war nach diesem Erfolg spürbar, dass dann gesagt wurde: "Ja, Laura Feiersinger" oder "Viktoria Schnaderbeck, Manuela Zinsberger …" Auf einmal waren diese Gesichter in den Medien – und darum sind auch diese medialen Auftritte wichtig.

Vielleicht zum Abschluss: Gibt es etwas, das du jungen Frauen und Mädchen mitgeben willst?
Man darf es nie pauschalisieren, aber gefühlt ­würde ich sagen, dass wir Frauen viel zu oft an uns zweifeln. Und deswegen sage ich: einfach mutiger sein, sich mehr trauen und nicht viel zweifeln!

 

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