Wenn Eltern sich trennen

Jedes achte Paar trennt sich nicht im verflixten siebten, sondern erst nach 25 oder mehr Jahren Ehe. Ihren Nachwuchs wirft das, obwohl meist längst aus dem Haus, oft heftig aus der Bahn. Parissa erzählt, wie sich das anfühlt – und was erwachsene Scheidungskinder so quält.

Als sie aus dem Urlaub zurückkam, war ihre Mutter schon fast aus der Tür. Umzugskartons und Koffer inklusive. Mit 19 war Parissa das Nesthäkchen der Familie, ihre älteren Schwestern längst ausgezogen. „Für mich kam die Scheidung sehr überraschend“, sagt sie. „Und ich war extrem sauer auf meine Mutter. Ich wollte gar nicht verstehen, weshalb sie ging. Ich habe die Zeit als sehr schmerzvoll in Erinnerung.“

Wer glaubt, dass die Scheidung der Eltern einem erwachsenen Kind weniger wehtut als einem jüngeren, irrt. Brooke Lea Foster, Autorin von "The Way They Were: Dealing with Your Parents’ Divorce After a Lifetime of Marriage" (e-Book, € 7,90), hat viele Menschen interviewt, deren Eltern sich erst nach 20, 30 oder noch mehr Jahren scheiden ließen: „90 Prozent der Befragten haben die Trennung als Einschnitt in ihrem Leben beschrieben, als Trauma“, sagt sie, die selbst mit 26 die Trennung ihrer Eltern miterlebte. Die meisten erwachsenen Scheidungskinder sagen, die Scheidung erschüttere ihr Konzept von Familie und „Zuhause“. Foster nennt sie die „Lost-Nest-Generation“.

Wie nur weiter?

Erwachsene Scheidungskinder aber schickt man nicht zur psychologischen Beratung wie kleine Kinder. Und man hält sich auch mit Details über die Trennung nicht zurück. Im Gegenteil: „Wir sollen die Rolle der Verständnisvollen einnehmen, müssen ihnen helfen, als seien wir die Eltern: Also zeigen wir Papa, wie man eine rote Sauce zubereitet, und beraten Mama beim Daten.“

Auch Parissa musste plötzlich mit ihrem 60-jährigen Vater ihrer beider Leben neu formatieren: „Wir lebten zu zweit in dem Riesenhaus, kochten und machten Wäsche zusammen. Aber wir konnten uns gegenseitig keinen Halt geben. Für mich zerbrach das Zuhause und die Familie, die mir Schutz gegeben hatte. Das, woran man sich als junger Erwachsener festhalten konnte, schien keine Bedeutung mehr zu haben.“ Lange wusste die heute 31-jährige nicht, was sie mit sich und ihrem Leben anfangen sollte, war ­beruflich und in Sachen Liebe auf der Suche – weil ihr die Basis ihres Zuhauses fehlte, sagt sie.

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Schale Erinnerungen

Eltern, die ihren Twenty- oder Thirtysomething-Kindern eröffnen, sie seien kein Paar mehr, bauen darauf, dass ihre Kids ja „schon groß“ sind. Im besten Fall ziehen sie die Scheidung ohne Rosenkrieg durch und belasten ihren Nachwuchs nicht mit Gesprächen darüber, wie sich Mama oder Papa fühlen. Im schlimmsten Fall aber stellen sie Tochter oder Sohn in die Mitte des Konflikts – aus dem diese ohne Loyalitätsprobleme nicht herauskommen. Sie machen vor ihnen den Vater oder die Mutter schlecht, wollen, dass sich die Kinder auf die eigene Seite schlagen, belasten sie mit Details aus der Vergangenheit – oder sagen das Allerschlimmste: „Wir sind nur wegen euch zusammengeblieben.“

„Machen Sie das nicht“, warnt die US-Familientherapeutin Carol R. Hughes: „Damit bürden Sie Ihren erwachsenen Kindern ein Schuldgefühl für Ihre unglückliche Ehe auf.“ Schlimmer noch: Mit dieser Märtyrer-Aussage werden alle Erinnerungen an die (glückliche) Kindheit schal und auf den Prüfstand gestellt. Und diese Erinnerungen gehören nun einmal zu den wichtigsten, die wir haben. „Nichts tut mehr weh, als zu realisieren, dass vielleicht die ganze Kindheit auf einer Lüge basiert“, so Foster. War Papa womöglich nur deswegen so oft im Hobbykeller bei seiner Modelleisenbahn, weil er unglücklich in seiner Familie – mit uns – war? Bei solchen Gedankenspielen hilft, sich klarzumachen: Mit dem Satz „Wir sind nur wegen euch zusammengeblieben“ sagen die Eltern NICHT, dass sie darüber unglücklich waren und sind. „Versuchen Sie, die guten Erinnerungen der Vergangenheit nicht durch den Konflikt in der Gegenwart zu beschädigen“, rät Foster.

Kind bleibt Kind

Viele erwachsene Scheidungskinder fühlen sich in der eigenen Beziehung nicht mehr sicher, werden extrem besitzergreifend oder misstrauisch. Verständlich – doch die gute Nachricht ist: Eine Langzeitstudie aus den USA zeigte, dass Scheidungskinder durchaus glückliche Beziehungen führen können. Auch Parissa ist da optimistisch: „Ich glaube, ich kann viel besser Konflikte einschätzen und Lösungen dafür finden, um nicht die gleichen Fehler wie meine Eltern zu machen.“

Erwachsene Scheidungskinder jedenfalls sollten sich nicht ihre Trauer kleinreden lassen. Experten vergleichen diese sogar mit der über den Tod eines Elternteils. Wirft ­einen das Ereignis anhaltend aus der Bahn, sollte man professionelle Beratung nicht scheuen: Nur weil Sie nicht mehr drei sind, sondern dreißig, heißt das nicht, dass Sie den Schmerz allein bewältigen müssen. Denn ein Kind ist man ein Leben lang – und eine Scheidung ist und bleibt ein Verlust. Scheidungskind Parissa sagt: „Mitunter habe ich mehr Verlustängste als andere. Dann fällt es mir schwer, mir und meiner eigenen Familie ein gewisses Urvertrauen entgegenzubringen. Da kommen wohl alte Ängste wieder hoch.“

Tipps gegen die Angst vorm Verlust von Buchautorin Barbara Pachl-Eberhart >>

 

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