Wenn Eltern alt werden

Wie geht man damit um, wenn Mutter oder Vater gebrechlich werden? Was darf man ansprechen, ohne dass sie gleich beleidigt sind? Und: Ist man ein schlechtes Kind, wenn man die Eltern später nicht zu sich nehmen oder pflegen will? Psychologin Marianne Künzel-Schön verrät, wie beide Seiten ihre Berührungsängste verlieren.


Sich selbst und gegenüber anderen einzugestehen, dass der Körper mit dem Alter nicht mehr so mitspielt und man „verletzlicher“ wird, fällt vielen Menschen schwer. Wie erkennt man, ob die Eltern Hilfe benötigen?

Wenn die Eltern es einem sagen! Sie sind erwachsene, mündige Leute. Dass mit dem Alter die Muskulatur abbaut, die Gelenke weniger elastisch sind und das Gedächtnis nachlässt, ist normal und alles halb so schlimm. Auf Unterstützung sind die Eltern erst dort angewiesen, wo die Kräfte nicht mehr reichen, bei schwerer Hausarbeit etwa oder im Umgang mit neuen Technologien. Viele bitten tatsächlich erst mal nicht um Hilfe, weil es an ihrem Selbstbewusstsein nagt. Dass die Eltern überfordert sind, nehmen die Kinder dann oft nur in Hinweisen wahr, zum Beispiel über die Wohnung, die sehr dreckig ist.

Darf ich in so einem Fall meine Putzhilfe vorbeischicken, damit sie bei den Eltern mal aufräumt?

Das wäre absolut übergriffig, so entmündigen Sie Ihre Eltern. Besser ist zum Beispiel anzumerken: „Mutter, du hast doch früher so viel geputzt, fällt dir das jetzt schwer?“ Wenn die Mutter sagt: „Meine Wohnung ist mein Reich, was kümmerst du dich darum?“, dann ist das erst mal so.

Wir können also einfach nur zuschauen und müssen akzeptieren: Es ist das Leben der Eltern?

Erst mal ja. Respektieren Sie die ältere Generation, indem Sie alles offen ansprechen. Selbst wenn Sie die Dinge völlig anders wahrnehmen als Ihre Eltern, schauen Sie sich das Ganze lange an. Erst wenn Mutter oder Vater beginnen, sich selbst zu gefährden – weil sie sich unzureichend ernähren oder Kontakt zu Freunden abbrechen –, sollte man als Kind deutlicher werden und stärker nachfragen. Gleichzeitig muss sich die jüngere Generation aber auch selbst respektieren.

Was heißt das?

Gerade wenn die Hilfsbedürftigkeit plötzlich auftritt, sagt die jüngere Generation mitunter spontan: „Zieh doch zu uns, ich versorge dich gern, du hast so viel für mich getan.“ Doch Kinder sollten sich gut überlegen, wie viel Unterstützung sie guten Gewissens anbieten können. Unser Leben ist oft stressig, durchgeplant. Man muss sich über das Thema informieren. Denn viele können sich oft nicht vorstellen, was eine dauerhafte Pflege bedeutet!

Welche Fragen sollte man sich unbedingt stellen, wenn man plant, einen oder beide Elternteile bei sich aufzunehmen?

Man muss vor allem die eigene Lebensplanung überprüfen. Was kann ich reduzieren, wie kann ich mich dann noch finanzieren – und was macht für mich die Lebensqualität aus: Ist es ein hohes Einkommen? Die Zuneigung von jemandem? Solidarität in der Familie? Das ist ganz individuell. Aus Zuneigung zu pflegen strengt enorm an, gerade bei Demenzkranken. Aber wer es gerne macht, bekommt viel zurück: Weil man das Gefühl hat, wirklich erwachsen zu sein. Und etwas Sinnvolles, Menschliches, Gutes zu tun, auch wenn einen die Pflege völlig fertig macht.

Kann ich meinen Eltern die Angst vorm Altern nehmen?

Angst ist eine Emotion, die entsteht, wenn eine Bedrohung auftaucht und man nicht weiß, ob sie zu bewältigen ist. Dass man jemandem die Angst vor dem Altern nehmen kann? Das wird meiner Meinung nach kaum gehen. Doch gemeinsam an einzelnen Punkten zu arbeiten, die im Alter auftreten können, halte ich für möglich.

Dass man jemandem die Angst vor dem Altern nehmen kann? Das wird meiner Meinung nach kaum gehen.
von Marianne Künzel-Schön, Psychologin

Aber wann setzt man da an? Zu einem Zeitpunkt, wenn das Thema noch gar nicht aktuell ist?

Genau. Eltern klopfen gern Sprüche wie „Mach dir keine Gedanken, irgendwann fall ich um und bin tot“. Wird das Thema derart abgelehnt, sollten Sie es bei nächster Gelegenheit wieder anschneiden. Es darf nicht zum Tabuthema werden. Sonst wird es ein Problem, wenn Mutter oder Vater plötzlich zum Pflegefall werden und ins Heim müssen. Wenn Sie mit den Eltern alles gut vorbereitet haben, Sie sich beispielsweise über Pensionistenheime und ambulante Dienste informiert und sie gemeinsam besichtigt haben, ist die Sache viel leichter.

Ihr Rat lautet also: Reden, reden, reden?

Ja, man kann so nicht nur die Angst der Eltern, sondern auch die eigene vermindern. Ich rate dazu: Entwickeln Sie gemeinsame Vorstellungen darüber, wie Sie mögliche Probleme angehen können. Wichtig ist: Allen Beteiligten muss klar sein, dass die Art der Unterstützung zusammen auszuhandeln ist – und das sollte passieren, wenn die Angst auf beiden Seiten nicht akut ist.

In solchen Gesprächen plagt einen als Kind aber auch immer ein schlechtes Gewissen, von wegen man sollte mehr für die Eltern tun ...

Das Gute am schlechten Gewissen ist: Es stützt die familiäre Solidarität. Für Solidarität in der Familie muss man nicht dauernd zusammenhocken. Man hilft sich bei Problemen, weil man sich liebt, vertraut miteinander ist, genetische Gemeinsamkeiten hat – und ein Grund kann eben auch das Schuld- oder Pflichtgefühl sein. Kinder müssen sich allerdings so viel Energie für sich freischaufeln, dass sie anderen etwas geben können. Deshalb warne ich vor spontanen Zusagen seitens der Jüngeren: Wenn sie sagen, sie pflegen die Eltern zuhause und nach einem halben Jahr merken, sie schaffen es nicht, dann werden die Schuldgefühle oft zu groß und der Druck unerträglich.

Ändern sich mit den alternden Eltern auch die Rollen: Übernehmen wir Kinder dann automatisch die Verantwortung?

Mit der Verantwortung ist das so eine Sache. Klären Sie gut mit den Eltern ab, wo Sie sie übernehmen und wo Sie sich nicht einmischen sollen. Verantwortung sollte etwas sein, was man ausspricht. Alles andere wird ein Gewurschtel: Die Kinder fangen an über die alten Eltern zu bestimmen, als seien diese kleine Kinder. Das sind sie nicht! Und das werden sie auch nie. Nicht einmal, wenn sie ganz dement sind. Niemand sollte die Eltern in die Kiste „Kind“ packen und so tun, als wären sie unmündig und klein oder ihnen vorschreiben, wie gelebt werden muss. Die Älteren können vielleicht zunehmend weniger, aber sie haben ihre Erwartungen und ihre Lebenserfahrung.

Niemand sollte die Eltern in die Kiste „Kind“ packen und so tun, als wären sie unmündig …
von Marianne Künzel-Schön, Psychologin

Kaum jemand lebt heute noch in der Großfamilie. Die Kinder wohnen als Erwachsene oft in anderen Städten oder gar in anderen Ländern als ihre Eltern. Da scheinen Generationenhäuser eine gute Alternative im Alter.

Wohnen Sie selbst in einem Mehrgenerationenhaus?

Nein.

Na, dann machen Sie sich auf, gründen Sie eines, wenn es in Ihrer Umgebung keines gibt. Wenn man über solche neuen Wohnformen nachdenkt, aber selbst nicht drin wohnt, heißt das dann nicht, dass man denkt: „Irgendjemand anders könnte meine Rolle übernehmen?“ Dass also die Eltern aktiv sein und sich eine Ersatzfamilie suchen sollen, damit man selber raus aus der Verantwortung ist? Es ist so: Viele interessieren sich für diese Generationenhäuser. Doch die Realisierung ist schwierig und viele Leute springen ab, wenn sie sich klarmachen, was es bedeutet.

Wir haben viel darüber gesprochen, dass Älterwerden Angst machen kann. Ist Altern nicht auch etwas Schönes für alle in der Familie – weil es Altersweisheit und Beratungskompetenz mit sich bringt?

Weise kann man in jedem Lebensalter sein. Und zur Beratung: In unserer schnelllebigen Gesellschaft können die Jüngeren die Älteren oft besser beraten, etwa beim Thema Geldanlage. Solange Eltern nicht pflegebedürftig sind, gibt die ältere Generation aber auf andere Weise sehr viel. Sie passt auf die Enkel auf, unterstützt finanziell – und ist der Hüter des Familienschatzes. Die Eltern geben weiter: Woher kommt die Familie, wie war man früher usw. Mit 30 oder 40 hat man diese Fragen noch nicht, weil man mit dem Aufbau des eigenen Lebens beschäftigt ist. Später kann es allerdings sehr bereichernd sein, wenn die Eltern die Familiengeschichte aufschreiben oder Rezepte weitergeben.

Sie suchen Infos und Anlaufstellen für Ihre Eltern, die im Alter gepflegt werden müssen? Klicken Sie hier.



 

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