"Wenn du ein Bursch' wärst, würd' ich mich sofort in dich verlieben!"

Die lesbische Schauspielerin Christina Kiesler über Weiblichkeit, die Regenbogenparade und fehlende Diversität in der Schauspielerei.

In der Artikel-Serie "Kämpferinnen" lässt die WIENERIN.at Frauen zu Wort kommen, die sonst in der Öffentlichkeit wenig bis gar nicht gehört werden. Frauen, die in der Diskussion über politische Veränderungen nur selten in den Blick genommen werden. Und die von der Gesellschaft allzu oft vergessen werden. Heute: das Gesprächsprotokoll mit Schauspielerin und Poetry-Slammerin Christina Kiesler.

"Ich bin am Land aufgewachsen. Außer mir hat es vielleicht zwei lesbische Frauen gegeben, wo man darüber gemunkelt hat. Ich habe mich oft ein bisschen alleine damit gefühlt und das war gerade am Anfang schwierig für mich. Als ich begonnen habe in einem Fußballverein zu spielen, wo einige homosexuelle Frauen dabei waren, habe ich erkannt, dass es in Ordnung ist, wie ich bin. Ich hatte aber auch das Glück, dass mein Outing in meinem Familien- und Freundeskreis sehr liebevoll aufgenommen wurde. Zusätzlich durfte ich immer wundervolle Beziehungserfahrungen sammeln – natürlich auch mit Liebeskummer - aber ich wurde immer für das geliebt, was ich bin und das hat mir Selbstbewusstsein gegeben.

Rollenspiele und Kleider als Befreiungsschlag

In meiner Jugend habe ich oft gehört 'Ach, wenn du nur ein Bursch´ wärst – dann würde ich mich sofort in dich verlieben!' und natürlich habe ich mich gefragt, ob ich transsexuell bin. Ich hab aber schnell bemerkt, dass das nur ein 'Gefängnis meiner Gedanken' und nicht meines Körpers war und ich mich sehr wohl in meinem sozialisierten Geschlecht fühle. In Beziehungen habe ich mir aber trotzdem oft den Druck gemacht, einen männlichen Part übernehmen zu müssen. Früher sehnte ich mich danach, maskulin zu wirken, aber das hat sich total verändert. Seit Jahresbeginn befinden sich neben weiten Hosen und Hemden auch wieder Kleider und Röcke in meinem Schrank, worin ich mich wohl fühle und als schöne Frau wahrnehme, die keinen männlichen Part erfüllen muss. Das war für mich der schönste Befreiungsschlag.

Obwohl die Kunstbranche immer tolerant und offen zu sein scheint, werde ich in meinem Beruf als Schauspielerin meist oberflächlich betrachtet. Zu oft kam ich bei Castings unter die letzten zwei, um dann doch gegen eine zierliche, weibliche Frau zu verlieren. Die Begründung war meist: 'Da fehlt uns eben ein bisschen die Weiblichkeit und Zerbrechlichkeit'. Solche Niederlagen nehme ich sehr persönlich, nicht jedoch, weil ich es meiner Mitbewerberin nicht gönne, denn sie hat genauso ihre Leistung bis zur Endrunde gezeigt - aber es ist verletzend, weil ich beginne, mich als Frau in Frage zu stellen.

In Theatern oder Filmen möchte man immer noch stereotypisch besetzen und da fehlt mir seitens der Verantwortlichen Risikofreude, eine traditionelle Rolle offener zu besetzen. Muss Romeos Julia immer ein filigranes Mädchen mit langem, gelocktem Haar sein? Oder kann sie vielleicht auch einmal eine taffe, kurzhaarige, maskuline Frau sein? Es geht vielmehr darum, was die Person mitbringt. Ich bin ja viel mehr als 'kurze, braune Haare und vielleicht ein bisschen ein maskulineres Auftreten auf den ersten Blick'. Es wäre schön, wenn es mehr Menschen in der Branche gäbe, die über diese Oberflächlichkeit hinwegsehen können.

Ich stelle mich noch immer in Frage, aber ich habe beschlossen mir selbst treu zu bleiben, weil ich es gar nicht anders könnte. Ich will mich mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen können.

Die Schlagworte "Queer" und "Diversity" sind in der Kunstszene zu wahren It-Wörtern geworden. Trotzdem herrschen noch immer ernüchternde Verhältnisse. Man muss nur in die Schauspielschulen schauen: Da sind Jahrgänge dabei, wo jedes Mädchen und jeder Bub gleich ausschaut. Die Diversität fehlt total. Dabei bringt jede Rolle so viel Diversität mit.

Pride Month: "Wir sind viele!"

Und genau deshalb ist der Pride Month so wichtig. Einen ganzen Monat wird die Freude am Leben, Diversity und die Liebe gefeiert. Heuer freue ich mich schon besonders, denn ich habe das erste Mal meine Eltern dazu eingeladen, mit zur Regenbogenparade zu gehen. Die Parade ist für mich eine riesige Party, setzt aber auch ein klares politisches Statement. Allein die Tatsache, dass es jedes Jahr eine Gegendemonstration zur Regenbogenparade gibt und sich die aktuelle Regierung gegen die "Ehe für alle" ausspricht zeigt, dass es noch nötig ist, auf die Straße zu gehen. Wir sind viele und es ist wichtiger denn je, lauter, bunter und präsenter zu sein.

Christinas Wunsch an die aktuelle Regierung

Ich würde mir Strache, Kickl und Sebastian Kurz als Travestiekünstlerinnen auf der Regenbogenparade wünschen. Spaß beiseite: Mein Wunsch an die Regierung wäre, dass sie endlich ihre hetero-normativen Einstellungen über Bord werfen und die Vielfalt als solche ansehen und nicht nur rechtspopulistische Hetze betreiben, sondern sich um essentielle Dinge wie Frauenthemen zu kümmern."

Jährlich wird im "Pride Month" Juni der selbstbewusste Umgang mit Sexualität und Diversität international zelebriert. Weltweit gibt es dazu Aktionen, Paraden und andere Events, die gegen Homophobie und für Vielfalt in der Gesellschaft mobilisieren.

Die Vienna Pride findet von 2. bis 17 Juni 2018 statt. Dabei gilt die Regenbogenparade wie immer als Höhepunkt und großes Fest wird dieses Jahr am 16. Juni gefeiert.

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