Wenn du das Gefühl hast, dass dir diese Welt zu viel wird

Bombenanschläge, Amokläufe, Ertrinkende: die Negativ-Schlagzeilen überschlagen sich, werden von Tag zu Tag präsenter. Und eine Frage stellt sich immer öfter: wie gehen wir mit diesem Wahnsinn um?

„Wir haben uns zwei Tage lang nicht gesehen, und es ist so viel passiert.“ Ein Satz, der mich heute nachdenklich gemacht hat. Freitag ein Amoklauf in München, Sonntag ein Attentat in Ansbach. Zuvor Nizza, Paris, Brüssel, Nenzing, Breivik, aus Syrien erreichen uns täglich Schreckensbilder, in der Türkei herrscht Ausnahmezustand, im Mittelmeer ertrinken hunderte Menschen, jede Woche - eine Zahl, die sich seit Jahren nicht geändert hat – und dazwischen sitzt du, mehr oder weniger betroffen, fragst dich: was ist eigentlich los mit dieser Welt?

So vieles, das unaussprechlich sein sollte, wird plötzlich auf jede Titelseite geklatscht


Solche Ereignisse machen traurig, zuweilen wütend, und oft auch einfach ratlos. Es ist diese Gesellschaft, die aus jungen Männern Massenmörder macht. Es ist diese Welt, in der Rassismus immer normaler, immer brandgefährlicher wird. In der Solidarität zum Fremdwort geworden ist.

Auch wenn wir versuchen, uns der Medienlogik, den rassistischen Zuweisungen, den kurzweiligen Schocknachrichten zu entziehen, erreichen sie uns überall. So vieles, das unaussprechlich sein sollte, wird plötzlich auf jede Titelseite geklatscht. So vieles wird gesagt und geschrieben, ohne darüber nachzudenken, was wir eigentlich damit anrichten, und wem wir damit schaden. Auch der Täter von München nahm sich Amokläufer und Attentäter zum Vorbild, die Jahre zuvor von Medien hochstilisiert wurden. Waffen, Männlichkeit, Bösartigkeit – das sind Themen, die ziehen, und sie ziehen leider immer sehr weite Kreise.

Denn Hass ist eine Spore, die sich überall festsetzt, wenn sie erst einmal freigelassen wird. Widerstandsfähig und langlebig. Und irgendwann, unweigerlich, wird dieser Hass auch uns treffen, und die, die wir lieben. Wir sollten uns fragen, ob wir ihn weitertragen wollen.

Alleine mit dieser wahnsinnigen Welt


Und ja, es ist einfach, sich in einer privilegierten Situation über solche Dinge Gedanken zu machen. Wenn man nicht um sein Leben fürchten muss, wenn deine Familie nicht im Krieg gestorben ist, wenn es keine Zerstörung gibt, die sich durch dein Leben zieht und dich krank macht. Wenn du einfach in Frieden leben kannst. Dieser Privilegien muss sich jeder und jede von uns bewusst werden.

Sonst passiert nur noch Schlimmeres. Rechte Parteien instrumentalisieren die Opfer für ihre Zwecke, schüren noch mehr Hass, in einer Gesellschaft, die einfach keinen mehr ertragen kann, und nützen jede Tragödie schamlos für sich aus – indem sie immer fremde Sündenböcke finden, sich über jegliche Fakten hinwegsetzen, um aus ihrer Hetze politisches Kapital zu schlagen. Das ist erschreckend, widerlich, und macht Angst.

Geben wir dem Terror nicht die Legitimation, die er haben will


Fragen wir uns lieber, wie es zu solchen Handlungen kommen kann. Welche Rolle wir in diesem System spielen oder spielen wollen. Was passiert, wenn wir junge Männer aus dieser Gesellschaft ausschließen, herausdrängen und sie sich selbst überlassen? Ohne Perspektiven. Sie radikalisieren sich. Sie laufen falschen Konzepten von Männlichkeit hinterher. Sie werden psychisch krank. Wenn wir nicht endlich damit anfangen, aufeinander zuzugehen, statt nur Barrieren zu bauen, werden wir in Zukunft nur noch mehr Tote produzieren. Dann geben wir dem Terror die Legitimation, die er haben will.

Bereits nach dem Terror in Paris und in Brüssel habe ich diese Geschichte erzählt, und tue es noch einmal: vor einigen Jahren arbeitete ich ein paar Wochen lang mit Jugendlichen in einem der sogenannten „Brennpunktviertel“ vor Paris, einem „Banlieue“. Die Geschichte dieser Vororte ist geprägt von Ausgrenzung, Armut und Abstieg. Dafür muss man nicht weit fahren, nur zwanzig Minuten von schönen Postkartenmotiven entfernt, leben sie: tausende junge Menschen, die vergessen wurden und die wütend sind. Manche drücken das in brennenden Autos aus, andere „schaffen“ es vielleicht nach Paris, andere wenden sich zweifelhaften Ideologien zu. Manche erzählten sogar, dass sie noch nie den Eiffelturm gesehen haben. Das Vier-Euro-Ticket ins Zentrum konnten sie sich nicht leisten.

Es ist eine andere Welt, da draußen vor Paris. Ein Jugendlicher, der erzählte, sein kleiner Bruder sei einige Tage lang entführt worden – er weiß nicht, wo er war, aber das käme in der Gegend sowieso öfter vor. Der Drogenboss, der im schicken Lamborghini vorfährt und von den Jugendlichen bewundert wird, junge Frauen, die viel zu früh Kinder bekommen und heruntergekommene Sozialbauten, in denen viele Menschen auf viel zu engem Raum leben.

Die Gesellschaft der Ausgrenzung


Die hohe Arbeitslosigkeit, die Suche nach Identität, Bildungs- und Sprachdefizite – das sind alles Dinge, die man auch aus Belgiens „Problembezirk“ Molenbeek kennt. Und die viel zu lange ignoriert wurden. Schließlich will sich auch in Paris niemand, der mehrere Euro für einen Espresso im schicken Café zahlt, mit der hässlichen Armut vieler MigrantInnen auseinandersetzen. Es sind auch solche Dinge - die hohen Mieten, die unleistbaren Lebensmittel - die eine Gesellschaft der Ausgrenzung erzeugen.

Wir müssen Verantwortung zeigen. Wir können Täter nicht als Märtyrer inszenieren. Gewalt nicht als Erlösung darstellen. Und wir dürfen auf keinen Fall zusehen und warten. Sich für mehr Menschlichkeit innerhalb dieser ganzen Grausamkeit einzusetzen, ist wichtiger denn je.

Der Sog des sinnlosen Hasses


Je näher die Schreckensnachrichten zu uns kommen, desto eher sind wir betroffen, bestürzt, besorgt. Und obwohl wir wissen, dass es immer schon so war, wird es manchmal einfach zu viel, zu komprimiert, zu live. Denn was auf solche Schreckenstaten folgt, ist noch mehr Schrecken – Menschen, die offen rassistisch sind, die hetzen und die auch dich hineinziehen, in diesen Sog des sinnlosen Hasses.

Und du rotierst. Weil du dich hilflos fühlst, weil du ihnen einfach sagen willst: hört doch einfach auf euer Herz, seid menschlich, und seid verdammt noch einmal solidarisch. Denn Hass, Nationalismus und noch mehr Abgrenzung können nicht die Antwort sein - sie sind der Ursprung des Terrors.

Und irgendwann drehst du einfach den Fernseher ab, schaltest dein Handy aus und überlegst, wie es weitergehen kann. Und weitergehen, nach vorne schauen, laut sein - das ist in solchen Zeiten wohl die beste Strategie. Wenn wir die Möglichkeit und die Stimme haben - die so viele Menschen nicht haben - dann müssen wir sie nützen. Denn wenn alles zu viel wird, hilft es, sich zusammenzuschließen. Jedoch nicht gegen das "Fremde", sondern für das Gute.

 

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