„Wenn die meisten davonlaufen würden, bleibe ich da“

Sonja Himmelsbach hat einen Beruf, den nicht viele Menschen aushalten können. Sie begleitet Kinder, die schwerkrank sind oder denen nicht mehr viel Lebenszeit bleibt.

„Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Wenn ÄrztInnen diesen Satz aussprechen, gibt es für Sonja Himmelsbach sehr viel zu tun. Sie unterstützt als Koordinatorin des Palliativteams MOMO schwerkranke Kinder und ihre Familien, nachdem sie diese Worte zu hören bekommen.

Während ihrer Arbeit im Kinderhospiz unterstützt sie die Kinder so, dass sie die Zeit zu Hause erleben können, möglichst wenig Beschwerden oder Schmerzen zu haben. Dabei beschränkt sich ihr Arbeitsfeld aber nicht nur auf die letzte Phase des Lebens: „Es ist auch ganz viel Lebensbegleitung“, erklärt sie uns. Und obwohl sie bei Kindern mit Krebs meistens erst dann hinzugezogen wird, wenn die Therapiemöglichkeiten nahezu ausgeschöpft sind oder wenn es einen Rückfall gibt, begleitet sie andere Kinder und ihre Familien oft über einen langen Zeitraum.

"Wir können den Tod nicht aufhalten"

„Auch ich halte diese Unkontrollierbarkeit des Todes nicht aus, aber ich merke, dass man in der Situation sehr wohl was machen kann.“, sagt die Palliativkrankenschwester. Schmerzen, Panik, Atemnot, Barrieren im Zuhause: Gegen all das kann man oft etwas tun – und auch wenn das Team des MOMO lebensverkürzende Krankheiten nicht direkt heilen und den Tod nicht aufhalten kann, tun sie alles, um die Lebensqualität der Familien zu erhöhen.

Sonja Himmelsbach erzählt aus ihrem Alltag zwischen professionellem Mitgefühl und persönlicher Betroffenheit:

"Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn dachte ich, dass ich Trauer oder Mitgefühl nicht direkt zeigen darf und immer stark bleiben muss. Aber man darf sehr wohl Empathie zeigen, wenn es einen tief berührt. Die Kinder, die ich im Kinderhospiz MOMO betreue, haben Krankheiten, die mit einer verkürzten Lebensdauer verbunden sind. Meine Aufgabe ist es, sie und ihre Familien bestmöglich zu unterstützen, damit sie die Zeit zu Hause so beschwerdefrei und unbelastet wie möglich erleben können. Manche Kinder begleitet unser Team über mehrere Jahre. Davor habe ich lange im St. Anna Kinderspital auf der Intensivstation gearbeitet. Auch diese Zeit war sehr berührend, aber es ist noch einmal etwas Anderes, wenn man zu den Familien nach Hause fährt. Das geht viel tiefer. Man überschreitet dabei eine Grenze, die manche bewusst nicht durchqueren wollen, denn man betritt den privatesten Bereich."

 

"In meinem Job muss ich vieles aushalten."

Warum sie sich trotzdem dafür entschieden hat? "Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich denke, es ist eine Lebenseinstellung. In meinem Job muss ich vieles aushalten. Schwierig wird es für mich, wenn ein Kind verstirbt, das im Alter eines meiner Kinder ist und ich mich stark identifizieren kann. Dann muss ich aufpassen. Ich bin mir meiner eigenen Grenze jedoch bewusst und merke sie auch körperlich: Das Kribbeln im Körper, die Gänsehaut, das schwere Gefühl beim Atmen oder Appetitlosigkeit. Bei solchen Anzeichen merke ich, dass ich mir etwas Gutes tun muss: Laute Musik hören oder Sport in der Natur. Vor allem, wenn ich nach Hause fahre und merke, dass ich Schwingungen zu sehr aufgenommen habe. Der Austausch mit dem Team ist in meinem Job unverzichtbar."

"Man wird schnell zum Teil einer Familie und wenn ein Kind stirbt, ist es oft schwierig sich wieder loszulösen. Ich leide mit und bin irrsinnig traurig, weil es einfach nichts Schlimmeres gibt als das. Der Unterschied ist jedoch: Ich bleibe die Stütze im Hintergrund. Ich teile zwar die tiefe Trauer, die Familien aber dürfen sich fallen lassen. Und da, wo die meisten anderen am liebsten davonlaufen würden, bleibe ich da und halte mit ihnen diese schwersten Momente aus – ohne es zu bewerten. Mitweinen und trauern sind dabei in Ordnung, aber ich muss dabei in meiner Rolle als Pflegeperson bleiben.

 

"Wir können sehr wohl etwas tun!"

"Wir können nichts mehr für Sie tun", ist also eine Aussage, die so nicht stimmt. Denn selbst dann, wenn alle kurativen Methoden ausgeschöpft scheinen und es keine Aussicht auf Heilung gibt, erleichtern Menschen wie Sonja Himmelsbach vielen Familien und ihren schwerkranken Kindern das tägliche Leben.

70 Kinder pro Jahr nehmen mittlerweile die Hilfe des Kinderhospizes MOMO in Anspruch. Das Kinderhospiz finanziert sich jedoch ausschließlich über Spenden. Dabei wird die Nachfrage an mobiler medizinischer, pflegerischer und psychosozialer Begleitung immer wichtiger. Bis heute konnte das MOMO jeder Familie helfen, die ihre Unterstützung brauchte oder braucht. Aber das ist nur durch Unterstützung von SpenderInnen möglich – eine öffentliche Finanzierung blieb bisher gänzlich aus.

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