Wenn die Lebensmittelintoleranz zur Modekrankheit wird

Bei Darm- und Verdauungsproblemen machen viele Menschen die Übeltäter schnell selbst aus: Die Milch, das Obst oder der Weizen waren’s. Doch solche „Diagnosen“ von Nahrungsmittelunverträglichkeiten schaden oft jenen, die Laktose, Fructose & Histamin wirklich nicht vertragen.

Den Latte macchiato im Coffeeshop gibt's längst auch mit Sojamilch, die Cookies im Supermarkt sind frei von Gluten. Das Geschäft mit dem Verdacht, bestimmte Nahrungsmittel nicht zu vertragen, boomt: Jährlich wächst der Umsatz laktose- und glutenfreier Produkte im zweistelligen Prozentbereich. Und mit ihm der Druck, sich „richtig" zu ernähren. Um Kuhmilch und Weißmehl einen Bogen zu machen, gilt fast schon als Lifestyle-Must.

Mandelmilch selbst herstellen.

Laktose- und Fruktoseunverträglichkeit

Dass vielen Menschen der Griff zu Speziallebensmitteln aber gesundheitlich gar nichts bringt, das steht nicht auf den Etiketten. „Wir schieben ganz viele Beschwerden unserer Ernährung zu", sagt Carsten Lekutat, Allgemeinmediziner und Autor von Halbwahrheiten der Medizin (€ 15,50, G+U). So diagnostizieren immer mehr Menschen einfach selbst, ihr Magengrummeln, ihre Blähungen und Krämpfe rührten von einem oder mehreren Lebensmitteln her. „Doch aufgrund von Beobachtungen allein kann man nicht darauf schließen, dass man etwa Laktose oder Fruktose nicht verträgt."

Selbsthilfe bei Fruktose-, Laktose-, Histaminintoleranz, Zölliakie, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Allergien und Ernährung, persönliche Beratung möglich: www.frulakco.at

Was darf ich noch essen? Diese Lebensmittel sind erlaubt bei Laktose-Intoleranz, weiß gesund.at.

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1. Was ist was? Eine Allergie auf Lebensmittel ist eine Abwehrreaktion des Immunsystems. Bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit ist der Stoffwechsel im Darm gestört. Sie kann angeboren sein oder im Laufe des Lebens erworben werden.
2. Symptome. Bei einer Lebensmittelallergie reagieren meist die (Schleim-)Haut und die Atemwege. Aber auch Magen-Darm-Symptome sind bekannt. Nahrungsmittelunverträglichkeiten äußern sich fast immer in Verdauungsproblemen.
3. Komplexität. Es gibt Kreuzallergien auf Nahrungsmittel, bei denen ein Allergiker dann etwa auch auf Obst, Soja oder Gewürztes reagiert.

Hohe Dunkelziffer.

Nun könnten einem die um sich greifenden „Ich glaub, ich vertrag keine Milch / Semmeln/ Äpfel"-Diskussionen reichlich wurscht sein. Doch den Betroffenen (ihre Zahl bewegt sich nach Schätzungen im einstelligen Prozentbereich - wenn auch Ärzte von einer höheren Dunkelziffer ausgehen), denen Laktose in der Milch oder Klebereiweiß im Semmerl tatsächlich Beschwerden bereitet, nützen solche Pseudodiagnosen wenig. Im Gegenteil: Werden Lebensmittelintoleranzen zur Modekrankheit, machen sich auch die echten Leidenden der Hypochondrie verdächtig - erst recht, wenn die Symptome unspezifisch sind und / oder ihre Tests negativ ausfallen.

Manch Betroffene wird so schnell zur „Wir finden nichts, also haben Sie nichts"-Patientin. Wie etwa die 40-jährige Andrea: Seit fünf Jahren quälen sie nach dem Essen immer wieder ein aufgetriebener Bauch und Durchfall - vor allem nach dem Genuss von Pasta, Kuchen oder Brot. „Der Bluttest beim Arzt hat ergeben, dass ich keine Zöliakie habe. Aber ich reagiere stark auf Gluten, da bin ich mir sicher. In besonders verzweifelten Momenten glaube ich schon, dass man die Blutproben vertauscht hat ...", sagt sie. Ihr Arzt tippt nun auf Reizdarm, der nach ein paar Jahren wieder von selbst verschwinden wird. „Aber was ich wirklich machen soll, weiß ich nicht." Andrea fühlt sich allein gelassen. Und ärgert sich schon mal über gesunde Menschen, die sich ihre Melange mit laktosefreier Milch bestellen, „weil es ,in‘ ist und angeblich gesünder".

Was können Tests?

Wer sich mit Experten über Lebensmittelunverträglichkeiten unterhält, hört schnell heraus: Das ist ein weites Feld und seitens der (vermeintlich sowie wirklich) Betroffenen ein hochemotionales Thema. Auch, weil so vieles noch unklar ist. Zwar lassen sich einige Unverträglichkeiten austesten - die auf Fruktose und Laktose etwa mittels Atemtest, jene auf Gluten übers Blut. Andere sind jedoch nur mittels strengem Führen eines Nahrungsmittel-Tagebuchs zu identifizieren (zum mehrwöchigen Ernährungsprotokoll wird jedem Betroffenen geraten). Wenn überhaupt.

Immer mehr Ärzte gehen nun jedoch dazu über, gleich alle mögliche Verdachtsmomente zu testen. Doch mehr hilft oft wenig(er). „Viele Tests bringen nicht selten ein Durcheinander", weiß Ludwig Kramer, Leiter der 1. Österreichischen Ambulanz für Laktose-, Fruktose-, Histaminintoleranz und Nahrungsmittelunverträglichkeiten am Krankenhaus Hietzing in Wien. „Zumal: Die wenigsten Patienten werden glücklich, wenn sie wissen, was sie haben." Auch ein positives Testergebnis sagt nämlich noch nichts darüber aus, wie viel man von einem Lebensmittel nun verträgt oder eben auch nicht. So reagiert der eine schon auf winzige Milchzuckermengen in Pillen, während die andere auch ein ganzes Häferl Milch ohne Darmbeschwerden trinken kann. Und manchmal erzeugt das gleichzeitige Essen bestimmter Lebensmittel schwerere Beschwerden als das einzelne Produkt.

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Böse Bakterien.

Die Menge macht's also, die Kombination und auch die Lebensumstände. Bei einer Milch- oder Fruchtzuckerunverträglichkeit fehlt dem Körper ja ein Verdauungsenzym, das den Zucker im Körper abbaut. Über diesen machen sich im Darm dann die Bakterien her und produzieren Gase, die zu Durchfällen oder Blähungen führen. Nehmen Betroffene aber Antibiotika, werden die Darmbakterien ausgeschaltet: Dann verursacht die Unverträglichkeit keine Beschwerden. Anders herum können aber können etwa Psychopharmaka, Magensäureblocker, Abführ- oder Schmerzmittel die Vorgänge im Darm so beeinflussen, dass die Bakterien leichtes Spiel haben - was zu besonders heftigen Krämpfen & Co führt.

Und als wäre das alles nicht schon verwirrend genug, erschwert noch etwas das Übeltäter-Detektivspiel: „Es sind ja oft nicht nur die Inhaltsstoffe, die man nicht verträgt, sondern es können auch viele Zusatzstoffe in der Nahrung sein, wie Konservierungs oder Farbstoffe - gerade, wenn man sein Essen nicht selbst und frisch zubereitet", sagt Experte Kramer. „An die denkt man aber nicht. Deshalb nutzt es vielen Menschen nicht, die belastenden Lebensmittel wegzulassen." Die Symptome bleiben trotzdem.

Ausschluss-Prinzip.

Eben weil das Beschwerdebild so komplex ist, gehört die Abklärung in Spezialistenhände. Auch, um Ernsthafteres wie chronische Darmerkrankungen oder Allergien auf Nahrungsmittel nicht zu übersehen. Erst wenn keine klinische Diagnose übersehen worden ist, kann man bei hohem Leidensdruck Alternativbehandlungen erwägen: Sei es nun TCM oder ob man mittels eines kinesiologischen Muskeltests versucht herauszufinden, welche Nahrungsmittel die Beschwerden eventuell hervorrufen.

Die verzweifelte Andrea jedenfalls will jetzt noch alles Schulmedizinische abklären lassen, bevor sie über eine Darmsanierung nachdenkt, zu der ihr andere Betroffene geraten haben. Als Nächstes wird ein Glukosetest prüfen, ob ihre Verdauungsdauerprobleme vielleicht von einer bakteriellen Fehlbesiedelung des Dünndarms herrühren.

Enzym-Ersatztabletten und Diät

Ein Medikament, das Laktose-Intoleranz oder Fruchtzuckerunverträglichkeit heilt, gibt es nicht. Manchen Betroffenen helfen Enzymersatzpräparate, dank derer sie die „verbotenen" Lebensmittel in Maßen essen können. Alle anderen müssten Diät halten - und mit den Symptomen leben lernen, sagt Kramer. „Das macht nicht glücklich, ich weiß."

Einzeltäter?

Was es den Experten bei der Spurensuche so schwierig macht, sind auch unsere Lebensumstände: Kaum jemand kocht noch (alles) selbst, vielen Nahrungsmitteln werden Stoffe beigemixt, deren Wirkung auf die Verdauung (noch) unbekannt ist. Das Thema, sagt Kramer, sei viel zu komplex, um es auf einen einzigen Übeltäter zu reduzieren - wie Fruktose. „Und unser Wissen darüber ist heute auch noch nicht komplett."

 

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