„Wenn die FPÖler extrem harte Feministen sind, können sie gerne mitreden“

Sie arbeiten mit jungen Geflüchteten zusammen und daran, diese Welt zu einer besseren zu machen. Anahita Tasharofi und Mahsa Ghafari über eine Politik, die sie zum Verzweifeln bringt und die kleinen Momente, die sie an das Gute glauben lassen.

30 Jahre Wienerin – 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 starken Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Gespräch: Anahita Tasharofi & Mahsa Ghafari.

Anahita Tasharofi (rechts im Bild) und Mahsa Ghafari sind Frauen, die beeindrucken. Trotz der schwierigen Schicksale und Traumata junger Geflüchteter, mit denen sie sich tagtäglich beschäftigen, sind sie vor allem eins: humorvoll, witzig, optimistisch. „Diese kleinen Momente, wenn die Kinder aufblühen, wenn sie etwas finden, das ihnen guttut – diese Momente geben uns so viel positive Energie“, sagt Anahita.

Anahita wurde in Teheran geboren und ist mit 12 Jahren nach Wien gekommen. Nach der Schule war ihr nicht ganz klar, wohin sie gehen will. Doch sie wusste, dass es etwas sein muss, wo sie verändern, begleiten, beraten kann. Als Dolmetscherin bei einer NGO lernte sie den jungen Ahmed kennen, der ihr die Idee zu ihrem Projekt gab, dem Verein „Flucht nach Vorn“. Der damals erst Achtjährige floh aufgrund lebensgefährdender Umstände aus seiner Heimat und litt mit 12 Jahren bereits an Depressionen und posttraumatischen Belastungserscheinungen.

Flucht nach Vorn“ ist ein Verein, der sowohl begleiteten, als auch unbegleiteten Jugendlichen mit Fluchthintergrund aus verschiedenen Ländern durch Freizeitaktivitäten wie Sport, Kunst, Kultur, Musik und Bildung den friedlichen, respektvollen und vorurteilslosen Umgang miteinander vermitteln möchte.

Mahsa ist mit acht Jahren aus dem Iran nach Wien gekommen. Das Studium der Internationalen Entwicklung wählte sie, weil sie die „Ursachen der Ungleichheiten auf dieser Welt“ interessierten, wie sie sagt. Einen Zugang, ein Mittel zu finden, um gegen Ungleichheiten zu kämpfen – das ist das Thema, das sie immer schon beschäftigt. Als Vorstandsmitglied bei der Menschenrechtsorganisation „SOS Mitmensch“ lernte sie Anahita Tasharofi kennen. Gemeinsam mit einigen anderen gründeten sie schließlich den Verein „Flucht nach Vorn“ und arbeiten seitdem zusammen. Der Ute Bock Preis für Zivilcourage“ ist nur eine der großen Errungenschaften, die sie seitdem vorweisen können. Doch trotz allem werden sie nicht müde, weiter für die Rechte junger Menschen mit Fluchterfahrung zu kämpfen. Heute mehr denn je.

Wir trafen die beiden zum WIENERIN-Jubiläums-Gespräch.

Was belastet euch in der derzeitigen politischen Situation am meisten?

ANAHITA TASHAROFI: Die Repression des Staates, restriktive Gesetze, die prekäre Lage der Geflüchteten. Wenn ich sehe, ich möchte helfen, aber ich schaffe es nicht, weil es ein Kampf gegen politische Windmühlen ist. Ich gebe mein Bestes, beute mich selbst psychisch, physisch und monetär aus – und das alles ist sehr belastend. Aber es gibt diese Momente, wo ein Jugendlicher einen Song aufnimmt, ein Gedicht auf Facebook postet, etwas findet, das ihm Spaß macht. Das sind die Kleinigkeiten, die einen aufbauen.

MAHSA GHAFARI: Wir haben ein konkretes Ziel vor Augen und unterstützen uns gegenseitig. Die Tiefen schweißen uns eher zusammen. Gerade das letzte Jahr war sehr schwierig, aber brachte auch Großes hervor.

Mit welchen Mitteln versucht ihr, den Jugendlichen Motivation zu geben?

ANAHITA: Wir leiten sie weiter zu verschiedensten Bildungsangeboten. Wir organisieren Freizeitaktivitäten im Kunst- und Sportbereich. Förderunterricht, Selbstverwirklichungsworkshops, Rechtsberatungen. Normalerweise ist der Staat dafür zuständig, dass unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge eine Rechtsberatung erhalten, aber in vielen Notquartieren ist das nicht oder unzureichend passiert.

MAHSA: Wir arbeiten bedarfsorientiert. Je nachdem, was gerade gebraucht wird. Der Fokus liegt aber immer noch auf der Selbstverwirklichung. Wir haben gesehen, was es mit jungen Menschen macht, wenn sie zum Nichtstun verdammt sind. Sie werden krank und depressiv.

ANAHITA: Mich stört, dass viele bei Jugendlichen, die geflohen sind, nur die „Defizite“ sehen, aber nicht sehen, dass manche vielleicht fünf Sprachen sprechen, die aber nach europäischem Maß nicht als „wichtig genug“ gelten. Wir lernen im Grunde so viel von ihnen.

Die Tiefen schweißen uns eher zusammen. Gerade das letzte Jahr war sehr schwierig, aber brachte auch Großes hervor.
von Mahsa Ghafari

Auf eurer Homepage steht: „Wenn man traumatisierte Jugendliche, die sich als Außenseiter der Gesellschaft fühlen sich selbst überlässt, kann es zu unangenehmen Resultaten wie Gewalt und Aggression führen.“ Was passiert, wenn wir die jungen Geflüchteten, die bei uns sind, alleine lassen?

MAHSA: Es ist ein heikles Alter. Wenn wir es in dieser Zeit verabsäumen, sie aufzufangen und ihnen neue Perspektiven zu geben, dann kann man das später nur sehr schwer wieder hinbiegen. Und es ist sehr schade, dass diese Arbeit im Moment nur ehrenamtlichen Vereinen überlassen wird.

ANAHITA: Das perfekte Beispiel ist der Junge, wegen dem der Verein überhaupt ins Leben gerufen wurde. Bei ihm hat man es leider verabsäumt und er wurde von Drogenbanden aufgefangen, hat in falschen Kreisen verkehrt, und war nicht älter als 13 oder 14. Sein echtes Alter wusste er selbst nicht. Er verfiel in eine Depression, war traumatisiert, hat Krieg und Folter überlebt. Er hat auf der Flucht schlimme Dinge gesehen. Wenn Menschen ankommen, muss man sie von Beginn an auffangen. Dieses ewige Warten macht Menschen, die zusätzlich belastet sind, noch kaputter. Damit bringen wir den Frieden in unsererer Gesellschaft in Gefahr.

Wie sehen die Lebensrealitäten dieser Jugendlichen aus?

ANAHITA: Das ist unterschiedlich. Es gibt diese Extremfälle wie eben dieses einen Jungen, von dem ich vorhin geredet habe, der sich nie wirklich erholt hat, der noch immer Probleme hat. Von Selbstmordversuchen, Depression, Drogen – alles war bei ihm dabei. Dann gibt es andere, die Angebote sehr gut aufnehmen, zu jedem Workshop kommen. Manche kommen nur zu bestimmten Dingen. Es kommt auf ihre Vergangenheit an, ob sie familiären Halt haben, ob sie als Kinder gearbeitet haben, und so weiter.

Wir haben gesehen, was es mit jungen Menschen macht, wenn sie zum Nichtstun verdammt sind. Sie werden krank und depressiv.
von Anahita Tasharofi

Vor Kurzem wurde bekannt, dass Wien Gasteltern für junge Flüchtlinge sucht. Die ersten Online-Kommentare dazu waren: „Und was ist mit unseren österreichischen Kindern? Die Flüchtlinge bekommen so viel Geld etc.“ Wie geht ihr mit solchen Kommentaren um?

ANAHITA: Erstens einmal stimmt das überhaupt nicht. „Echte“ österreichische Kinder bekommen mehr Kindergeld als geflüchtete Kinder. Zweitens: denen, die schreien, dass es keine Hilfe für Obdachlose gibt, aber für Flüchtlinge schon, kann ich nur sagen: dann helft’s ihnen doch! Wir machen es auch. Das eine schließt ja das andere nicht aus. Anstatt Angst zu schüren, sollte man schauen, wie man soziale Probleme in Zukunft löst, sodass diese Ängste und diese Kluft zwischen sozial benachteiligten Menschen gar nicht enstehen können.

MAHSA: Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass so eine Aussage eine sehr rassistische Grundlage und Einstellung voraussetzt. Und wir haben die einfach absolut nicht. Wir unterscheiden nicht zwischen einem 14-jährigen Afghanen und einem 13-jährigen Österreicher.

Wie geht ihr mit Jugendlichen um, die fremdenfeindlich sind?

ANAHITA: Ich kenne aus meinem Umfeld – ich bin in Simmering im Gemeindebau aufgewachsen – einige, die FPÖ wählen. Und auch diese jungen Menschen müssen wir auffangen. Wir dürfen sie nicht abstempeln und wegschieben, denn Kinder und Jugendliche sind alle gleich viel wert. Wir müssen in sie investieren, egal welche Eltern sie haben, was sie zurzeit wählen oder nicht, und man sollte ihnen eine Chance geben, ihnen zumindest die Hand reichen. Meine Mutter und ich versuchen gerade unseren Nachbarn positiv zu beeinflussen. Es klappt manchmal, aber dann kratzt er wieder unseren Anti-Strache-Sticker vom Postfach ab. (lacht)

MAHSA: Jugendlichen, die in rechtsradikale Szenen abdriften, darf man auf keinen Fall mit einer ablehnenden Haltung gegenübertreten. Einfach zu sagen, dass es falsch ist, was er sagt, ist zu wenig. Eine Bekannte hat mir einmal erzählt, dass sie einen befreundeten Nachbarssohn hatte, der mit 13 Jahren angefangen hat, sich äußerlich zu verändern und rechtsextrem zu werden. Alle haben sich von ihm distanziert, der Freundeskreis, die Familie. Meine Bekannte hat weiterhin normal mit ihm geredet, sich mit den Dingen auseinandergesetzt, die er gesagt hat. Und er ist dann tatsächlich rausgekommen aus der Szene – und hat sich Jahre später bei ihr bedankt. Bevor die FPÖ eine sozial schwache Schicht gegen die andere aufhetzt, müssen wir etwas tun.

ANAHITA: Junge Männer, die für den IS kämpfen oder Flüchtlingsheime anzünden, sind Ergebnis sozialer Missstände. Und die müssen wir auffangen und thematisieren. Denn alle leiden unter den Folgen, die so ein gesellschaftlich produzierter Hass hat.

MAHSA: Ein radikalisierter junger Mensch, egal woher er kommt, darf nicht alleine gelassen werden.

Parteien, die Frauenhäuser schließen wollen und Frauen ihr Recht absprechen wollen, über ihren eigenen Körper zu bestimmen, betreiben eine widerliche Doppelmoral, wenn sie anfangen, über Frauenrechte zu sprechen.
von Anahita Tasharofi

Versucht ihr mit Aussteigern aus der Neo-Naziszene in Kontakt zu treten?

ANAHITA: Ja, aber es gestaltet sich schwieriger als gedacht. Jugendliche, die aus der Neonaziszene aussteigen, sind schwer erreichbar. Es dauert sehr lange und man muss sehr lange arbeiten, denn Vorurteile sind schwer abbaubar.

Ein Thema, das von rechter Seite derzeit besonders stark instrumentalisiert wird, ist: „Unsere Frauen sind in Gefahr“, weil jene Männer, die nach Österreich kommen, ein veraltetes Frauenbild haben. Was haltet ihr von dieser Debatte?

MAHSA: Ich finde es witzig, dass der Aufschrei um Frauenrechte ausgerechnet aus den Kreisen kommt, bei denen diese Thematik davor ganz anders behandelt wurde – zum Beispiel all jene, die damals gegen den „Pograpsch“-Paragrafen gestimmt haben, haben später am lautesten geschrien.

ANAHITA: Gerade Parteien, die Frauenhäuser schließen wollen und Frauen ihr Recht absprechen wollen, über ihren eigenen Körper zu bestimmen, betreiben eine widerliche Doppelmoral, wenn sie anfangen, über Frauenrechte zu sprechen. Sie sollten erst einmal an sich arbeiten. Wenn sie dann extrem harte Feministen sind, können sie gerne bei der Debatte mitreden. Weiße, europäische Männer der Oberschicht sollten das lieber den Frauen überlassen, was sie wollen oder nicht.

MAHSA: Die FPÖ bildet Frauen im Dirndl ab, mit riesigem Ausschnitt, und schreibt darunter: „Mein Körper gehört mir.“ Das ist lächerlich. Ganz zu schweigen von einem Präsidentschaftskandidaten, der verpflichtende Beratungsgespräche vor Abtreibungen einführen will.

Was muss denn jetzt angesichts der restriktiven Asylpolitik europaweit passieren – weil du gemeint hast, wir müssen zukunftsorientiert denken?

ANAHITA: Die rassistischen Gesetze, die wir haben, machen diesen Rechtsruck, den wir sehen, erst möglich. Hasskommentare auf Facebook, Parteien, die plötzlich rechts von der Mitte stehen – das alles bietet so viel Raum für Unmenschliches. Wir müssen diese „Krise“ gemeinsam lösen, menschlich lösen. Das gibt’s einfach nicht, dass Geflüchtete stranden, zusammengepfercht werden, inhuman behandelt werden.

Wenn Menschen ankommen, muss man sie von Beginn an auffangen. Dieses ewige Warten macht Menschen, die zusätzlich belastet sind, noch kaputter. Damit bringen wir den Frieden in unsererer Gesellschaft in Gefahr.
von Anahita Tasharofi

Findet ihr, dass die Stimmung in Österreich gekippt ist – von dieser enormen Welle an Zivilcourage bis hin zu diesem rassistischen Tenor, dem sich jetzt sogar viele "Linke" anschließen (Stichwort: No-Go-Zonen)?

ANAHITA: Ja, auf jeden Fall. Die Solidarität endete leider in Zäunen und Hass.

MAHSA: Viele hatten ein vorgefertigtes Bild von Refugees und waren dann enttäuscht, dass nicht alle genauso sind, wie man es sich wünscht. Man darf nie verallgemeinern und sagen, das sind alles liebe, nette und hilfsbedürftige Menschen. Es sind so viele Menschen und die sind alle unterschiedlich, genauso wie in einem Wohnhaus. Jeder hat seine eigene Geschichte.

Warum fällt es so vielen schwer, hier zu differenzieren?

ANAHITA: Es fällt selbst mir oft schwer, zu differenzieren. Etwa bei Hofer-WählerInnen. Dabei gibt es einfach Menschen, die aufgrund der medialen Berichterstattung einfach sagen, sie haben Angst – und sie wollen gehört werden und auf keinen Fall ins rechte Eck geschoben werden. Dann aber gibt es wieder die puren Rassisten, die gebildet und privilegiert sind. Und die genießen jetzt ihre Bühne. Ein Beispiel sind die Identitären, die Kinder, die geflüchtet sind, mit Kunstblut bewerfen. Sie instrumentalisieren die jetzige Situation, um Macht zu gewinnen. Aber es sollte klar sein: genauso wie wir Attentate der Islamisten medial verurteilen, müssen wir das auch bei rechtsextremen Gewalttaten tun.

Anahita Tasharofi wurde in Teheran geboren, kam mit zwölf Jahren nach Österreich und hat im Jahr 2013 gemeinsam mit einigen anderen den Verein „Flucht nach vorne“ ins Leben gerufen, dessen Vorsitzende sie ist. „Flucht nach vorne“ wurde im Jahr 2015 mit dem Ute Bock Preis für Zivilcourage ausgezeichnet.

Mahsa Ghafari ist 1996 gemeinsam mit ihrer Familie aus dem Iran nach Österreich geflohen. Sie ist stellvertretende Obfrau und Mitbegründerin des Vereins „Flucht nach Vorn“ sowie Vorstandsmitglied beim Verein „SOS Mitmensch“.

 

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