Wenn die Erotik unter dem Kind leidet

Die Geburt eines Babys macht aus einem glücklichen Liebespaar nicht automatisch eine sexuell ausgeglichene Bilderbuch-Familie. Wenn der Fortpflanzungserfolg erbracht ist und der Junior an Mutters Busen die 1. Geige spielt, ist der Beziehungskater vorprogrammiert. Ein Bericht zwischen Hormon- und Milchstau.

Das Baby, ein absolutes Wunschkind. Aber selbst wer die gesamte Ratgeberliteratur um die Ankunft des neuen Erdenbürgers studiert hat, weiß nicht um dessen Auswirkung auf das Liebesleben der Eltern. Die ärztlich verordnete Schonzeit nach der Geburt kann durchaus der Beginn einer langen und für alle Seiten unbefriedigenden sexuellen Dürrezeit sein.

Schuld an der der postnatalen Erotikpause waren einerseits totale körperliche Erschöpfung der Mutter und das Gefühl, dass der eigene Körper nach der 9-monatigen Phase als "Wirt" erst einmal ein totales Makeover (durch Sport, einen genialen Stylisten, ausreichend Schlaf oder ein biologisches Wunder) benötigt, bevor er sich wieder den Freuden der Erotik widmen kann. Andererseits musste sich auch der Vater des Kindes erst einmal an die neuen Spielregeln im (inzwischen Eltern)Schlafzimmer gewöhnen.

Vorsicht, Staugefahr: Wut, Hormone, Milch ...

Aber selbst die besten Vorsätze für Liebesspiele versanden nach ein paar Monaten Schlafdefizit, das aus Freude strahlenden Jungmuttis Zombies mit Augenringen und gefährlich schlechter Laune macht. Der kleinste Anlass lässt den Milch sprudelnden Körper geradezu wie einen Vulkan explodieren. Dass sich beim Kindsvater inzwischen auch Bedürfnisse anstauen, ist verständlich ...

Nicht jammern! Gelegenheiten erschließen!

"Reden hilft!" erklärt der deutsche Paar- und Sexualtherapeut Professor Ulrich Clement "Aber es muss übers Richtige geredet werden. Die Bedürfnisse des anderen sind wichtig! Es darf nicht passieren, dass einer der Partner das Gefühl hat, mit seinen Wünschen und Bedürfnissen in der Partnerschaft nicht mehr vorzukommen." Was jetzt? Sollen sich frisch gebackene Eltern gerade jetzt, in der schwierigen Phase des Zuwachses, auf sexuelle Experimente einlassen? Ein Quickie im Wald, Liebe in der Dusche oder Oralverkehr im Auto? So in etwa. "Gehen Sie neue Wege, erschließen Sie sich Gelegenheiten und messen Sie Ihren neuen Beziehungsstatus nicht an den leidenschaftlichen Monaten der ersten Verliebtheit", rät der Experte.

Zur Sache, Schätzchen!

Dass im und übers Bett Klartext mehr Klartext geredet werden soll, findet auch Autorin Julia Heilman. "Frauen reden überhaupt nicht über ihre postnatale Lustlustigkeit. Männer schon, vor allem untereinander", kritisiert sie in ihrem Beziehungsratgeber "Kinderkacke. Das ehrliche Elternbuch." Ein Buch, das von Heilman und ihrem Ehemann Thomas Lindemann gemeinsam konzipiert und wechselseitig aus weiblicher und männlicher Sicht geschrieben wurde.

Gerade wegen seines hohen und humorvoll aufbereiteten Wahrheitsgehalts führte „Kinderkacke" die Bestseller-Listen lange an. Das schreibende Ehepaar hat sich ein paar erotische Auszeiten (in Form von gemeinsamen Liebeswochenenden etc.) gegönnt, um weiterer Lustschmelze vorzubeugen. Erfolgreich wie man sieht, denn weitere gemeinsame Kinder und Bücher wurden produziert.

 

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