Welt-Frühgeborenen-Tag: „Wir würden nie ein Kind behandeln, nur weil wir es können“

Eine Frühgeburt bedeutet eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten. Sie verlangt außerordentlich viel Einsatz, Know-How und vor allem: Einfühlungsvermögen.

Knapp 6.700 Kinder kamen laut Statistik Austria in Österreich im Jahr 2017 zu früh auf die Welt, 297 von ihnen zwischen der 23. und 28. Schwangerschaftswoche – also bis zu über vier Monate vor dem errechneten Geburtstermin. Der  Welt-Frühgeborenen-Tages am 17. November soll sichtbar machen, mit welchen Herausforderungen sowohl Frühchen und ihre Familien als auch medizinisches Personal zu kämpfen haben.

Dr. Martin Wald leitet die Neonatologie der Uniklinik Salzburg. Der Start ins Leben ist für keines der Kinder, die er mit seinem Team betreut, einfach: Frühgeborene oder kranke Neugeborene brauchen unterschiedliche Unterstützung – und fordern das medizinische Personal jeden Tag aufs Neue heraus. Für Kinder, die zwischen der 24. und 25. Schwangerschaftswoche geboren werden, können die Eltern eine Behandlung ablehnen. Danach gibt es den ethischen Konsens, alles zu tun, was man kann. Wobei für Dr. Wald eine Sache über allem steht: Ein Handeln aus der Sicht des Kindes. „Wir würden nie ein Kind behandeln, nur weil wir es können. Es geht darum, immer darauf zu schauen, was aus Sicht des Kindes sinnvoll ist, auch im Hinblick auf mögliche Einschränkungen im weiteren Leben.“

Frühgeborenensimulator Paul lehrt für den Ernstfall

Um das Team der Neonatologie laufend weiter zu schulen und auf diese Herausforderungen so gut wie möglich vorzubereiten, gibt es „Paul“. Paul ist ein Frühgeborenensimulator, dank dem es möglich ist, schwierige Situationen realitätsgetreu durchzuspielen und zu üben. Seit einem Jahr ist Paul nicht nur in Salzburg im Einsatz, an ihm trainieren auch ÄrztInnen anderer Krankenhäuser. Trotzdem sollte er noch viel öfter eingesetzt werden, meint Dr. Wald: „Man kann nicht oft genug mit der Puppe arbeiten. Früher haben wir Dinge besprochen, Praktiken wie das Intubieren wurden einfach so oft gemacht, bis sie funktioniert haben. Paul verändert zwei wichtige Dinge: Einerseits kann jetzt das Handling geübt werden, Techniken müssen sitzen, bevor sie am Kind angewendet werden. Andererseits ist die Simulation ein großer Gewinn: Wir können über die Technik alle möglichen Szenarien abspielen.“ Von der Erstversorgung nach der Geburt bis zu einem Ernstfall kann dank Paul alles durchgespielt werden, als wäre es real – der oder dem Trainierenden ist der Verlauf vorher nicht bekannt, eine Stresssituation wie im echten Arbeitsalltag. Die Nachbesprechung sei dabei mindestens genauso wichtig: „Warum wurden welche Entscheidungen getroffen – und da gibt es oft kein Richtig oder Falsch, sondern verschiedene Wege.“

Krisenmanagement und Traumata-Bewältigung für betroffene Familien

Eine Frühgeburt bedeutet für Eltern, dass ihr Alltag von einem Tag auf den anderen über den Haufen geworfen wird: Während Mütter und Väter rund um die Uhr bei ihrem Kind sein wollen, läuft das Leben trotzdem weiter. Wie gehe ich mit älteren Geschwisterkindern um? Wer geht mit dem Hund spazieren? Wie regle ich das mit dem Beruf? Zu diesem akuten Krisenmanagement kommt das psychologische Aufarbeiten von Traumata oder Schuldgefühlen, weil man es nicht „geschafft“ hat, das Kind auszutragen. „Eltern brauchen viel, viel, viel Unterstützung. Wir sind in der glücklichen Lage, Ressourcen zu haben, aber es kann nie zu viel sein. Bei uns arbeiten zwei bis drei Entlassungsmanager mit den Eltern, wir haben zwei Laktationsberaterinnen auf der Station, es gibt entwicklungsfördernde Betreuung und eine Psychologin. Die Eltern sollen positiv in die Zukunft schauen können, sonst sind sie ängstlich, glauben, jedes Fieber ist eine Katastrophe.“ Deshalb sei es so wichtig, von Anfang an Kompetenz zu vermitteln, den Eltern das Gefühl zu geben: Das ist mein Kind. „Wenn wir es schaffen, dass die Eltern das mitnehmen, dann ist schon viel gewonnen“, spricht Wald aus Erfahrung.

„Eltern von Frühgeborenen dürfen sich nicht verloren fühlen“

Um diese Unterstützung der Eltern auch dann zu gewährleisten, wenn sie mit ihrem Kind nach Wochen oder Monaten nach Hause können, sorgt die Initiative „Kämpferherzchen“. In Deutschland besteht eine Hotline, bei der Frühcheneltern anderen Eltern von Frühgeborenen mit Rat und eigener Erfahrung zur Seite stehen, seit langem. Das Unternehmen Milupa hat die Ausweitung des Services auf Österreich vor einem Jahr sichergestellt.
Beim Hersteller von Säuglingsnahrung legt man seit über 40 Jahren einen Schwerpunkt auf die Unterstützung von Frühgeborenen. Dr. Christoph Mayr, Geschäftsführer von Milupa Österreich: „Wir forschen laufend daran, uns noch besser auf die spezifischen Nahrungsbedürfnisse einzustellen – das ist unser Kern, da kommen wir her. Darüber hinaus wollen wir aber auch beraten und unterstützen. Gerade Eltern von Frühchen sind in einer Ausnahmesituation und es passiert schnell, dass sie sich verloren fühlen. Da soll die Hotline helfen.“

Mayr Hattinger Wald Frühchen Simulator Paul

Neben dem Bekanntmachen dieses Angebots geht es Christoph Mayr darum, eng mit dem medizinischen Personal zusammenzuarbeiten und herauszufinden, wie man Eltern und Kinder unterstützen könne. Die Neonatologie in Salzburg als eines der modernsten medizinischen Zentren für Neugeborene ist dafür wichtiger Ansprechpartner.  Simulator „Paul“ wurde 2017 als gemeinsames Projekt der Klinik und dem Babynahrungsunternehmen willkommen geheißen, Milupa hat die Kosten von rund 50.000 Euro übernommen.

Was 365 Tage im Jahr große Herausforderungen für ÄrztInnen, Pflegepersonal und vor allem Kinder und Eltern bringt, wird am 17. November, dem Welt-Frühgeborenen-Tag, zumindest ein Stück weit deutlich. Und vor allem dann, wenn Dr. Wald einen jener Momente schildert, die jegliche Unterstützungsmaßnahmen so wertvoll machen: „Ich bereite gerade einen Bericht über unsere Arbeit vor. Darin geht es auch um ein Kind, das in der 25. Woche auf die Welt kam, 400 Gramm schwer. Wir haben tatsächlich den Pfarrer vom Bett dieses Kindes verscheucht. Andere hätten es wahrscheinlich begraben. Und heute halte ich ein Foto von diesem jetzt zweijährigen Kind in der Hand, wie es mit seinem Laufrad fährt.“

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