Welche Werte?

Als ich den Milliardär und Neo-Politiker Frank Stronach zum Interview traf, hatte ich den Eindruck, er freue sich, endlich einmal über etwas anderes als Wirtschaft und Macht sprechen zu dürfen…

Stronach wirkte zwar etwas schaumgebremst, zeigte sich ansonsten jedoch ungewöhnlich offen, sehr persönlichund berührbar. Erstmals wurde abseits rotköpfiger Wortgefechte nachvollziehbar, warum sich der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, der sich bereits als Bub schwor, nie wieder Hunger zu leiden, im hohen Alter die Kapitänsmütze aufsetzt und glaubt, mit seinem Einsatz der alten Heimat zu dienen.

Nach dieser Begegnung verlangte Stronachs Pressesprecher, das Interview zur Freigabe zugeschickt zu bekommen. Nun verstehe ich diesen Wunsch, denn um eine Stunde Gespräch auf vier Seiten zu bekommen, muss man hier und da schon mal straffen. Der Interviewte soll also gerne die Chance bekommen, seine Aussagen noch einmal zu checken. Zurück kam jedoch nicht das ursprüngliche Interview: Einmal durch den Fleischwolf der Pressestelle gedreht, Sätze gestrichen beziehungsweise durch völlig neue ersetzt- da war er wieder, der Teflonpolitiker „Fränk", wie wir ihn viel zu oft zu sehen bekommen, der Wahlbroschüren-Sprüche klopft und bei aller demonstrierten Jovialität doch unnahbar bleibt.

Das sind keine journalistischen Werte, um den Frank'schen Jargon zu bemühen. Wir haben die Änderungen, die das Original-Gespräch verfälscht hätten, nicht vorgenommen und sehen einer Reaktion des Team Stronach gelassen entgegen. Frank ist Politiker. Er muss wissen, was er sagt. Und wahrscheinlich dachte er sich etwas dabei, als er so offen mit der WIENERIN sprach.

Ganz anders verhielt sich übrigens Gottfried Helnwein. Der Maler und Weltstar, oft geschmäht, missverstanden und verleumdet, hat viele Gründe, Journalisten gegenüber skeptisch zu sein. Auch er bat darum, das Interview zur Ansicht zu bekommen. Aber Helnwein beließ es bei ein, zwei verständlichen Konkretisierungen. Der Rest, inklusive einiger deftiger Sager, blieb unberührt. Und: Helnwein sah, trotz der stressreichen Zeit vor der Eröffnung der großen Helnwein-Retrospektive in der Wiener Albertina, das Interview persönlich durch, statt dies einer Pressestelle zu überlassen.

Zwei Männer, zwei Denkwelten. Welche Ihnen besser gefällt und wem von beiden Sie zutrauen, einen Blick für die Bedürfnisse von Frauen zu haben, das entscheiden Sie. Noch ein Tipp: Eines der beiden Interviews eignet sich als Trinkspiel.


Alles Liebe für Sie im Juni!

 

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