Welche Mythen und Tabus rund um den Beckenboden gibt es?

Der Beckenboden hält Blase, Darm und Gebärmutter zusammen und ist Teil des weiblichen Orgasmus, oder? Wir haben die Osteopathin Hélène Menapace gefragt.

Person macht Yoga

Er stützt unsere inneren Organe, stabilisiert die Wirbelsäule, hält dicht und trägt das Gewicht des Babys während einer Schwangerschaft – der Beckenboden erfüllt viele wichtige Aufgaben in unserem Körper. Und: Er ist Teil des weiblichen Orgasmus. Doch ein starker Becken­boden bedeutet nicht gleich lustvollere Empfindungen. Wa­rum? Ein angespannter Muskel wird wenig durchblutet, wird mit der Zeit immer tauber und empfindet weniger. Deshalb ist es wichtig, den Beckenboden auch bewusst entspannen zu können.

Hélène Menapace ist Osteopathin mit Schwerpunkt Gynäkologie, behandelt den Beckenboden unter anderem auch mithilfe interner (vaginaler) Techniken. Außerdem ist sie Gründerin von WeLovePinkPlanet, einer Plattform zu den Themen Sexuelles Wohlbefinden und Selbstbewusstsein dank gesundem Beckenboden. Im Interview erklärt sie, warum sowohl ein zu schwacher als auch ein zu starker, verspannter Beckenboden zu Inkontinenz, Schmerzen beim Sex oder unangenehmen Senkungs­beschwerden führen kann und warum sie sich wünscht, dass bereits junge Mädchen bei ihren ersten Gyn-Besuchen genau über den Beckenboden informiert werden.

Starten wir mit ein paar Basics: Wie ist der Beckenboden aufgebaut und welche Funktion hat er?
Hélène Menapace: Der Beckenboden ist ein elementares Muskel­geflecht in unserem Körper, befindet sich zwischen Scham- und Steißbein und besteht aus drei Schichten, die fächerartig übereinander angeordnet und über Muskelfasern und Faszien verbunden sind. Der tiefe Beckenboden unterstützt unsere Beckenorgane wie Blase, Gebärmutter und Darm wie eine kleine ­Hängematte, der äußere Beckenboden "dichtet ab": Bei der Frau bildet er eine achterförmige Muskelschlinge um Scheide, Harnröhre und Analkanal.

Idealerweise ist der Beckenboden wie ein Trampolin – also elastisch, aber fest.

von Hélène Menapace

Gibt es Mythen oder Tabus rund um den Beckenboden?
Ja, viele! Etwa, dass der Beckenboden oft nur mit Inkontinenz assoziiert wird und dass diese nach Geburten normal sei. Der Fokus liegt zu stark auf Schwangeren, Gebärenden und Älteren – dabei können Beschwerden jederzeit auftreten und die Ursachen in der Kindheit liegen.

Wie das?
Idealerweise ist der Beckenboden wie ein Trampolin – also durchaus elastisch, aber fest. Kommt es jedoch in der Kindheit etwa zu einem Sturz auf das Steißbein, können sich Faszien im Becken nachhaltig verkleben. Dann verliert das Gewebe an Flexibilität und das Trampolin wird zu einem Brett. Das kann in weiterer Folge direkt oder Jahre später zu Schmerzen beim Sex oder zu Inkontinenz führen. Auch chronische Blasenentzündungen, die teilweise schon lange Zeit zurückliegen, können die Ursache für verklebte Faszien und Muskeln sein.


Und dann gibt es auch noch den Stressfaktor: Traumatische Geburten können aufgrund der Schmerzen und der Angst zu Verspannungen führen. Doch auch junge Frauen, die sich viel "zusammenreißen" müssen, weil sie stark unter Stress stehen, viel Sport machen und ihre Hüftgelenksmuskeln nicht ausreichend dehnen, können einen verspannten Beckenboden entwickeln.

Es ist essenziell wichtig, dass der Sex nie wehtun darf

von Hélène Menapace

Welche Symptome treten dann auf – und kann ich selbst herausfinden, ob ich einen verspannten Beckenboden habe?
Das ist ein bisschen tricky, denn sowohl ein hypotoner, also schwacher, als auch ein hypertoner, also verspannter Beckenboden können zu ähnlichen Problemen führen – etwa Inkontinenz, PMS oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Schmerzen beim Sex können eine muskuläre Ursache haben – verspannte Muskeln – oder organisch bedingt sein, etwa eine Organsenkung mit schwachem Beckenboden.


Durch bestimmte Fragen und Checks kann eine Expertin das genauer feststellen. Da Probleme in jedem Alter auftreten können, setze ich mich auch schon seit Langem dafür ein, dass Gynäkologen diese Tests routinemäßig durchführen und frühzeitig an Spezialisten verweisen. Es ist essenziell wichtig, dass der Sex nie wehtun darf – denn bei einem verspannten Beckenboden ist es eventuell der Endschmerz – wenn der Penis auf den Muttermund oder die Gebärmutter trifft, eher ein dumpfer Schmerz – und beim schwachen Beckenboden das fehlende Feedback; dass man wenig spürt.

Das heißt, Beckenboden und Orgasmus hängen eng zusammen?
Absolut. Haben wir einen zu schwachen oder verspannten Becken­boden, fehlt es uns an Ansteuerungsfähigkeit, was für den Orgasmus einen großen Unterschied macht. Die Durchblutung und die Effizienz der Muskeln sind herab­gesetzt, das beeinflusst direkt die Erregbarkeit, da die Befeuchtung von der Durchblutung und vom Nervensystem beeinflusst wird. Wenn dann etwa noch eine Narbe durch einen Scheidenriss bei der Geburt oder auch Kaiserschnitt da ist, kann auch diese wehtun und in Folge die Lust mindern. Es ist recht komplex.


Also ab zum*zur Experten*Expertin bei Problemen. Wohin wende ich mich? Kann ich selbst etwas tun?
Unbedingt ärztlich abklären lassen und sich jemanden suchen, der spezialisiert auf diesen Bereich ist. Das können Physiotherapeut*innen, Osteopath*innen und Hebammen sein. Und: Mittlerweile gibt es auch gute OP-Techniken, bei denen Netze eingesetzt werden, falls notwendig. Ich selbst schwöre auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie Femtech-Hilfsmittel, die mit Biofeedback arbeiten.

Vom Gebrauch von Liebeskugeln rate ich ab, außer die Frau wurde vaginal abgeklärt. In der Früh unter der Dusche kurz eingeführt, um damit den Beckenboden "aufzuwecken", finde ich sie allerdings ganz hilfreich. Denn generell müssen wir an der Wahrnehmung unseres Beckenbodens arbeiten – da fängt die Reise zu unserer Mitte nämlich erst einmal an.

 

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